Leo, Till, Max und Moritz (alle Namen geändert) waren die Akteure, die in einer Septembernacht 2015 an einem blutigen Drama mitwirkten: Leo als Taxifahrer, die andern als prügelnde Fahrgäste. Ort des Geschehens: das Innere von Leos Taxi und eine Strasse in Rombach. – Mehr als zwei Jahre später musste sich Leo nun vor dem Bezirksgericht verantworten.

Die Staatsanwaltschaft warf ihm Unterlassung der Nothilfe und Begünstigung vor. Den Strafbefehl, mit dem er zu einer bedingten Geldstrafe von 6000 Franken, einer Busse von 1200 Franken und einer Strafbefehlsgebühr von 1100 Franken verurteilt wurde, hatte der 64-Jährige angefochten.

Auf Verlangen von Gerichtspräsidentin Patricia Berger resümierte Leo gestern, was sich damals abgespielt hatte: In der Nacht auf Sonntag wars, um zwei Uhr früh, am Bahnhof Aarau. Till, sturzbetrunken, wollte ins Wynental hinauf gefahren werden, war aber nicht bereit, den von Leo geschätzten Preis der Fahrt zu bezahlen. Hierauf liess Leo zwei andere Fahrgäste einsteigen – Max hinten, Moritz vorne.

Kaum hatten die beiden Platz genommen, wurde hinten noch einmal eine Tür geöffnet und jetzt sass auch Till im Auto. Mit dem Fahrpreis war er mittlerweile einverstanden – und auch damit, dass die Fahrt nun zuerst in die Gegenrichtung, nach Rombach, führte.

Faustschlag als Auslöser

Die bloss wenige Minuten dauernde Tour genügte Till und Max, um sich im Fond des Taxis aus nichtigem Anlass gehörig in die Wolle zu kriegen. Rund 300 Meter vor dem Ziel knallte Till, wie Leo erzählte, Max die Faust ins Gesicht. Damit war die Keilerei eröffnet. Leo hielt das Taxi sogleich an.

Doch nun stürmte Moritz aus dem Auto, riss Till vom Hintersitz und nahm ihn in den Schwitzkasten. Dann langte Max, inzwischen ebenfalls ausgestiegen, zu und richtete Till mit den Fäusten und seinen Stahlkappenstiefeln übel zu. Im Spital wurden später unter anderem Frakturen des Nasenbeins und am Boden der linken Augenhöhle festgestellt.

Irgendwo begann eine Frau zu schreien. Und Leo schaffte es, Max und Moritz von dem zu Boden gegangenen Till zu trennen. «Die sind ausgeflippt und hätten ihn sonst noch schlimmer zugerichtet», meinte Leo vor Gericht. Um Schlimmeres zu verhüten, habe er Max und Moritz ans Ziel gebracht. Dort wurde er für die Fahrt entlöhnt und erhielt rund sieben Franken Trinkgeld.

Dann fuhr er weg, um den nächsten Auftrag auszuführen. Dass Till verletzt gewesen sei, verteidigte sich Leo, habe er in der Dunkelheit nicht gesehen. Der alleine zurückgebliebene Till rappelte sich dann auf und torkelte in Richtung Aarau davon. Rund einen Kilometer vom Tatort entfernt griff ihn die von einer Drittperson alarmierte Polizei auf.

Sistierung des Verfahrens abgelehnt

Till erhob Privatklage – auch gegen Leo. Sein Anwalt verlangte rund 3000 Franken Schadenersatz und eine Genugtuung von 5000 Franken. Den Antrag des Anwalts, das aktuelle Verfahren zu sistieren und dieses gemeinsam gegen Max, Moritz und Leo zu führen, lehnte die Gerichtspräsidentin ab. Auch Max und Moritz seien mehrfach befragt worden, sagte Patricia Berger.

Auch neuerliche Einvernahmen würden die Widersprüche zwischen den drei Darstellungen nicht beseitigen. Ausserdem war Max bereits verurteilt worden.

Mit ihrem Urteil folgte Patricia Berger der Argumentation von Leos Verteidigerin, welche die Vorwürfe als haltlos bezeichnet und einen Freispruch verlangt hatte. Eine Unterlassung der Nothilfe, erklärte auch die Gerichtspräsidentin, sei nicht gegeben, weil dafür (laut Art. 128 Abs. 1 des Strafgesetzbuchs) eine unmittelbare Lebensgefahr Voraussetzung gewesen wäre.

Das Vorliegen einer solchen habe ein medizinisches Gutachten jedoch verneint. Auch vom Vorhalt der Begünstigung sprach Berger Leo frei. Ob mit dem Wegfahren der Tatbestand objektiv erfüllt sei, könne man sich zwar fragen. In subjektiver Hinsicht sei dies aber nicht der Fall, weil sich keine Begünstigungsabsicht erkennen lasse. Leo habe niemandem helfen wollen, sich einer Strafverfolgung zu entziehen.

Die Lehre, stellte die Gerichtspräsidentin weiter fest, habe Leo aus dem Ganzen schon gezogen. Leo hatte nämlich eingeräumt, er hätte sich vergewissern sollen, wie es um Till stand. Das sei ihm im Nachhinein klargeworden. Und nächstes Mal würde er die Polizei avisieren.