Aarau

Blick in Stadtgeschichte: Im Jahr 1770 gab es im Mai noch Schnee

Schnee über Aaraus Dächer – im Winter 2015 gab's das bisher noch nicht.

Schnee über Aaraus Dächer – im Winter 2015 gab's das bisher noch nicht.

Das abgelaufene Jahr 2015 war meteorologisch aussergewöhnlich. Tropischer Sommer, langer milder Herbst und warme Adventszeit. Der Blick in die Annalen der Stadt Aarau zeigt: Wetterkapriolen gab es auch schon früher.

Das abgelaufene Jahr 2015 war meteorologisch aussergewöhnlich. Einem tropischen Sommer folgte bis weit in den November hinein ein milder Herbst und die Adventszeit war im langjährigen Temperaturvergleich viel zu warm. Statistiker und Wetterexperten überschlagen sich mit Superlativen und Rekordmeldungen.

Ein Blick in die Aarauer Stadtgeschichte zeigt aber, dass auch frühere Generationen vor solchen Kapriolen der Natur nicht gefeit waren. So steht in den Annalen etwa folgender Eintrag zu lesen: «1770 war ein sonderbares Jahr: Anfang Mai lag noch Schnee im nahen Jura. Die Kirschen blühten erst im Juni. Um Hungersnot zu vermeiden, öffnete der Rat die Kornkammern und liess zwei Drittel des vorsorglich aufgespeicherten Vorrats an die Bürgerschaft verkaufen».

Geht man noch weiter zurück, so stösst man anno 1372 auf den Eintrag, dass «an Pfingsten Schnee fiel, der die Bäume zu Boden drückte». Auch 1481 war ein «unzitig» Jahr, hingen doch noch im Wintermonat an etlichen Orten Kirschen an den Bäumen. Und 1642 fiel gar kurz vor dem Johannistag, am 24. Juni also, ein Reif. Zwei Jahre später erfroren die Reben, blühten aber zur Zeit der Kirschenernte auf wundersame Weise ein zweites Mal.

1654 und dann wieder 1692 führte die Aare so wenig Wasser, dass man sie in Aarau «fast trockenen Fusses durchschreiten konnte». Ganz im Gegensatz zum Jahre 1698, das den Aarauern einen nasskalten Sommer bescherte und bewirkte, dass die Weinlese «in Eis und Schnee erfolgte». Früher sah man in solchen Naturereignissen eine Strafe Gottes, erst viel später begann man, mögliche Ursachen in den Defiziten der Klimapolitik zu suchen.

Apropos Sommer 2015: Das hatten die Aarauer schon 1540, als es ungewöhnlich heiss und trocken war, «vom Merzen bis Weynachten», wie es in der Chronik steht und uns Heutigen irgendwie bekannt vorkommt. Solches traf ja nicht nur auf 2015, sondern auch auf den «Jahrhundert-Sommer» 2003 oder auf das Jahr 1947 zu, als der Boden im Schachen wegen der Trockenheit zentimeterbreite Furchen aufwies und die Ernte zum grössten Teil vernichtet wurde.

Doch auch die kalte Jahreszeit brachte Aarau schon manche Überraschung. 1687 beispielsweise fror der Stadtbach zu. Die durch Trommelschlag alarmierte Bürgerschaft musste das Eis gemeinsam aufbrechen, um der Stadt die lebenswichtige Wasserzufuhr zu erhalten. Die eifrigen Helfer wurden anschliessend mit Wein aus dem städtischen Keller belohnt.

Noch lange im Gedächtnis der Kantonshauptstädter blieb der Winter 1929. In der Nacht des 11. Februar wurden bei der Wetterstation vor dem Bezirksschulhaus im Zelgli 27 Grad minus gemessen, bei schärfster Bise. Ein Eispanzer überzog die Aare, und zwar bis in den März hinein. «Sibirisch» zeigte sich auch der Winter 1962/63, Tausende zog es an die «Seegfrörni» des Hallwilersees, in den Gärten entstanden Eisflächen zum privaten Schlittschuhvergnügen. Damals allerdings setzte der strenge Winter bereits Mitte November ein und hielt sich bis Ende Februar.

Doch mindestens historisch gesehen besteht auch 2016 durchaus noch Hoffnung auf einen «richtigen» Winter. 1986 nämlich setzte in Aarau die weisse Pracht erst in der zweiten Hälfte Februar (am 23. und 24.) ein. Anfang März fiel immer noch Schnee, sodass im Schachen eine Langlauf-Loipe eingerichtet werden konnte. Kehrseite: Die Feuerwehr musste verschiedene Dächer, vor allem in der Altstadt, wegen «Lawinen-Gefahr» räumen.

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