«Ich wollte niemanden gefährden oder umbringen», sagte Cengiz (alle Namen geändert). Der 33-jährige Türke – kantiges Gesicht, schwarze, kurze Haare, markante Nase, dunkle Augen – wurde in Handschellen von zwei Polizisten ins Aarauer Gerichtsgebäude geführt.

Seit mehr als einem Jahr sitzt Cengiz in Lenzburg im vorzeitigen Strafvollzug, weil er am 19. Juni 2016 den Billardclub «Playland» im Telliquartier Aarau überfallen hatte. Maskiert und mit einem Revolver bewaffnet betrat der Angeklagte gegen 1.30 Uhr in der Nacht das Lokal. Er bedrohte mehrere Gäste mit vorgehaltener und geladener Waffe, zwei händigten ihm darauf ihr Portemonnaie aus. «Ich bin von Anfang an mit der Absicht dorthin gegangen, Geld zu rauben», sagte er vor Gericht.

Hier schlug der Täter zu: Der Spielsalon «Playland» in der Telli in Aarau.

Hier schlug der Täter zu: Der Spielsalon «Playland» in der Telli in Aarau.

Mit dem Stein gegen die Pistole

Danach wollte er fliehen – doch ein mutiger Gast stand im Weg. Geram, der als Privatkläger am Prozess teilnahm, hatte das Lokal durch den Hintereingang verlassen, draussen einen Stein behändigt und war durch die Haupttür wieder hereingekommen. Dort habe er Cengiz gesagt, die Polizei sei alarmiert, und den Eingang blockiert. «Ich dachte, seine Waffe sei eine Schreckschusspistole», sagte Geram. Doch nur Sekunden später habe der Türke auf ihn geschossen. Er sei zu Tode erschrocken und geflüchtet. Draussen habe Cengiz noch zwei Schüsse auf ihn abgegeben.

Der Angeklagte gab den Überfall zu, bestritt aber, auf Geram geschossen zu haben. Er habe bewusst und gezielt auf den «Indiana-Jones»-Automaten gefeuert, um den Gast dazu zu bringen, die Türe freizugeben und ihm die Flucht zu ermöglichen. «Wenn ich ihn hätte töten wollen, hätte ich das gekonnt, aber das war nie meine Absicht», sagte Cengiz. Und draussen habe er auch nicht auf Geram, sondern in die Luft geschossen, um andere Leute zu vertreiben.

Raubüberfall auf Billardlounge Aarau

Raubüberfall auf Billardlounge Aarau

Der türkische Täter hat beim Raubüberfall mehrmals auf die Gäste der Billardlounge gefeuert. Nach einer Grossfahndung der Polizei konnte er später geschnappt werden.

Polizei bedroht, oder sich gestellt?

Rund zweieinhalb Stunden später wurde Cengiz im Rahmen einer Grossfahndung von zwei Aarauer Stadtpolizisten angehalten. Auch zu diesem Vorfall gehen die Darstellungen weit auseinander. Einer der Polizisten sagte vor Gericht, Cengiz habe bei der Kontrolle unvermittelt seine Pistole gezogen und ihn bedroht. Erst als sein Kollege die Maschinenpistole auf den Türken richtete und er selber die Dienstwaffe zog, habe Cengiz seine Unterlegenheit eingesehen und die Polizisten hätten ihn verhaften können.

Der Angeklagte selber sagte, er habe sich stellen wollen. Weil er nur schlecht deutsch spreche, habe er dies den Beamten nicht richtig mitteilen können. Darum habe er seine Pistole aus dem Hosenbund gezogen und vor den Polizisten auf den Boden gelegt, bevor er sich ergeben habe.

Überfall Billardlounge

Überfall Billardlounge

Ein Gast der Billardlounge wollte den Räuber mit einem Stein ausser Gefecht setzen.

Staatsanwalt: 13 Jahre unbedingt

Entsprechend unterschiedlich fielen die Anträge von Anklage und Verteidigung aus. Die Staatsanwaltschaft forderte 13 Jahre unbedingte Haft wegen mehrfach versuchten Mordes, qualifizierten Raubs, Sachbeschädigung sowie mehrfacher Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte. Es sei Zufall und Glück, dass durch die drei Schüsse aus Cengiz’ Revolver niemand verletzt oder getötet worden sei. Dieser habe im Billardclub und draussen auf Geram gezielt, diesen aber verfehlt.

Der Angeklagte habe Flucht und Beute über das Leben des Gastes gestellt, dies sei skrupellos und erfülle die Voraussetzungen des versuchten Mordes. Zudem sei Cengiz wegen Totschlags in der Türkei verurteilt und habe mehrere Vorstrafen in der Schweiz, die letzte wegen einer Messerstecherei und Drohungen.

Verteidiger will Haftentlassung

Ganz anders sah dies Cengiz’ Verteidiger: Sein Mandant habe es nur auf Geld abgesehen, die Bedingungen für eine Mordanklage seien nicht gegeben. Cengiz habe von seinem Standort im Club aus Geram gar nicht treffen können, sondern nur einen Warnschuss abgegeben. Zudem sei auf den Videoaufnahmen ausserhalb des Clubs nicht ersichtlich, wann und in welche Richtung Cengiz geschossen habe.

Er wolle den Raubüberfall nicht verharmlosen, sagte der Anwalt, doch Cengiz sei nur wegen Gefährdung des Lebens zu verurteilen. Dafür sei eine Haftstrafe von drei Jahren angemessen – zwei davon bedingt. Bei einem solchen Urteil hätte Cengiz umgehend aus dem Gefängnis entlassen werden müssen, was sein Verteidiger auch beantragte.

Gericht fällt hartes Urteil

Doch das Bezirksgericht Aarau entschied anders: Mit einer unbedingten Haftstrafe von 15 Jahren liegt das Strafmass noch über dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Gerichtspräsident Reto Leiser sagte, alle Zeugen hätten ausgesagt, dass Cengiz im Billardclub in die Richtung von Geram geschossen habe. Zudem sei klar, dass der Türke diesen mit dem Revolver in der Hand verfolgt habe. Und es gebe starke Indizien, dass er auf der Strasse auf ihn geschossen habe. So sei ein Schuldspruch wegen versuchten Mordes gerechtfertigt.

Die Minimalstrafe dafür liegt bei zehn Jahren Haft. Weil Cengiz mehrfach schoss, einen Raubüberfall verübte und die Polizisten mit der Waffe bedrohte, erhöht sich das Strafmass auf 15 Jahre. Zudem muss er Geram, der noch heute unter Angstzuständen leidet, 10 000 Franken Genugtuung bezahlen.