Die Neue Kantonsschule Aarau (NKSA) ist die jüngste der sechs Kantonsschulen im Aargau. Es gibt sie erst seit 25 Jahren. Gleichzeitig hat sie aber eine lange Geschichte. Ihre Wurzeln reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Das zeigt das Buch «Junge Schule – Lange Geschichte», das Beat Hodler, Geschichtslehrer an der NKSA, geschrieben hat. 1989 war ein Jahr, das nicht nur in der «grossen Geschichte» mit Mauerfall und dem Ende des Kalten Krieges eine Epochenwende markiert, sondern war auch das Geburtsjahr der NKSA.

Gleichzeitig konnte man am Standort Zelgli einen Neubau einweihen, der die Provisorien und den berühmt-berüchtigten «Horta-Pavillon» überflüssig machte. «Gute Gründe gäbe es, sich zurückzuerinnern», sagte Rektor Daniel Franz an der Vernissage des Buches. Die NKSA trat gleichberechtigt neben die fünf anderen Kantonsschulen, vorher war sie als «Kantonsschule Zelgli» mit der angegliederten Töchterschule eine Art Zwitterding gewesen, noch vorher als Seminar und zuvor gar als Lehrerinnenseminar eine in der Aargauer Schullandschaft spezielle Institution.

Immer etwas unter Druck

Die Geschichte dieser Schule widerspiegelt denn auch nicht nur die Wandlungen des kantonalen und schweizerischen Bildungssystems, sondern erweckt auch das Gefühl des Nach- und Aufholenmüssens. Man hat immer wieder darum gerungen, welche Rolle die Schule in der Gesellschaft spielen wolle oder müsse und welche Funktion ihr innerhalb dieses Bildungsgeschehens zukommen solle. Die Geschichte der Schule kann denn auch keine einfache sein. Verzwickte Geschichten sind aber spannend, einfache nicht.

Es begann 1787 oder eigentlich 1786. Zwei ältere Damen beschlossen, in Aarau eine höhere Mädchenschule zu gründen. Namentlich bekannt ist nur Katharina Hunziker-Zollikofer, Witwe eines Aarauer Industriellen und früheren Schultheissen (1767–1775). Offenbar war sie nicht unbegütert, ihr Geld steckte sie in eine Stiftung, welche die Schule finanzieren sollte. Seit 1774 gab es in Zürich eine Töchterschule, die einen hervorragenden Ruf genoss. An ihr wollte sich das Aarauer Töchterinstitut orientieren. Natürlich ging es nicht ohne Männer.

Die beiden Pfarrer, Johann Jakob Pfleger und Franz Ludwig Stephani, unterstützten die Damen. Man stand vor Neuland. Also wurde Susanna Gossweiler, Leiterin der Zürcher Schule, angefragt. Wenn man die Reaktionen im Buch nachliest, staunt man etwas über die Bescheidenheit und Zurückhaltung von Susanna Gossweiler. Sie fühle sich überfordert, schrieb sie dem Aufklärer Leonhard Usteri: «So muss ich ja befürchten, sie nemmen Gelegenheit, mich auch über andere Artikel (sc. Schulfächer), worüber sie in ihrer Schule Unterricht ertheilen mögten, zu fragen, wovon ich nichts weiss, und alsdann mit Schaam bestehen müsste.»

Dennoch gelang es, eine Schülerin von Susanna Gossweiler als Lehrerin zu verpflichten. Dorothea Ziegler nahm im November 1787 mit 20 Schülerinnen, zwischen 11 und 13 Jahre alt, den Unterricht in Aarau auf.

Billiger als ein Welschlandjahr

Es war eine Pioniertat. Man muss sich vorstellen, dass für junge Frauen eigentlich in Sachen Ausbildung schlicht nichts vorgesehen war. Und weil sich die Familienbande in der bürgerlichen Emanzipation gelockert hatten, fanden sich auf einmal unverheiratete Frauen, die kein Auskommen hatten. Natürlich stellte man dies nicht in den Vordergrund.

Wenn etwas Neues zustande kommen soll, waren schon damals finanzielle Gründe immer gut. Man sagte, beim Französischlernen könne man sparen, «um dadurch die Unkosten (ja vielleicht Sittenverderbnus), welche die Absendung unserer Töchter nach Waat, Genf oder Kolmar» verursache, zu vermeiden. In der Epoche der Helvetik verschwand die Schule von der Bildfläche. Eigentlich musste sie 1822 als Töchterinstitut neu gegründet werden. Mit Emanuel Hunziker war ein Vertreter der Gründerfamilie federführend, auch der in Landreserven investierte Stiftungsfonds war noch da.

In alle Welt «versandt»

Das Buch erzählt sehr abwechslungsreich von den Schicksalen von Absolventinnen des Töchterinstituts im 19. Jahrhundert. Man staunt heute, dass die jungen Frauen nach der Schule in die ganze Welt verstreut wurden. Nicht alle, aber einige kamen weitherum. Allerdings waren weniger Abenteuerlust oder andere romantische Gründe dafür verantwortlich, sondern meist nackte Not.

Offenbar war es damals gängige Praxis, ein bissiges Zitat aus einer Seldwyler Novelle von Gottfried Keller belegt es. Die «gebildeten» jungen Frauen wurden von den Seldwylern «in kleinen Fabriklein» «zu Erzieherinnen» gemacht «und versandt».

1874 wurde die Schule zum Lehrerinnenseminar. Parallel dazu wurde immer noch die «Töchterschule» geführt. Die Schule genoss bald einen guten Ruf. Allerdings schickten katholische Väter ihre Töchter immer noch lieber in katholische Institute in der Innerschweiz als ins protestantische Aarau.

Die Konfessionsfrage spielte noch bis weit ins 20. Jahrhundert auch beim männlichen Akademikernachwuchs eine grosse Rolle. Ein Grossteil der Aargauer Elite besuchte nicht die Kantonsschule Aarau, sondern die Kollegien in der Innerschweiz.

Naturwissenschaft muss sein

Schon früh gab es Stimmen, welche auf die Überforderung der Schülerinnen hinwiesen. Offenbar hatte man auch in der Lehrerinnenausbildung das Gefühl, man müsse gegenüber den Instituten, wo die Junglehrer ausgebildet wurden, etwas kompensieren. Auf den Klassenfotos sieht man die Wandtafel im Hintergrund mit komplizierten mathematischen Formeln vollgeschrieben. Und symbolisch ist auch das Fernrohr, das der Lehrer Siegfried Schwere 1913 anschaffte, um die «mathematische Geographie» zu fördern.

Die Schule wurde zwar von einer Frau geleitet (Anna Blattner), aber «weiblich» sollte die Ausbildung nicht sein. Was genau in den Schulzimmern abging, weiss man natürlich heute nicht. Dokumente vom Schulbetrieb gibt es keine. Autor Beat Hodler spricht vom Schulzimmer als «Black Box». Auf jeden Fall wurde aber auf die naturwissenschaftlichen Fächer grosser Wert gelegt.

Ein Lehrerseminar blieb die Schule bis 1979. Seit 1966 allerdings koedukativ. Ab 1978 galt die Bezeichnung «Kantonsschule Zelgli». Die Maturtypen D und PSG waren ebenfalls neu. Das neue Gymnasium genoss wenig Kredit. Die Schülerzahlen sanken. Ende der 80er-Jahre wurde endlich auch die Bezeichnung «Töchterschule» obsolet. «Wir vom Töchti wollen ein Söhni», forderten die Schülerinnen bereits 1983/84. Ab 1989 gab es auch in Aarau eine Diplommittelschule (DMS).

Beat Hodler: Junge Schule – Lange Geschichte. Die Neue Kantonsschule Aarau. Verlag hier und jetzt Baden 2014. 234 S:, Fr. 39.–.