Aarau

Bischof zu Besuch: In Aarau wird «Barmherzigkeit immer gelebet»

«Wir dürfen diese Menschen nicht vergessen»: Felix Gmür im Gespräch mit Flüchtlingen im Offenen Pfarrhaus Aarau.

«Wir dürfen diese Menschen nicht vergessen»: Felix Gmür im Gespräch mit Flüchtlingen im Offenen Pfarrhaus Aarau.

Felix Gmür ermutigt bei einem Treffen mit Flüchtlingen die Aargauer Pfarreien, ihr Potenzial zu nutzen.

Ein Bischof kommt nicht alle Tage zu Besuch. Dafür braucht es gute Gründe – oder eben: heilige. So wie gestern, als Felix Gmür in Aarau im Offenen Pfarrhaus der Katholischen Kirchgemeinde gastierte. Der Grund: Noch bis zum 20. November dauert das von Papst Franziskus ausgerufene «ausserordentliche Heilige Jahr der Barmherzigkeit». Der Bischof nahm das zum Anlass, sechs Orte in seinem Bistum Basel zu besuchen, «an denen die Barmherzigkeit auch gelebt wird, wenn nicht gerade eine Heiliges Jahr ist» (man muss wissen: das Heilige Jahr gibt es in der katholischen Kirche traditionell nur alle 25 Jahre, zuletzt im Jahr 2000).

Und das Offene Pfarrhaus ist eben ein solcher Ort. In den letzten Jahren hat der Verein Netzwerk Asyl Aargau hier mit verschiedenen Initiativen einen Treffpunkt für Asylsuchende und Flüchtlinge aufgebaut. Einen Treffpunkt, in dem es nicht nur einen Kaffee und Gesprächspartner gibt, sondern auch Deutschunterricht, Kleiderbörsen, Sportangebote, administrative Hilfe. Der Bischof war vor allem im Juni dieses Jahres auf dieses Engagement aufmerksam geworden, weil Mitglieder des Clubs Asyl Aarau – «erfahrene» Flüchtlinge, die Neuankömmlingen im Aargau helfen, sich im Alltag zurechtzufinden – einen offenen Brief an die Aargauer Bevölkerung verfasst hatten.

Niemand kann untätig warten

Max Heimgartner, der seit Jahren in der Region in der Flüchtlingshilfe aktiv ist und aktuell in Aarau zwanzig Deutschklassen koordiniert, sagte in Anspielung auf Krieg und Schlepper: «Ziel wäre ja nicht, dass wir den Überfallenen helfen, sondern dass es irgendwann gar keine Wegelagerer mehr gibt.» Kein Flüchtling sei freiwillig hier, deshalb sei es wichtig, für sie «Orte mit seelischer Wärme» wie diesen zu schaffen. Berhe aus Eritrea sagte stellvertretend für seine Landsleute: «In diesem Haus erhalten wir viel Hilfe. Und wir sind jeden Tag sehr dankbar dafür.»

Suba aus Sri Lanka ist in Aarburg untergebracht und kommt jede Woche in den Aarauer Treffpunkt: «Vorher habe ich niemanden in der Schweiz gekannt. Jetzt habe ich so viele Freunde, dass ich sie gar nicht mehr zählen kann.»

In der Gesprächsrunde war man sich einig: Die Sprache ist das A und O, ohne sie ist Integration unmöglich. Bischof Gmür stellte fest: «Wenn man kein Deutsch kann, sind die Leute, die einem sonst gerne helfen würden, gehemmt.» In einem zweiten Schritt ebenso wichtig sei Beschäftigung: «Niemand, ob Flüchtling oder nicht, kann den ganzen Tag lang untätig auf einen Entscheid warten.» Ihm sei bewusst, dass man nach Vorschriften und Gesetzen handeln müsse, denn diese machten schliesslich «einen guten Teil der Stabilität unseres Landes aus». Aber man müsse dennoch etwas unternehmen, um Asylsuchende im Verfahren zu beschäftigen: «Die Leute können uns mit ihren Fähigkeiten ein Geschenk machen.»

Bischof: «Müssen dranbleiben»

Die Kirche könne ihren Beitrag leisten, indem sie sensibilisiere und lokal handle. Jede Pfarrei habe andere Menschen, andere Fähigkeiten, andere Gebäude. Das Potenzial, das schon da sei, müsse nur aktiviert werden. «Ich als Bischof kann das nicht zentral steuern, aber ich kann zentral ermutigen.» Und das, betonte Gmür, mache er nicht wegen des Papstes, sondern wegen des Evangeliums. Wichtig sei ihm auch, zu beten: «Jetzt sind wir in einer Phase, in der wir dranbleiben müssen. Nachrichten über Schiffbrüchige sind nur noch Randnotizen. Wir dürfen diese Menschen nicht vergessen.»

Die Flüchtlinge und Freiwilligen hörten gespannt zu, nickten zustimmend in Richtung des hohen Gastes. Und Tashi aus dem Tibet sagte: «Integration ist nicht nur nehmen, man muss auch etwas geben.» Das brachte das Gespräch wieder zur Barmherzigkeit zurück. Zu ihr, so sagte Bischof Gmür, gehöre immer auch Gerechtigkeit. «Also müssen wir auch schauen, dass Flüchtlinge Arbeit haben und die Verfahren schneller abgeschlossen werden können.» Er hoffe auch, dass es irgendwann keine Wegelagerer mehr gebe, befürchte jedoch, dass das erst am jüngsten Tag der Fall sein werde. «Aber vielleicht ja auch schon einen Tag vorher.»

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