Aarau
Bombenanschläge statt süsses Diplomatenleben

Ein ehemaliger Botschafter berichtet aus seinem reichem Berufsleben: In Libyen wurde seine Wohnung 1986 von den Amerikanern bombardiert, bei Saddam Hussein entging er nur knapp einem Bombenanschlag.

Hermann Rauber
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«Wir müssen uns wieder auf unsere alten und bewährten Werte zurückbesinnen», forderte Hans Rudolf Hoffmann, nämlich auf «Solidität, Glaubwürdigkeit und Innovation.» Der ehemalige Botschafter der schweizerischen Eidgenossenschaft fand beim Jahrgängertreffen der Reformierten Kirchgemeinde Aarau dankbare Zuhörer. Diese hatte bereits zum zweiten Mal zu einem Kontaktanlass der 70-Jährigen eingeladen.

Amüsanter Erzähler

Hoffmann entpuppte sich als amüsanter Causeur, als kritischer Beobachter des Zeitgeistes und namentlich als scharfer Kritiker der gegenwärtigen Aussenpolitik. Die Schweiz habe in den letzten Jahren «an Reputation eingebüsst». Das Land sei auch in seinen diplomatischen Bemühungen, im «Aussendienst» also, «bequem geworden», mit der zunehmenden «Fünfer-und-Weggli-Mentalität» mangle es an «Distanz und Überblick», sagte Hoffmann.

Dazwischen streute der Altbotschafter immer wieder Reminiszenzen aus seiner Tätigkeit im Dienste des Eidgenössischen Departementes für auswärtige Angelegenheiten (EDA) ein. Etwa die Akkreditierung beim belgischen König Baudoin in Brüssel, mit dem sich der junge Attaché zum Entsetzen seiner Vorgesetzten über die neuste Technik im Skifahren unterhielt.

In Paris wurde er zum «kämpferischen Vaterlandsverteidiger» und lernte seine Frau kennen. Gefährliche Zeiten erlebte Hoffmann anschliessend in Tripolis und Bagdad, in Libyen wurde seine Wohnung 1986 von den Amerikanern bombardiert, bei Saddam Hussein entging er nur knapp einem Bombenanschlag. «Von süssem Diplomatenleben also keine Spur», korrigierte Hans Rudolf Hoffmann das in der Yellow-Presse kolportierte Bild von unbeschwerten Cüpli-Empfängen.

Die Diplomatie sei, wenn man sie richtig ausübe, «Knochenarbeit». Allerdings würden die entsprechenden Berichte von den Aussenstationen in der Zentrale in Bern nicht immer ernst genommen. Das führe zu falschen politischen Strategien. Es sei unverständlich, dass die Schweizer Ressourcen in den Ländern der Europäischen Union zurückgefahren und stattdessen die diplomatischen Aktivitäten in Drittweltländern ausgebaut würden. Gerade in Europa gehe es für das Nichtmitglied Schweiz darum, innerhalb der EU «Allianzen zu schmieden» und zu pflegen. Die jüngsten Doppelbesteuerungsabkommen mit Deutschland und Grossbritannien zeigten «die erfolgversprechende Stossrichtung».

Lehren für Softy-Schweizer

Heute hätten in der Aussenpolitik «Show und Aktivismus» Einzug gehalten, möglichst im medialen Scheinwerferlicht. Und eine gewisse «Selbstüberschätzung», zum Beispiel mit «voreiliger Parteinahme» im Nahen Osten, trage nicht zur Glaubwürdigkeit bei. Der «moralische Zeigfinger» sei an die Stelle der humanitären Hilfe und der guten Dienste im Rahmen der Völkergemeinschaft getreten.

Zu den unabdingbaren Maximen der Aussenpolitik gehört laut Hoffmann auch die bewaffnete Neutralität, an der immer mehr gekratzt werde. Mit dem Satz «Was der Softy-Schweizer nicht lernen will, das lehren ihn die Verhältnisse» schloss der ehemalige Botschafter seinen Diskurs im Aarauer Bullingerhaus unter grossem Applaus der 70-Jährigen ab.