Altstoffhändler
«Bomber-Schaffner»: Vor 65 Jahren wurde ein Suhrer zum Helden

Heute vor 65 Jahren wurde aus Altstoffhändler Martin Schaffner der «Bomber-Schaffner».

Katja Schlegel
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Bomber-Schaffer
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Bomber-Schaffer

Sammlung Oskar Rickenbacher

Zehntausend kamen. Stapften mit offenen Mäulern um den amerikanischen Silbervogel, den viermotorigen US-Air-Force-Bomber, das Grösste, was die Luftwaffen damals in den Himmel schickten. Und jetzt stand sie vor ihnen, diese fliegende Festung. Schaut her, raunen sie, was da auf dem Grund des Zugersees lag, acht Jahre lang, und jetzt hat er den Bomber hochgeholt, dieser Teufelskerl. Und der Teufelskerl stand zufrieden beim Kassenhäuschen, im Mundwinkel lässig die Zigarre hängen, und hörte die Kassen klingeln. 1.10 Franken zahlten die Erwachsenen, 55 Rappen die Kinder. Und als er sah, dass die Besucher mit morastigen Schuhen vom Ausstellungsgelände liefen, schickte er vier Angestellte, um den Besuchern für 30 Rappen die Schuhe zu putzen.

Der Teufelskerl, der «Bomber-Schaffner». Der gebürtige Gränicher, mit 19 Jahren bereits Altstoffhändler und später Tankwart in Suhr, mit bürgerlichem Namen Martin Schaffner. Ein Fuchs, ein Gschäftlimacher, ein Pfundskerl. Er hatte geschafft, was die Schweizer Armee für unmöglich gehalten hatte, und die Boeing B-17G aus dem Zugersee gefischt. Am 23. August 1952. Auf den Tag genau vor 65 Jahren.

Als Spion verhaftet

Der Grund, weshalb sich Schaffner damals überhaupt auf die Suche nach einem Flugzeug macht, ist eine Zeitschrift aus Amerika: Auf der Titelseite ist eine Tankstelle abgebildet, auf deren Dach ein Sportflugzeug steht. Schaffner, der in Suhr beim heutigen Rundhaus eine Auto-Service-Station mit Tankstelle betreibt, geht dabei ein Licht auf. «Der Benzin-Preiskampf war damals gnadenlos», sagt Dani Egger, Historiker und Betreiber der Website warbird.ch, der Schaffners Geschichte bestens kennt. «Ein Flieger war der perfekte Werbegag, um Kunden anzulocken.»

Doch in der Schweiz gibt es keine Bomber zu kaufen. Also fährt Schaffner mit seinem Bruder Peter zum Flughafen Frankfurt zur US Air Force Base. Weil man Schwergewicht Schaffner mit einem beleibten Oberst verwechselt, gelangen die Brüder ungehindert auf das bewachte Gelände. Als die amerikanischen Soldaten die Verwechslung bemerken, verhaften sie die Schaffners als Spione. Doch das Versehen klärt sich rasch, man lacht und scherzt, hat das Heu auf der gleichen Bühne. Nach verdautem Schreck werden die Schaffner-Brüder vom Oberst zum Essen eingeladen. Zwar könne man ihnen kein Kriegsmaterial verkaufen, erklären die Amis, aber Schaffner solle doch einfach eines ihrer in der Schweiz abgestürzten Flugzeuge heben. Und genau das tut Schaffner.

An Altmetallhändler verkauft

Die Zahl der während des Zweiten Weltkriegs über Schweizer Boden abgestürzten oder notgelandeten Flieger aller Nationen ist beachtlich: zwischen 240 und 250 Stück, je nach Quelle und Definition. Viele davon sind amerikanische Flugzeuge. «Die Amerikaner haben leicht ramponierte Flugzeuge geflickt und nach dem Krieg wieder nach England zurückgeflogen», sagt Egger. Was irreparabel war, blieb in der Schweiz und wurde an Altmetall-Händler verkauft. «Die Amerikaner hatten kein Interesse daran, ihren Metallschrott wieder einzusammeln», so Egger. Schaffner hat also eine grosse Auswahl. Und weil er es gross mag, sucht er sich den B-17-Bomber aus, der 1944 im Zugersee notgelandet ist.

Zwei Jahre lang bereitet er sich auf die Bergung des Wracks mit dem Nickname «Lonesome Polecat» vor. Ringt in Bern um Bewilligungen, rekonstruiert anhand von Fotos und den Aussagen von Fischern, wo der Bomber in etwa liegen müsste, und lässt aus zwei riesigen Benzintanks ein Floss bauen, das als Hebebühne dienen soll. Weil er keine Ahnung vom Flugzeugbergen hat, fragt Schaffner bei der Schweizer Armee nach, an welcher Stelle man denn das Flugzeug am besten mit den Stahlseilen umwickeln solle, wo die stärkste Stelle sei. Da gibt man ihm widerwillig einen Rat mit der Bemerkung, dass es unmöglich sei, diesen Bomber zu heben.

Schaffner sucht lange nach einem Taucher, der seinen Auftrag ausführen will. Das Wrack liegt 45 Meter tief. Eine lebensgefährliche Tiefe. Damals wird der Taucher nicht über eine Sauerstoffflasche mit Luft versorgt, die Luft wird per Hand durch einen Schlauch in die Tauchglocke gepumpt. Taucher Gottlieb Scherrer lässt sich von Schaffner für das Abenteuer begeistern, unter der Voraussetzung, dass ihm Schaffner eine Leiter bis hinunter zum Wrack baut. Schaffner lässt Scherrer die Stahlseile befestigen, wo ihm von Armeexperten geraten wurde. Zwei- bis dreimal pro Tag steigt Scherrer zum Wrack, sechs Wochen lang.

Doch die Angaben sind falsch. Beim ersten Versuch, die knapp 30 Tonnen schwere Maschine zu bergen, reissen die ungeheuren Kräfte die Kanzel vom Rumpf. Schaffner lässt die Seile erneut um den Flieger wickeln, diesmal nach seinem Gutdünken. Und beim zweiten Versuch, in den frühen Abendstunden des 23. August, exakt um 18.15 Uhr, hieven die drei Winden den 30-Tonnen-Bomber, 22,5 Meter lang und mit einer Spannweite von 32 Metern, an die Oberfläche. Schaffner hat es geschafft. Nach zwei Jahren der Vorbereitung und zwei Monate nach Beginn der Arbeiten wird das Wrack beim heutigen Bootshafen in Zug an Land gezogen.

Mit Bomber auf Wanderschaft

Die Medien stürzen sich auf Schaffner, verpassen ihm den Übernamen «Bomber-Schaffner». Das gefällt dem geschäftstüchtigen Suhrer, in allen erdenklichen Posen lässt er sich von seiner «Fliegenden Festung» ablichten, erzählt in wuchtigen Worten von der schwierigen Bergung, vom «Luftgigant», vom «Entreissen vom Seegrund», die Journalisten lechzen danach. Und mit ihnen die Schweizer. Aus allen Landesteilen kommen die Besucher nach Zug, allein am ersten Besichtigungstag sind es knapp 10 000.

Bomber-Schaffner, gerade noch für seine Bemühungen um das rostige Zeug belächelt, macht mit seinem Bomber ein kleines Vermögen. Nach Zug stellt er ihn in Cham, Basel, Biel, Lausanne und Bümpliz aus, bis er ihn schliesslich bei der Tankstelle in Suhr aufstellt. Gleichzeitig fischt Schaffner weiter: 1953 hebt er einen B-17-Bomber aus dem Greifensee, aus dem Bodensee holt er ab 1954 eine «Lancaster», ein gesunkenes Taucherschiff, fünf deutsche Bomber, eine Swissair-Maschine und drei weitere Kampfflugzeuge. Selbst aus Deutschland und Österreich soll er geheime Bergungsanfragen bekommen haben. Der «Nebelspalter» bezeichnet ihn in einer Karikatur als «erfolgreichsten Fischer der Schweiz».

1962 macht sich Bomber-Schaffner an die Bergung des 1854 im Bodensee versunkenen Dampfschiffs «Jura». Ein Wrack, das durch den Kalk, der sich in den über 100 Jahren festgesetzt hat, schneeweiss scheint – ein «Geisterschiff», wie der Taucher es nennt. Schaffner hat Grosses vor mit dem «Geisterschiff», er will ein Restaurant darin einrichten. Doch es bleibt ein Traum. Nach einer Operation wegen seiner Fettleibigkeit (vor der Operation soll er weit über 210 Kilogramm gewogen haben) erkrankt er an einer Lungenentzündung. Am 5. Oktober 1965, im Alter von 45 Jahren, stirbt Martin Schaffner in Baden.

Sein erster Bomber wird nach Schaffners Tod verkauft. Ab 1966 steht die Maschine in St. Gallen-Winkeln, 1970 wird sie nach St. Moritz-Bad transportiert und 1972, bis auf ein paar wenige Teile, verschrottet – Anwohner hatten sich an dem Kriegszeugen gestört.

Für die Besatzung gabs trockene Kleider vom Polizisten und drei Schüsse von Verwirrtem

Es ist der Morgen des 16. März 1944. 740 US-Air-Force-Bomber und Begleitjagdflugzeuge sind in Grossbritannien gestartet, um die Städte Augsburg, Ulm und Friedrichshafen zu bombardieren. In der Nähe von Stuttgart nimmt die Deutsche Luftwaffe einen B-17G-Bomber mit dem Nicknamen «Lonesome Polecat» (einsamer Iltis) unter Beschuss und beschädigt ihn schwer. Pilot Robert Meyer (22) muss die Formation verlassen und nimmt Kurs auf die Schweiz, um sich nach Spanien zu retten. Unterwegs wirft die Crew alles über Bord, was nicht niet- und nagelfest ist: Bomben, Maschinengewehre, defekte Funkgeräte, eine Splitterschutzweste (über Oberlunkhofen), Sauerstoffflaschen.

Über Schweizer Gebiet wird der Bomber von drei Jagdflugzeugen eskortiert. Weil der Bomber wegen Motorenproblemen weiter an Höhe verliert, dreht der Pilot im Berner Oberland in Richtung Flugplatz Dübendorf ab. Über Baar beträgt die Flughöhe noch 300 Meter; die neunköpfige Crew springt mit dem Fallschirm ab. Dabei verletzt sich Navigator Williams tödlich; sein Fallschirm öffnet sich nicht richtig. Auf den Rest der Crew feuert ein Baarer mit seinem Karabiner drei Schüsse ab, ohne aber zu treffen. Er habe gemeint, es sei eine Invasion Deutscher Soldaten, gibt der Mann später zu Protokoll.

Als er das Flugzeug über Zug dröhnen hört, versteckt sich der fünfjährige Oskar Rickenbacher unter der Kellertreppe. Heute zählt Rickenbacher zu den besten Kennern der Geschichte des Zugersee-Bombers. «Eine Landung auf dem Boden war für den Piloten ausgeschlossen», sagt Rickenbacher. Und so wasserte der Pilot die «Fliegende Festung» kurz vor 13 Uhr auf dem Zugersee. «Der Pilot stieg durchs Co-Pilotenfenster auf den linken Flügel, pumpte die Schwimmweste auf, sprang ins kalte Wasser und schwamm Richtung Ufer.» Fünf Minuten später versinkt die Maschine. Ein Ruderboot nimmt den Piloten auf und bringt ihn ans Ufer. Da hat sich unterdessen eine grosse Menschenmenge versammelt. «Der Pilot hat übers ganze Gesicht gestrahlt und den Leuten zugewinkt», so Rickenbacher. Die Stadtpolizisten stecken den klitschnassen Meyer in einen trockenen Trainingsanzug und der Stadtpräsident organisiert Essen und Trinken.

Die «Lonesome Polecat» ist eine von 23 Maschinen, die an diesem Tag nicht mehr nach Grossbritannien zurückkehren. (ksc)