Aarau
«Blumen für die Kunst»: Mit Jungtalent Annika Junghans in der Ausstellung unterwegs

Nur wenige dürfen die Ausstellung besuchen. Die AZ war mit Jungtalent Annika Junghans auf einer Führung durch «Blumen für die Kunst».

Katja Schlegel
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Für Jungtalent Annika Junghans ist das Ausstellen an «Blumen für die Kunst» nicht nur eine grosse Ehre, sondern auch ein Heimspiel: Sie ist in Suhr aufgewachsen.

Für Jungtalent Annika Junghans ist das Ausstellen an «Blumen für die Kunst» nicht nur eine grosse Ehre, sondern auch ein Heimspiel: Sie ist in Suhr aufgewachsen.

Chris Iseli

Das ist er nun. Der alte Freund. Klein wie ein Sofakissen, gerahmt in Silber, Cuno Amiets «Mondnacht auf dem Meer» aus dem Jahr 1892. Annika Junghans’ Liebe auf den ersten Blick. Das Bild, das sie in den letzten Monaten immer mit sich herumgetragen hat. Das Bild, von dem sie sagt, es sei ihr so vertraut, dass es sich beim Betrachten anfühle, als ob sie einen alten Freund wiedersehen würde. Und wie das riecht!

Es ist Dienstagnachmittag, der erste offizielle Tag von «Blumen für die Kunst» im Aargauer Kunsthaus. Vierzehn Schweizer Floristinnen und Floristen stellen hier auf Einladung von «Flowers to Arts» und dem Kunsthaus Aargau ihre floralen Interpretationen klassischer und zeitgenössischer Schweizer Kunstwerke aus. Annika Junghans ist das Jungtalent der Veranstaltung, 20 Jahre alt, seit Oktober beim Blumengeschäft Ginkgo in Amriswil TG angestellt. Aufgewachsen ist sie aber in Suhr, ihre Lehre hat sie in Zo­fingen bei Botaniqum absolviert.

Jetzt steht sie hier, zu einer der besten ihres Fachs gekürt; eine Teilnahme an «Blumen für die Kunst» gilt in der Branche als Ritterschlag. Steht hier vor einer Schar aufmerksamer Besucherinnen und Besucher, und parliert mit Kunsthistoriker Rudolf Velhagen über das Zusammenspiel von Blumen und Kunst, als würde sie das täglich tun.

Florale Interpretation: Regula Guhl, Zürich Werk: Meret Oppenheim, Dunkle Berge, rechts gelb-rote Wolken, 1977–1979
14 Bilder
Blumen für die Kunst 2020
Florale Interpretation: Yoann Grezet, Genf Werk: Ingeborg Lüscher, Ohne Titel. I F – XIII – XVII, 1995 (Serie)
Florale Interpretation: Claudia Lischer und Annina Ruch, St. Moritz Werk: Giovanni Segantini, Paesaggio alpino / Berglandschaft, 1898–1899
Florale Interpretation: Marco Weisskopf, Zürich Werk: Hermann Scherer, Im Baumgarten, 1925–1926
Florale Interpretation: Silvana Hassler, Koppigen Werk: Édouard Vallet, Le matin à la montagne (Savièse au Valais), 1912
Florale Interpretation: Severin Stadler, Basel Werk: Alexandre Calame, Staubbach, 1837
Florale Interpretation: Katja Schläfli, Budapest Werk: Oscar Lüthy, Die Musizierenden, o. J.
Florale Interpretation: Milena Seeberger, Knonau Werk: René Auberjonois, Tänzerin mit entblössten Schenkeln (Danseuse aux cuisses nues), 1950
Florale Interpretation: Annika Junghans, Amriswil Werk: Cuno Amiet, Mondnacht auf dem Meer, 1892
Florale Interpretation: Marcel Gabriel, Sempach Werk: Rosina Kuhn, Esalen, 2016
Florale Interpretation: Verena Laufer, Engen Werk: Verena Loewensberg, Ohne Titel, 1957
Florale Interpretation: Elsbeth Leuenberger und Anita Schibli, Hausen Werk: Ernst Ludwig Kirchner, Erna mit Japanschirm (Japanerin), 1913
Florale Interpretation: Isabelle Becker, Zug Werk: Heiny Widmer, Vierbild über den tieferen Grund der Dinge, o. J.

Florale Interpretation: Regula Guhl, Zürich Werk: Meret Oppenheim, Dunkle Berge, rechts gelb-rote Wolken, 1977–1979

Aargauer Kunsthaus

Ein kleines, keckes Gewächs mit roten Ärmchen – der Leuchtturm

Und dann kommt der Moment, der vielleicht schwierigste, bestimmt der aufregendste: Annika Junghans zeigt den Besuchern ihren alten Freund, Amiets Mondnacht, mitsamt ihrem Arrangement.

Dieses Blau, dieses süffige, liebliche, ruhige Blau. Blau die Vasen, blau die Blumen, blau die Kunstharzplatte. Rittersporn, Hyazinthen, Vergissmeinnicht, Clematis, Schneeball, ein Meer aus blauen Blüten und Beeren, wie tausend kleine Wellen. Dazwischen ein kleines, keckes Gewächs, hell, mit feinen, roten Ärmchen. Eine Grevillea. Und gegenüber wölbt sich eine Tuberosa in milchigem Weiss. Leuchtturm und Mond, natürlich. Die Blumen geben dem kleinen Bild seine Grösse, bündeln den Blick. Alles zieht hin zum Mond. Genau diesen Effekt habe sie verstärken wollen, sagt Annika Junghans. Die Besucherinnen und Besucher applaudieren.

Diese Ausstellung tut nicht nur Gutes für die Kunst. Sie tut auch Gutes fürs Gemüt.

(Quelle: Rudolf Velhagen, Kunsthistoriker )

Annika Junghans erklärt auch, wie es zur Auswahl kam, wie sie von der Ausstrahlung des Bildes von Anfang an begeistert war. Und was für eine Arbeit hinter dem Arrangement steckt. Die Vasen beispielsweise, die waren längst nicht alle blau, die waren weiss und grün und pink. «Ich habe sie mit Leim eingestrichen, mit Sand bestreut und eingefärbt.» Kein Zufall, ebenso wie die angschrägte Holzplatte, die leicht verschoben über den Sockel ragt. Eine Eingebung im letzten Moment, beim Aufbau. Erst wenige Stunden ist es her, dass Annika Junghans ihr seit Monaten entwickeltes Arrangement zum ersten Mal zusammengefügt gesehen hat. Ein ungeduldig erwarteter Moment, der Moment der Wahrheit. «Da habe ich noch etwas geschoben und gedreht, und so noch eine zusätzliche Bewegung geschaffen. Ganz spontan.»

Ein Mitbringsel vom Besuch von Meret Oppenheims Grab

Wie viel in der Ausstellung spontan, im letzten Moment entstanden ist, lässt sich nur erahnen. Aber die verschobene Platte zeigt stellvertretend, wie wichtig selbst kleinste Brüche sein können. Was allein schon die sattbraune Farbe des Sockels zum Gesamten beiträgt, wie aufregend die orangefarbenen Kanten von Plexiglasscheiben sein können, wie überraschend selbstverständlich die mit Reis beklebten Blumenschalen vor dem japanischen Sonnenschirm. Und erst die Entstehungsgeschichten; so stammt beispielsweise das getrocknete Farn in der Interpretation von Meret Oppenheim aus dem Tessin. Die Zürcher Meisterfloristin Regula Guhl hat es beim Besuch von Oppenheims Grab mitgenommen.

Alle diesjährigen Werke in Bildern:

Florale Interpretation: Regula Guhl, Zürich Werk: Meret Oppenheim, Dunkle Berge, rechts gelb-rote Wolken, 1977–1979
14 Bilder
Blumen für die Kunst 2020
Florale Interpretation: Yoann Grezet, Genf Werk: Ingeborg Lüscher, Ohne Titel. I F – XIII – XVII, 1995 (Serie)
Florale Interpretation: Claudia Lischer und Annina Ruch, St. Moritz Werk: Giovanni Segantini, Paesaggio alpino / Berglandschaft, 1898–1899
Florale Interpretation: Marco Weisskopf, Zürich Werk: Hermann Scherer, Im Baumgarten, 1925–1926
Florale Interpretation: Silvana Hassler, Koppigen Werk: Édouard Vallet, Le matin à la montagne (Savièse au Valais), 1912
Florale Interpretation: Severin Stadler, Basel Werk: Alexandre Calame, Staubbach, 1837
Florale Interpretation: Katja Schläfli, Budapest Werk: Oscar Lüthy, Die Musizierenden, o. J.
Florale Interpretation: Milena Seeberger, Knonau Werk: René Auberjonois, Tänzerin mit entblössten Schenkeln (Danseuse aux cuisses nues), 1950
Florale Interpretation: Annika Junghans, Amriswil Werk: Cuno Amiet, Mondnacht auf dem Meer, 1892
Florale Interpretation: Marcel Gabriel, Sempach Werk: Rosina Kuhn, Esalen, 2016
Florale Interpretation: Verena Laufer, Engen Werk: Verena Loewensberg, Ohne Titel, 1957
Florale Interpretation: Elsbeth Leuenberger und Anita Schibli, Hausen Werk: Ernst Ludwig Kirchner, Erna mit Japanschirm (Japanerin), 1913
Florale Interpretation: Isabelle Becker, Zug Werk: Heiny Widmer, Vierbild über den tieferen Grund der Dinge, o. J.

Florale Interpretation: Regula Guhl, Zürich Werk: Meret Oppenheim, Dunkle Berge, rechts gelb-rote Wolken, 1977–1979

Aargauer Kunsthaus

Die Gruppe zieht weiter, in andächtiger Ruhe, in ruhigem Staunen, in staunender Freude. Der Niesen von Ferdinand Hodler, je nach Blickwinkel verdeckt von einem Berg aus Traubenhyazinthen und Moos, umrankt von Wolken aus Schleierkraut. Die bündelnde Baumgruppe vor dem monumentalen «Staubbach» von Alexandre Calame. Die versteckten Blüten vor der Frau, der der man erst auf den zweiten Blick ihre Nacktheit ansieht, der «Tänzerin mit entblössten Schenkeln» von René Auberjonois. Die Wolke aus eingefärbtem Schleierkraut vor der «Berglandschaft» von Giovanni Segantini, so luftig, dass man hineinliegen möchte. Der Bann ist gewaltig, die Freude ebenso. Rudolf Velhagen sagt es treffend: «Diese Ausstellung tut nicht nur Gutes für die Kunst. Sie tut auch Gutes fürs Gemüt.»

Wer darf rein?

Das Aargauer Kunsthaus muss wegen des Corona-Virus die Eintritte rigoros einschränken. Es gibt keine Einzelbillette, auch bereits online gebuchte Tageskarten verfallen und werden rückerstattet. Einlass bekommt nur, wer eine Führung, ein Vermittlungsangebot oder für die Special Hour am Morgen gebucht hat. Gültig bleiben auch Gruppenreservationen. Auskunft gibt die Hotline 062 835 44 93.
Blumen für die Kunst Aargauer Kunsthaus, bis 8. März

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