Wenn dereinst die Atomkraftwerke Beznau 1 und 2 vom Netz gehen, fehlt der regionalen Fernwärmeversorgung Refuna im unteren Aaretal die Wärmequelle. Jetzt macht Theo Kern, Geschäftsführer des Aargauischen Waldwirtschaftsverbandes (AWV), einen brisanten Vorschlag. Kern sagt: Der Aargauer Wald verkraftet problemlos eine zusätzliche jährliche Holzernte von 100 000 Festmeter Holz. Er hat ausgerechnet, dass in einem Holzkraftwerk so viel Holz verbrannt werden müsste, um damit den Refuna-Bezügerinnen und -bezügern auch in der Zeit nach Beznau 1 und 2 behaglich warm zu geben. Sein Vorschlag daher: Im Aargau bzw. im Refuna-Raum soll ein Holzheizkraftwerk gebaut werden.

Brisant ist der Vorschlag, weil die Axpo vor einigen Jahren in Würenlingen ebenfalls ein Altholzkraftwerk bauen wollte, damit aber am regionalen Widerstand gescheitert ist. Warum soll der neue Vorschlag mehr Chancen haben? Kern verweist auf Basel. Dort wird ein Holzkraftwerk seit fünf Jahren mit Hackschnitzeln aus dem Basler Wald CO2-neutral erfolgreich betrieben, das natürlich von bestehenden Fernwärmenetzen profitieren kann.

«Holz verbrennt sauber, Grenzwerte unterschritten»

Im Aargau gibt es etwas Vergleichbares nur im unteren Aaretal. Und dieses benötigt über kurz oder lang eine neue Wärmequelle. Eine solche Lösung hätte aus Kerns Sicht weitere Vorteile: Der Wald gehört mehrheitlich der öffentlichen Hand, so bliebe die Wertschöpfung im Kanton. Zu Ängsten vor Feinstaub verweist er auf heutige hochmoderne Hightechanlagen, die den Feinstaub abscheiden. Kern: «Holz verbrennt sauber, die Grenzwerte werden unterschritten.»

Der Bau der Anlage wäre teurer als ein Gaskraftwerk. Mit Hackschnitzeln könnte man im Betrieb aber «locker mit anderen Energieträgern mithalten – auch mit Gas», ist Kern überzeugt. Er tritt auch Ängsten entgegen, der Wald könnte unter der zusätzlichen Holzentnahme leiden: «Er verkraftet das problemlos. Aktuell wächst jährlich deutlich mehr Holz nach, als wir ernten. Die vorgeschlagene erhöhte Nutzungsmenge wäre nachhaltig.»

Preis und Strassentransport als Knacknüsse

Eine Knacknuss stellt sich aus Waldsicht aber schon. Zwei Drittel des Waldes sind in öffentlichem Besitz. Dieser ist nur etwa um 5 bis 10 Prozent unternutzt. Die grössten Reserven sind im Privatwald entstanden. Dies, weil sich die Ernte für die Besitzer auf ihren oft kleinen Parzellen nicht rechnet. Man müsste ihnen einen Preis offerieren können, der es für sie lohnend macht. Umgekehrt ist Kern klar, dass der Preis natürlich für beide Seiten stimmen muss.

Einer der Hauptkritikpunkte, die damals gegen das Holzkraftwerk in Würenlingen vorgebracht wurden, waren die Strassentransporte. Kern dazu: «Durch die Nutzung des Waldes entstehen sowieso Strassentransporte. Aber mit einem Holzkraftwerk im unteren Aaretal können wir entscheiden, ob das Holz lokal verarbeitet wird oder ob wir es aus dem Aargau schaffen müssen. Mit einem Holzkraftwerk im Aargau werden die Strassenkilometer reduziert.»

Was, wenn der Axpo das Risiko zu gross wird?

Was sagt die Refuna selbstzu Kerns Vorschlag? Kurt Müller, Verwaltungsratspräsident der Refuna AG, ist skeptisch. Er erinnert sich gut, dass niemand das von der Axpo geplante Holzkraftwerk in Würenlingen wollte. Dieses hätte eine Industrieanlage gegeben und viel Verkehr beschert. Müller: «Es ist ein Akzeptanzproblem.» Er weiss, dass die Refuna es nie wieder so komfortabel haben wird wie mit der seit 30 Jahren ununterbrochen funktionierenden Axpo-Belieferung mit Abwärme aus dem KKW Beznau. Doch wie lange bleibt es in Betrieb und kann Abwärme liefern? Rein technisch wäre es laut Axpo bis 2030 machbar, so Müller.

Was aber sagen Aufsichtsbehörde und Politik? Was, wenn der Axpo das wirtschaftliche Risiko aufgrund der durch die subventionierte Energiewende in Deutschland in den Keller gesausten Strompreise zu gross wird? Müller: «Die Bandbreite für den Betrieb von Beznau bewegt sich zwischen 2030 und – falls irgendwo auf der Welt wieder ein Unglück passieren sollte – im schlechtesten Fall wenigen Wochen.»

Der Refuna-Verwaltungsrat will den Versorgungsauftrag für die Zeit nach Beznau weiter erfüllen und braucht auch künftig eine verlässliche und günstige Versorgung. Nur wie? Man sei mit allen Akteuren in Kontakt und denke in Szenarien, sagt Müller. Aufgrund der grossen rechtlichen Unsicherheit investiere derzeit aber niemand. Müller, der erstaunt ist, via «Schweiz am Sonntag» von Kerns Vorschlag zu hören: «Es gibt mehrere Optionen. Aus CO2-Sicht wäre Biomasse (etwa Holz) die nächstliegende. Refuna würde aber zwei bis drei Holzkraftwerke in der Grösse des einst gescheiterten Axpo-Projekts brauchen. Den Königsweg sehe ich in der Geothermie.»