Bezirksgericht
Weil er sich verirrt hat: Portugiese fährt betrunken rückwärts auf die Kreuzung – das kommt ihn teuer zu stehen

Wenn ihn niemand gesehen hätte, wäre er vielleicht davongekommen. Aber dank einer aufmerksamen Passantin mit Handy wartete nach der Fahrerflucht schon die Polizei zu Hause auf ihn.

Nadja Rohner
Merken
Drucken
Teilen
Herzogplatz in Aarau: Links zweigt die Westallee ab, rechts die Bachstrasse.

Herzogplatz in Aarau: Links zweigt die Westallee ab, rechts die Bachstrasse.

Nadja Rohner

José (Name geändert) hat es nicht leicht. Er lebt vom RAV und von Temporärjobs, die in seiner Branche wegen Corona und des schlechten Winterwetters gerade rar seien – das sagte zumindest der Bauarbeiter selber, als er kürzlich vor dem Bezirksgericht Aarau sass.

Er soll im März 2020 an einem Samstagnachmittag auf dem Weg ins Kantonsspital gewesen sein, als er einen Unfall baute. Konkret fuhr José laut Strafbefehl von der Herzogstrasse her in Richtung Herzogplatz. Das ist jene Strassenkreuzung im Aarauer Gönhardquartier, wo Herzogstrasse, Gotthelfstrasse, Westallee und Bachstrasse zusammenkommen. José wollte in die Westallee einbiegen, erwischte aber die Bachstrasse, also eine Strasse zu weit rechts. Als er dies bemerkt habe, so der Strafbefehl, sei er rückwärts zurück auf die Kreuzung gefahren, dort mit einem Inselschutzpfosten kollidiert und danach – ohne sich um den Schaden am umgemähten Pfosten zu kümmern – in die Westallee eingebogen.

Der Angeklagte hatte Alkohol im Blut

Vielleicht wäre er damit davongekommen. Aber eine Zeugin hatte José gesehen – mehr noch, sie «konnte gerade noch wegspringen», als dieser plötzlich rückwärts fuhr. Das sagte sie vor Bezirksgericht, wo José vorgeladen war, weil er seinen Strafbefehl angefochten hatte. Nach der Kollision sei er «ausgestiegen und ums Auto gelaufen, um zu sehen, ob es beschädigt ist». Sie habe ihn angesprochen und aufgefordert, die Polizei zu rufen. «Er hat mich wohl gar nicht verstanden.»

Kein Wunder: Auch vor Gericht benötigte José einen Dolmetscher für Portugiesisch. Als sie sah, dass der Unfallverursacher einfach davonfuhr, fotografierte die Zeugin das Kennzeichen und alarmierte die Polizei. Diese wartete schon auf José, als er nach Hause kam. Und sie schickte ihn zum Bluttest – wo herauskam, dass er zum Unfallzeitpunkt so betrunken war, dass es für eine Anklage wegen Fahrens in qualifiziert angetrunkenem Zustand reichte. Ausserdem wurden José mangelnde Aufmerksamkeit, verbotenes Rückwärtsfahren und pflichtwidriges Verhalten nach einem Unfall vorgeworfen.

Dem Angeklagten werden zudem Tätlichkeiten vorgeworfen

Auf dem Strafbefehl fand sich ausserdem der Vorwurf «wiederholte Tätlichkeiten»: José soll an einem Sonntag im November 2019 seine damals von ihm getrennt lebende Ehefrau im Streit leicht gewürgt, geohrfeigt und mit der Faust auf den Kopf geschlagen haben. Ob das stimmt oder nicht, bleibt ungewiss: Die Frau hat den Strafantrag zurückgezogen. Mittlerweile geschieden, lebt sie mit dem Kind wieder in Portugal. José hat kein Geld, um sie finanziell zu unterstützen, er stehe kurz vor der Lohnpfändung, sagte er.

Der kleine, eher schmächtige Mann im Holzfällerhemd machte vor Gericht keine Aussagen zu den Vorwürfen – er verwies auf einen Brief, den er dem Gericht kurz zuvor geschrieben hatte. Es ging ihm vor allem um eine Reduktion der von der Staatsanwaltschaft beantragten Strafe: 80 Tagessätze zu 90 Franken unbedingt und 800 Franken Busse. Unbedingt deshalb, weil José 2019 schon wegen Drohung, Beschimpfung, Tätlichkeiten und Ungehorsams gegen amtliche Verfügungen eine bedingte Strafe kassiert hatte.

José hatte für einmal Glück: Die Gerichtspräsidentin sprach ihn zwar schuldig, verringerte aber die Tagessatzhöhe auf 60 Franken und setzte die Strafe zur Bewährung (drei Jahre) aus. Dies, weil sich José im Strassenverkehr noch nichts habe zu Schulden kommen lassen. Die Busse erhöhte sie auf 1500 Franken. Unter dem Strich kommt José, sofern er nun nichts mehr anstellt, besser weg.