Suhr

Biobauer kandidiert für den Grossen Rat: «Heute wollen die Menschen die Natur nahe am Wohnort spüren»

«Für mich ist das kein so emotionales Thema», sagt Thomas Baumann zum Zukunftsraum.

«Für mich ist das kein so emotionales Thema», sagt Thomas Baumann zum Zukunftsraum.

Der Suhrer Gemeinderat Thomas Baumann, 59, will den zweiten Sitz der Grünen Bezirk Aarau im Grossen Rat zurückerobern.

Den Suhrern mag es kaum auffallen, Auswärtige hingegen sind beim ersten Anblick überrascht, dass mit der «Galegge» mitten in der urbanen Gemeinde ein Biobauernhof liegt. Begrüsst wird man dort von Hund Chasper, ehe Thomas Baumann, seit 30 Jahren Pächter des Hofs, mit dem Velo vom Gemeindehaus angefahren kommt. Seit sechs Jahren sitzt der 59-jährige Landwirt mit ETH-Abschluss als Vorsteher Bau, Verkehr und Umwelt im Gemeinderat. Jetzt will er für die Grünen auch in den Grossen Rat gewählt werden.

Im Innenhof der «Galegge», zwischen Oldtimer-Traktor und freilaufenden Hühnern, sagt er, wie er als Gemeinderat vor allem bei der Raumplanung immer wieder an Grenzen gestossen sei. Der Spielraum der Gemeinden sei eingeschränkt, für eine qualitätsreiche Gestaltung des Strassen- und Lebensraums würden oft kantonale gesetzliche Grundlagen und Finanzierungsmöglichkeiten fehlen. «Man könnte die Gemeinden besser unterstützen», sagt er. «Ich würde gerne die Erfahrungen aus dem Gemeinderat im Grossen Rat einbringen und mich einsetzen.»

Neue Möglichkeiten für Landwirte

In Suhr habe er hautnah miterlebt, wie es sich vom Dorf zur Kleinstadt gemausert und dadurch die Aufgaben der Landwirte verändert haben. Zu denen gehöre heute das Unterhalten von Grünflächen als Naherholungsgebiete. Vor 30 Jahren sei dies noch ein Skandal gewesen. «Heute aber wollen Menschen nahe am Wohnort die Natur spüren können.»

Für die Landwirtschaft in urbanen Gebieten hätten sich dadurch neue Möglichkeiten ergeben. Und es sei schon fast eine Auszeichnung, wenn man heute von «den grünen Suhrer Bauern» höre. «Hecken oder Blumenwiesen steigern die Attraktivität einer Gemeinde. Das ist ein Kreislauf mit mehreren Synergien.» Die Bauern würden dabei aber nicht etwa zu urbanen Gärtnern degradiert: «Wir wollen eine gute Kombination: Mir ist auch wichtig, dass wir in einer Stadt zeigen, wie Nahrungsmittel entstehen.»

In den letzten Jahren habe Suhr vermehrt auf eine qualitätsreiche Gestaltung der Aussenräume im Dorf geachtet. Als Beispiele nennt er die Bauvorhaben im Henz-Areal oder am Neumattweg Ost, wo die Gemeinde mit Auflagen für mehr Grünflächen sorgte. Davon profitieren das Sozialleben im Dorf wie auch das Gewerbe. «Und die Investoren merken, dass es auch für sie gut ist, wenn es den Menschen dank guten Aussenräumen wohler ist und sie länger dort wohnen wollen.» Als «Grüner» sei er nicht per se gegen Überbauungen, die Qualität und der Mix müssten aber stimmen.

Zukunftsraum: «Suhr bleibt trotzdem Suhr»

Zwischendurch brauche es aber einfach Flächen, die grün bleiben. Dazu gehöre nicht nur der Galegge-Hof mit seinen 38 Hektaren, sondern auch der Siedlungstrenngürtel in Richtung Aarau, den der Gemeinderat «als Grünraum behalten möchte» – mit oder ohne Fusion im Zukunftsraum. Dass Thomas Baumann als Mitglied von Zukunft Suhr für die Grossfusion ist, ist ein offenes Geheimnis. Im Gespräch vertritt er aber ausgewogen den kollegialen Mehrheitsentscheid des Gemeinderats gegen die Fusion mit Aarau und den umliegenden Gemeinden.

«Es gibt Aufgaben, die man gemeinsam lösen muss. In welcher Form, muss der Bürger jetzt entscheiden», sagt er. «Für mich ist das nicht so ein emotionales Thema. Man kann die Probleme auf verschiedene Arten lösen.» Dazu gehören auch Grüne Anliegen: Grössere Städte könnten etwa mit Klimakonzepten Massnahmen personenunabhängig und mit einer längerfristigen Perspektive umsetzen. «Es stimmt aber, dass wir als kleine Einheit in Suhr schneller und stärker eingreifen können ohne konzeptuelle Vorarbeit.» Dies sei aber sehr abhängig von der Person, die gerade in der Gemeinde arbeite. «Beide Systeme greifen, es ist nicht unbedingt eines besser oder schlechter. Ich kann sowohl mit einer Fusion als auch als eigenständige Gemeinde gut weiterarbeiten.»

Kommt die Fusion zu Stande, wolle er sich dafür einsetzen, dass die Stadtteilkommissionen mehr Kompetenzen erhalten, damit sich die Menschen in Suhr weiterhin engagieren können – und auch um einem «Identitätsverlust» entgegenzuwirken. «Suhr bleibt trotzdem Suhr», ist er sich sicher.

Die Grossratskandidaten aus dem Bezirk Aarau:

Vom Holderbanker zum leidenschaftlichen Suhrer

Aufgewachsen in Holderbank, ging Thomas Baumann in Aarau in die Bez und wohnte während des Studiums in Suhr in einer Wohngemeinschaft. Als damals 29-Jähriger bewarb er sich für die Pacht des Galegge-Hofs – und bekam den Zuschlag. Heute führt er den Hof mit Ziegenkäseproduktion wirtschaftlich erfolgreich. Der inzwischen «leidenschaftliche Suhrer» lebt alleinstehend und ist Vater zweier Töchter.

Auf der Wahlliste der Grünen ist er auf Platz zwei hinter der Aarauerin Mirjam Kosch (lesen Sie hier das Portrait von Mirjam Kosch anlässlich der Nationalratswahlen 2019). Bis zu den letzten Wahlen vor vier Jahren hatten die Grünen im Bezirk noch zwei Sitze. Diesen will er nun zurückerobern, Wahlchancen hat der bekannte Gemeinderat und Projektleiter Naturförderung beim Naturama durchaus. Auch ist das Thema Klimawandel nach wie vor im Trend. Unklar ist nur, wie sich Corona auf das Wählerverhalten auswirken wird. «Es könnte sein, dass Corona in der zunehmend urban werdenden Region den Effekt bringt einer Rückbesinnung darauf, woher man stammt und wie wichtig die Natur ist.» Sein Hofladen sei während des Lockdowns so gut gelaufen wie kaum zuvor.

In den Dörfern mit dem Klimawandel umgehen

«Ich habe das Glück, dass sich meine Arbeiten ergänzen», sagt er. Durch den Kontakt mit den Gästen im Naturama bekomme er Ideen, die er im Hof oder der Politik verwirklichen könne. Mit der Aktion Klimaoase etwa setzt sich das Naturama ein für mehr Bäume in den Gemeinden, um die Hitzetage im Sommer zu mildern. «Wir müssen schauen, wie wir mit der Veränderung des Klimas umgehen, um in den Dörfern eine gute Lebensqualität zu wahren.» Das lokale Gewerbe werde unterstützt, wenn man auch an heissen Tagen im Dorf einkauft.

Thomas Baumann gibt sich aber nicht als monothematischer Grüner: Schulbildung und die frühe Integration von ausländischen Kindern seien Errungenschaften aus Suhr, die er im Kantonsparlament vertreten möchte. «Diese Kinder fühlen sich von Anfang an zugehörig. Wenn sie in den Kindergarten kommen, können sie bereits Deutsch. Das erhöht ihre späteren Bildungschancen.» In den letzten Jahren habe Suhr einen Ruf als fortschrittliche Gemeinde bekommen. «Mit den Erfahrungen als Gemeinderat einer Agglomerationsgemeinde, die schwierige Verhältnisse gemeistert hat, werde ich sicher auch mit den Bürgerlichen im Grossen Rat gute Strategien entwickeln können.»

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