Asyl
Cayo: «Ich will als Politiker zurück in mein Land»

Im Herbst hätte er beinahe ausreisen müssen, jetzt studiert der ehemalige Asylbewerber Olivier Cayo aus der Elfenbeinküste im zweiten Semester Jus in Neuenburg. Was sagt er zur Verhaftung des abgewählten Präsidenten Laurent Gbagbo?

Sabine Kuster
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Endlich: Olivier Cayo liest in der Zeitung von Gbagbos Verhaftung.

Endlich: Olivier Cayo liest in der Zeitung von Gbagbos Verhaftung.

Solothurner Zeitung

Olivier Cayo, ist heute ein Freudentag?Olivier Cayo: Die Gefühle sind gemischt. Einerseits bin ich fröhlich, andererseits hätte das alles nie passieren dürfen. Ich habe Mitleid mit allen, die jemanden verloren haben und gedemütigt wurden. Wie konnten die Menschen so weit gehen? Das darf nie mehr geschehen.

Sorgten Sie sich in den letzten Wochen um Ihre Familie in Abidjan?
Oh ja, sehr. Vor drei Wochen musste meine Mutter ihr Haus verlassen und sich bei einer Freundin verstecken – ihr Haus steht mitten in einem Quartier von Gbagbo-Anhängern. Eine Art Privat-Bischof von Gbagbo wohnte zuerst dort, dann war das Haus die Basis der Milizen. Die letzten vier Wochen waren Wochen ohne Recht. Wenn du ein Problem mit dem Nachbarn hast und denkst, du seiest stärker... Leute wurden einfach umgebracht.

Warum hat Gbagbo nie aufgegeben?
Er hatte keine andere Wahl. Er machte es wie Gaddafi. Gbagbo wusste, dass er vor ein internationales Gericht gestellt würde. Er glaubte an einen Sieg, seine Armee hatte zwar weniger Leute, aber sie war besser bewaffnet.

Wann haben Sie das letzte Mal mit Ihrer Mutter telefoniert?
Vorgestern. Sie war beunruhigt. Aber jetzt, da Gbagbo festgenommen ist, ist ein neues Gefühl da. Das wird auch für meine Mutter so sein, ihr Kampf gegen Gbagbo dauerte so viele Jahre und immer hat sie auf diesen Moment gewartet. Jetzt kann man wieder beginnen, von Demokratie an der Elfenbeinküste zu sprechen. Und von Respekt.

Aber Ouattara wird es schwer haben.
Ja, Präsident Ouattara hat viel zu tun. Die Unsicherheit bleibt. Gbagbo hatte immerhin 40% Anhänger im Land. Zuerst muss Ouattara diese Leute beruhigen – und die Milizen dazu bringen, die Waffen abzugeben.

Wie schafft er das?
Ich weiss es nicht, denn es sind viele Arme darunter, die sich in den letzten Wochen mit der Waffe ihr Brot erstritten haben. In der Nacht machen sie Raubzüge, man überlebt mit Glück. Diese jungen Patrioten sind schwierig zu kontrollieren, sie haben eine Gehirnwäsche erhalten, Gbagbo ist Gott für sie.

Doch Gbagbo ist jetzt verhaftet.
Aber das Volk bleibt gespalten. Tausende von evangelischen Bischöfen haben seit 1988 für ihn gepredigt. Auch die Uni war reinste Gehirnwäsche. Von 1988 an wurde dort nicht Wirtschaft oder Jus unterrichtet, sondern Sozialismus à la Gbagbo. Ich nenne es Nationalismus und Xenophobie. Als er 2000 Präsident wurde, ernannte er die Unilehrer zu Ministern. So hat er das Volk gewonnen.

Wie würde Ihr Tag aussehen, wenn dem Härtefallgesuch nicht stattgegeben worden wäre und Sie zurück in Ihr Land hätten gehen müssen?
Zum Glück ist es nicht so gelaufen. Alles hätte passieren können. Viele Freunde sind in den letzten Wochen gestorben. Gbagbo wollte ein Land mit 100% Christen, aber in Abidjan gibt es Quartiere, da wohnen 90% Muslime. Diese Orte gab Gbagbo frei zum Raketenbeschuss, die Leute konnten nur noch beten.

Aber Sie selbst sind ja Christ.
Ja, aber wer als Christ nicht auf seiner Seite ist, ist ein umso grösserer Feind. Die Milizen kamen in die Häuser, sie kochten dort, dann transportierten sie mit Lastwagen die Güter ab und entführten die Kinder, um Lösegeld zu erpressen. Das hätte mir auch passieren können. In ein anderes Quartier sind sie zurückgekehrt, nachdem die Bewohner nicht Gbagbo gewählt hatten, obwohl seine Frau dort Schmiergelder verteilen liess. Ein 24-Jähriger wollte vermitteln, er sagte: «Das ist ein Missverständnis, wir sind aus Burkina Faso, wir konnten gar nicht abstimmen.» Er wurde 400 Meter weiter auf der Strasse erschossen.

Schaffen die Ivorer den Wechsel vom Krieg zurück in den friedlichen Alltag?
Wie vergisst ein Vater den Tod seines Kindes? Da ist so viel Hass. Ich weiss nicht, wie Ouattara das machen wird. Es bleibt wohl nur ein Weg wie in Südafrika, wo die Wunden der Apartheid langsam vernarben.

Südafrika hatte einen Mandela, wer ist den Ivorern ein Vorbild für Frieden?
Ouattara hat das Zeug dazu. Er bringt seine Gegner nicht um, er will Gerichte. Es wird keine Hexenjagd geben. Er plant auch eine Versöhnungskommission, die verfeindete Familien zusammenführt. Aber ob das gelingt?

Reizt es Sie nicht, zurückzukehren?
Nein. Die Schweiz ist nun meine Heimat, ich habe so viele Pläne hier. Aber eines Tages kehre ich garantiert zurück. Zuerst will ich Studieren und danach im Strafrecht Erfahrung sammeln.

Wollen Sie als Anwalt zurückkehren?
Mehr als das. Als Politiker! Ich will etwas bewegen an der Elfenbeinküste. Es soll wieder ein Zuhause sein, wo sich alle wohl fühlen, wie das der erste Präsident Félix Houphouët-Boigny gesagt hat.

Wie lange dauert das?
Ich gebe der Côte d’Ivoire 20 Jahre, um aufzuholen, was in den letzten 10 Jahren verpasst wurde oder verloren ging.

Nehmen Sie Ihrer Mutter immer noch übel, dass sie Sie im Ausland sich selbst überliess?
Ich habe ihr verziehen. Alles ist Schicksal und ich hatte trotz allem Glück. Dank der Schweiz habe ich ein neues Zuhause und ich studiere.

Will Ihre Mutter, dass Sie nun zurückkehren?
(Lacht) Nein, jetzt bin ich ein Mann! Ich bin nicht mehr der 16-jährige Olivier, der ich war, als ich das Land und meine Eltern verlassen musste .

Sie meinen, Ihre Mutter hat kein Recht mehr auf Sie?
Ja. Ich habe alles selbst erreicht. Meine Eltern sehen, dass ich es geschafft habe, und sagen: «Wir haben es ja gewusst.» Aber sie wissen nicht, was zwischen den Klammern passiert ist, von all dem Schwierigen als Asylbewerber haben sie keine Ahnung. Das Thema Eltern ist noch nicht abgeschlossen, ich brauche noch mehr Zeit dafür. Aber vorerst mache ich mein Werk, mein Jurastudium.

Die ersten Prüfungen stehen an. Haben Sie Angst?
Nein. Keine. Ich bin sehr optimistisch und gebe mein Bestes.

Fällt Ihnen das Studium leicht?
Nein, gar nicht, ich muss viel lesen, viel verstehen. Aber es macht Spass. Und wenn es Spass macht, hat man auch Erfolg am Schluss, oder?

Sie wollten ein Buch über Ihr Leben schreiben. Sind Sie schon weiter?
Nein, es liegt auf Eis. Ich habe in der letzten Zeit dafür viele Artikel für Zeitungen der Côte d’Ivoire geschrieben.

Sie haben auch versucht, die Ivorer in der Schweiz zur Urne zu bewegen für die Präsidentschaftswahl im vergangenen Oktober. Hatten Sie Erfolg?
Ich denke schon. Und jetzt müssen die Gbagbo- und Ouattara-Anhänger auch in der Schweiz Brüder werden und die Zukunft anpacken. Das wird uns niemand abnehmen.

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