«Bundesräte werden wild aussehen»

Ein Aarauer Coiffeur-Paar erzählt, wie es mit dem Berufsverbot umgeht und warum es verlockende Angebote nicht annimmt.

Nadja Rohner
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Samir und Nadia Iseini mit Layla (3), Malea (10 Monate) und Hund Barney.

Samir und Nadia Iseini mit Layla (3), Malea (10 Monate) und Hund Barney.

Bild: NRO

Am Montagabend ging es noch einmal rund. Bis gegen Mitternacht stand Samir Iseini in seinem Coiffeursalon Die Keiler in der Milchgasse, betreute Kunde um Kunde. «Mit gemischten Gefühlen», sagt er. Stunden zuvor hatte der Bundesrat bekannt gegeben, dass ab Dienstag gewisse Berufe, die einen engen Körperkontakt erfordern (Coiffeure, Kosmetiker, Nagelstylisten, Fahrlehrerinnen), vorerst nicht mehr ausgeübt werden dürfen. Und so absurd es klingt: Die Aussicht, nicht mehr zum Coiffeur gehen zu dürfen, liess die Leute am Montag in Scharen zu ihrem Salon pilgern. «Ich musste nicht einmal einen Preis nennen – die Leute drückten mir ein grosses Nötli in die Hand und sagten «‘Isch guet so’», berichtet Iseini.

Jetzt ist auch sein Salon zu. Obwohl das Samir und Nadia Iseini gleich doppelt trifft – das Ehepaar führt den Salon gemeinsam, es ist ihre einzige Einnahmequelle – finden sie das völlig in Ordnung. Sicherheit und Solidarität geht vor. «Ich habe schon vor ein paar Wochen mit strengen Hygienemassnahmen begonnen», sagt er. «Damals hat man mich ausgelacht. Aber ich wollte auf keinen Fall der Coiffeur sein, bei dem sich alle anstecken.»

Familie Iseini hält sich an das temporäre Berufsverbot. Obwohl verlockende Angebote an sie herangetragen wurden. «Die Leute fragen, ob wir ihnen nicht zu Hause die Haare schneiden können, teilweise bieten sie sogar mehr Geld, als sie im Salon zahlen würden. Aber: Das können wir nicht machen. Das wäre nicht nur illegal, sondern auch unsolidarisch. Gegenüber der ganzen Bevölkerung und insbesondere gegenüber den anderen Coiffeuren, die sich an die Regeln halten und die später auf Kundschaft angewiesen sind.»

«In den nächsten Wochen lassen wir es spriessen»

Der Haar- und Bart-Spezialist betont, man müsse das beste aus der Situation machen: «In den nächsten Wochen lassen wir es einfach spriessen! Alle werden etwas wild aussehen – der Migros-Verkäufer, die Managerin, der Bundesrat an seiner Pressekonferenz. Niemand wird jetzt schräg angeschaut, wenn seine Frisur rausgewachsen ist. Die ideale Gelegenheit also, um nachher, etwas ganz Neues auszuprobieren.» Für die stylingmässig schwierige Übergangszeit, so findet er, «können wir Coiffeure problemlos auch per Videotelefon Tipps geben.» Er plädiert sogar dafür, diesen Wildwuchs in den sozialen Medien zu zelebrieren. So, wie den Playoff-Bart oder den Schnauz im «Movember»: «Machen wir alle jetzt ein Foto von uns, dann eins am Ende der bundesrätlichen Massnahme und eins nach dem ersten Coiffeurbesuch.»

Die Unternehmer rechnen damit, dass es noch zwei oder drei Monate dauern wird, bis ein normaler Betrieb möglich ist. Weil sie als Selbstständige bisher keine Kurzarbeit anmelden konnten, ist das zwar ein Problem für die junge Familie. Aber: «Wie haben Vertrauen in die Politik, dass sie für KMU wie uns bald eine Lösung findet», sagt Samir Iseini. Immerhin bleibe nun Zeit, um den seit 2014 betriebenen Salon im Hintergrund weiterzuentwickeln und als Familie zu entspannen: «Ich hatte seit einem Jahr keine Ferien mehr.»

Das Corona-Virus und die damit verbundenen Auflagen betreffen uns alle. Die «AZ» beleuchtet in einer täglichen Serie den Alltag unterschiedlicher Menschen aus dem Aargau. Alle Texte finden Sie auf www.aargauerzeitung.ch.