Bezirksgericht Aarau

Busse für vorbestraften Tamilen (57) – er belästigte mehrere Minderjährige in der WSB

Der Mann griff Jugendlichen in den Schritt. (Symbolbild)

Der Mann griff Jugendlichen in den Schritt. (Symbolbild)

Ein 57-jähriger Tamile stand wegen mehrfacher sexueller Belästigung vor Gericht. Ein heute volljähriges Opfer hat ihn angezeigt. Der vorbestrafte Mann kam mit einer Busse davon.

Nach einer halben Stunde Verhandlungszeit bricht die Wut aus dem knapp volljährigen Zivil- und Strafkläger heraus: «Ich glaube ihm kein Wort», sagte Kai (alle Namen geändert). Er ist Opfer eines Sexualdelikts geworden, und hat sich vor Gericht die Klassiker aller Ausreden in diesem Bereich anhören müssen: «Es war ein Versehen» und «ich hatte Alkohol getrunken».

Die Worte, übersetzt aus dem Tamilischen von einer Dolmetscherin, hatte Kanthan (57) geäussert. Kanthan war wegen mehrfacher sexueller Belästigung angeklagt, 1000 Franken Busse verlangte die Staatsanwaltschaft.

Vor Gericht war der in der Region wohnhafte Sri Lanker, der in einem Wynentaler Industriebetrieb arbeitet, ohne Anwalt erschienen – ein kleiner, schmächtiger Mann, mit schütter werdendem Haar, weissen Turnschuhen und dicker goldfarbener Uhr. Er musste nicht nur einem, sondern gleich zwei Opfern gegenübertreten, und er habe sie gleich erkannt, waren sich die beiden Jungs in der Verhandlungspause einig.

Er griff männlichen Jugendlichen zwischen die Beine

Der erste Fall liegt ein Jahr zurück. Im Mai 2019 fuhr Kai, damals 17, eines späten Abends mit der WSB von Aarau in Richtung Menziken. Er stieg mit einem Kollegen in den hintersten Wagen; sie setzten sich auf die Klappstühle im Eingangsbereich, Kanthan daneben. Als kurz darauf ein Viererabteil frei wurde und sich die Jugendlichen umsetzten, folgte ihnen der Mann, nahm wiederum neben Kai Platz, obwohl der Sitz gegenüber auch leer gewesen wäre.

Danach, so heisst es in der Anklageschrift, habe Kanthan seine ausgezogene Jacke so platziert, dass sie teils auf Kais Beinen, teils auf seinen eigenen lag, «um die Sicht auf den Schoss zu verdecken». Danach habe Kan­than den Jugendlichen angesprochen, währenddessen verdeckt durch die Jacke dessen Oberschenkel berührt und ihm dann in den Schritt gegriffen. Als Kai ihn angeschrien habe, was das solle, sei der Beschuldigte sofort aufgestanden und habe den Zug bei der nächsten Haltestelle –Gränichen – verlassen.

Nur wenige Monate später, im September 2019, dasselbe: Gleiche Fahrstrecke, gleiches Vorgehen, nur dieses Mal mit einem Rucksack statt einer Jacke als Sichtschutz, und mit einem erst 14-Jährigen als Opfer. Er rettete sich aus der Situation, indem er vorgab, an einer Party erwartet zu werden, und stieg ebenfalls in Gränichen aus.

Den ersten Fall gab Kanthan vor Gericht zu – es blieb ihm angesichts der Aufnahmen der Überwachungskamera im Zug auch nicht viel anderes übrig –, aber eben, «ich habe es nicht extra gemacht, es ist einfach so passiert, ich hatte Bier getrunken». An den zweiten Fall mochte er sich nicht erinnern. Hier zeigen ihn die Überwachungskameras lediglich auf dem Perron, das 14-jährige Opfer hat Kanthan aber auf einer Videokonfrontation eindeutig erkannt.

Kommt hinzu: Der Beschuldigte ist einschlägig vorbestraft, im Jahr 2017 hat er auf ganz ähnliche Weise schon einmal jemanden sexuell belästigt. Eine Vorliebe für junge Männer habe er aber nicht, betonte Kanthan dezidiert, als die Gerichtspräsidentin danach fragte, «ich bin verheiratet und habe drei Kinder».

Opfer stand tagelang unter Schock und ging nicht raus

Vor Gericht gab Kanthan einerseits den Geläuterten («Ich trinke jetzt keinen Alkohol mehr, wenn ich unterwegs bin»), andererseits den Verzweifelten, in dem er theatralisch schnaufte, das Gesicht in den Händen vergrub und jammerte, er habe kein Geld, um die Busse zu zahlen. Ein Eingeständnis oder eine Entschuldigung kam jedoch nicht; und das führte dazu, dass es Kai, der bis dahin nur stummer Beobachter gewesen war, den Deckel lupfte. Eindrücklich schilderte er, der dem Beschuldigten zumindest heute körperlich überlegen wäre, wie stark ihn das Geschehene mitgenommen hatte. Er sei tagelang unter Schock gestanden und habe das Haus nicht mehr verlassen, hatte Angst vor dem Zugfahren.

«Ich hätte ihn eigentlich noch fragen wollen, ob er sich nicht schäme, das jemandem anzutun, der so alt ist wie seine eigenen Kinder», konstatierte Kai in der Pause während der Urteilsberatung. Diese dauerte nicht lange: Die Gerichtspräsidentin folgte der Anklage – 1000 Franken Busse und ein lebenslanges Verbot, beruflich oder ausserberuflich mit Minderjährigen zu arbeiten.

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