Aarau

Blitzableiter und Dörrmaschine: Kraftwerk und Türmli haben eine bewegte Geschichte hinter sich

Seit 1858 glommen die ersten Gaslaternen in den Gassen, ein grosser Fortschritt. Auch erzeugten verschiedene Fabrikanten mit kleinen Werken bereits eigenen Strom, um Maschinen anzutreiben. Für ein Aarauer Kraftwerk brauchte es aber einige Jahre.

Der Strom war den Aarauern vor rund 130 Jahren nicht geheuer. Als Stadt in die Stromproduktion investieren, wie das der Gemeinderat (heute Stadtrat) wollte? Das war den ängstlichen Hütern der Stadtkasse Anfang der 1890er-Jahre dann doch ein zu heisses Eisen. Man fürchtete Betriebsdefizite und Absatzmangel.

Bis die Gemeindeversammlung der Investition in ein eigenes Elektrizitätswerk zustimmte, brauchte es ein paar Jahre – und einen gefitzten Stadtammann, der den Aarauern die Investition in Koppelung mit einem Geschäft schmackhaft machte, das sie kaum ausschlagen konnten: Stadtammann Max Schmidt hatte mit Hans Fleiner, als Eigentümer der Zementfabrik Fleiner auch Besitzer des 1874 gebauten Gewerbekanals an der Aare, ausgehandelt, dass beim Kauf des Kanals die bereits bestehende, fabrikeigene Kraftanlage genutzt und ausgebaut werden könnte. Und das zu sehr günstigen Konditionen. 1903 verkaufte Fleiner seinen Anteil am Flusskraftwerk der Stadt.

Die Bügeleisen brauchten Strom

Die Gemeindeversammlung segnete die Investition ab. So kam Aarau 1893 für 75 000 Franken zum ersten Elektrizitätswerk Aarau, der «Lichtzentrale» in der Oberen Mühle (heute McDonald’s); das Wasserrad, betrieben durch den Stadtbach, wurde durch eine Turbine ersetzt. Und ein Jahr später drehten die ersten beiden Turbinen im Flusskraftwerk am ehemaligen Gewerbekanal. Die private Stromproduktion der verschiedenen Fabrikanten wurde abgeklemmt, die Behörden führten das Monopol ein.

Hatte die Lichtzentralanlage in der Oberen Mühle zu Beginn noch knapp für das Beleuchten von 1000 Glühlampen gereicht, stieg der Strombedarf nun sprunghaft an. 1907 wurde das neue Stauwehr fertiggestellt. 1909 genehmigte die Einwohnergemeinde diskussionslos den Ausbau der Anlage und damit einen zweiten Kanal, der parallel zum ersten Kanal angelegt und mitsamt dem Kraftwerk II und dem Maschinenhaus II Ende 1912 fertiggestellt wurde. Aus der Zeit dieser Erweiterung stammt auch das heutige Türmli (Ergebnis einer «Ideenkonkurrenz» anno 1910). Aufnahmen von 1913 zeigen sogar deren zwei; sie dienten dem Blitzschutz. Weiter ragt ein Kamin in die Höhe, der zum mit Kohle betriebenen thermischen Kraftwerk gehörte. Zwischen 1902 und 1913 stieg die Abgabe von 2,7 auf mehr als 10 Millionen Kilowattstunden. Die Anlage versorgte nun über 40 000 Glühlampen und in 396 regionalen Betrieben total 629 Motoren. Ausserdem lebte die Stadt gut von den Betriebsüberschüssen des Elektrizitätswerks Aarau (EWA, heute Eniwa).

Zeitgleich mit der Kapazitätssteigerung des Kraftwerks machte die EWA Werbung für Koch- und Heizapparate. Dazu stieg der Bedarf nach Wärme aus Strom – nach Kriegsausbruch stockten die Kohlelieferungen aus Deutschland und Frankreich. Die Zahl der elektrischen Heizanschlüsse stieg während des Ersten Weltkrieges von 167 auf 881. Rasant war auch die Verbreitung der elektrischen Bügeleisen, von 355 auf 545. Während der Kriegsjahre mauserte sich das Kraftwerk auch zur Dörranlage, weil es zunehmend an frischen Lebensmitteln fehlte: Über dem Warmluftstrom der Generatoren wurden Gemüse und Früchte haltbar gemacht. Gedörrtes aus dem Kraftwerk gab es notabene bis in die Sechzigerjahre.

Schlottern, wenn der Pegel sank

Froh um ihre «weisse Kohle» waren die Aarauer auch während des Zweiten Weltkrieges, wenn flüssige Brennstoffe rationiert waren und Kohlelieferungen auf sich warten liessen. Kritisch wurde es bloss, wenn der Pegelstand der Aare sank; dann herrschte wegen Sparvorschriften Kühlschrankatmosphäre in Privathaushalten, Schulen, Kirchen, Büros und Betriebshallen.

1957 wurde der vordere Teil des Mitteldamms auf einer Länge von 500 Metern entfernt. So entstand der kleine See unmittelbar vor dem Kraftwerk.

Den wohl grössten Zwischenfall seiner Geschichte erlebte das Kraftwerk just vor 30 Jahren, im Mai 1989: Vermutlich ausgelöst durch einen Blitzschlag und die anschliessende Verkettung unglücklicher Umstände brach im Kraftwerk ein Brand aus. Die Stadt versank für zwölf Stunden in Dunkelheit.

Quellen: «125 Jahre Strom für die Region» zum Jubiläum der Eniwa, 2018, u. a. von Hermann Rauber/ Imagefilm IBA, 1992/ «Geschichte der Stadt Aarau», u.a. Margareta Edlin, 1978/ «Der Aarauer Stadtbach» von Urs Bänzinger und Martin Pestalozzi, 2015/ Aarauer Neujahrsblätter 2011, Gerhard Ammann/ «Ansichten – die Fotoserien von Eduard Müller» von Martin Kundert, 2010/ «Postkartenbuch der Stadt Aarau» von M. Ernst und L. Kuhn, 2009

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