Aarau
Böses Gerücht: Albert Einstein war kein Schulversager

Margrit Stamm, Professorin an der Uni Freiburg, tischt im Programmheft des Aarauer Maienzugs das Märchen des Schulversagers Einstein auf. Der mit Abstand berühmteste Schüler Aaraus aller Zeiten verdient es aber nicht, dass man ihm in einer offiziellen Schrift so unrecht tut.

Alfredo Mastrocola*
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Albert Einstein: Der berühmteste Aarauer Schüler aller Zeiten. ho

Albert Einstein: Der berühmteste Aarauer Schüler aller Zeiten. ho

Natürlich wäre ein schlechter Schüler Einstein ein Trost für alle jetzigen und ehemaligen schlechten Schüler, aber leider berichten alle namhaften Biografen (z.B. Armin Herrmann, «Einstein, eine Biographie», Piper, 2004) etwas anderes.

Die Lehrer an seiner Volksschule waren wie damals üblich Pauker. Einstein bezeichnet sie später als «Feldwebel». Aber er soll glänzende Noten gehabt haben. Seine Mutter schreibt sogar, er sei Klassenbester gewesen. Am Gymnasium waren die Lehrer nicht weniger stramm, und Einstein litt auch unter dem Antisemitismus seiner Mitschüler, hatte aber wegen seiner Genialität alles Bestnoten, und zwar nicht nur in Mathematik, sondern auch in Latein. Nur in Griechisch hatte er einmal eine 3, dabei war er zwei Jahre jünger als seine Mitschüler. Natürlich machte er sich mit seiner Individualität und seinem Widerspruchsgeist nicht beliebt, aber das gehörte zu seinem Genie wie auch seine «Unbelehrbarkeit».

Wegen Schweissfüssen ausgemustert

Sein Schulabbruch war eigentlich eine Flucht, weil er nach der Matura automatisch als sogenannter «Einjährigfreiwilliger» zum Militär eingezogen worden wäre, was ihm kaum gefallen hätte. Deshalb musste er vorher aus Württemberg heraus, sonst hätte er lange nicht studieren oder ausreisen können. Er verzichtete später in Zürich auf seine Staatsbürgerschaft, wurde Schweizer und wegen Schweissfüssen militärisch ausgemustert.

Nach Aarau kam er wohl auch nur, weil dies der einfachste Weg zur Matura und zum Poly in Zürich war. Er war dort an der Aufnahmeprüfung wegen fehlenden Französischs abgeblitzt. Es gefiel ihm in Aarau sehr gut bei seiner heimeligen, kleinbürgerlichen Gastfamilie Winteler als Gegensatz zu seiner grossbürgerlichen Fabrikantenfamilie.

In der Schule wurde er, obwohl ein Aussenseiter, wenigstens in Ruhe gelassen und konnte sich auch dem holden Geschlecht widmen. Seine erfolgreiche Matura mit ausgezeichneten Noten ist dokumentiert. War er wohl am Maienzug dabei? Ganz sicher nicht in einer Burschenschaft. Ein paar Jahre früher in der Bezirksschule hätte er wohl mit den Kadetten seine liebe Not gehabt.

Einstein wäre auch heute durchgekommen

Wie wäre es ihm wohl in den heutigen Aarauer Schulen ergangen? Hätte er wegen seiner Kleider, seinem Eigensinn, seiner Unsportlichkeit, fehlendem Teamgeist und Disziplin Schwierigkeiten gehabt oder wäre er sogar gemobbt worden? Er wäre wohl trotz allem mit seiner Genialität und seiner Geige heute wie damals auch durchgekommen.

Man sollte die Schule nicht an wahren Genies wie Einstein messen, die kommen trotz der Schule durch, die Schule versagt an ihnen und nicht umgekehrt. Schauen wir, dass unsere Schule möglichst vielen Kindern gerecht wird, vom Schwächeren möglichst bis zum Genie, ob sie jetzt eine Matura machen oder nicht.

* Alfredo Mastrocola ist Physiker und Mitglied des Initiativkomitees Einstein am Bahnhof

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