Bezirksgericht Aarau
Schlägerei wegen einer Zigarette – doch niemand versteht, wie es zur Anklage kam

Zehn junge Männer gerieten in Aarau beim McDonnald's aneinander. Dies geschah in einer Nacht von Freitag auf Samstag im Herbst 2019. Ein 20-Jähriger stand nun als Beschuldiger vor Gericht. Sein Kollege erlitt einen Nasenbeinbruch.

Daniel Vizentini
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Mehrere Junge Männer gingen in Aarau aufeinander los (Symbolbild).

Mehrere Junge Männer gingen in Aarau aufeinander los (Symbolbild).

Foto: Martin Ruetschi / Keystone

Eigentlich ist es unverständlich, wie der junge Mann überhaupt auf die Anklagebank kam: Der heute 20-jährige Dario (alle Namen geändert), KV-Lehrling aus dem Baselbiet, war im Herbst 2019 mit seinen Freunden aus dem Eishockeyclub – dem Niederämter Zwillingsbruderpaar Marcel und Martin – in Aarau im Ausgang. Zwischen 1 und 2 Uhr morgens bekam Marcel Hunger, holte sich im McDonald’s etwas zu essen, Dario und Martin warteten draussen.

Als Jürgen – ein etwas jüngerer Mann aus dem Kanton Solothurn – sie um eine Zigarette fragte, verneinten sie dies, denn sie rauchen nicht. In dem Moment trat Marcel – der Raucher ist – mit dem Essen aus dem McDonald’s und gab Jürgen eine Zigarette. Sein Kollege, der damals 16-jährige Aarauer Goran, witterte seine Chance und fragte auch nach einer «Zigi», was Marcel verneinte. «Ich bin doch kein Zigiautomat», soll er gesagt haben.

Er wusste gar nicht, dass er als Kläger aufgeführt war

Für eine Gruppe junger Männer war dies Zündstoff genug, um eine Schlägerei zu beginnen. Die unterschiedlichen Schilderungen lassen zwar eine klare Entzifferung des Tathergangs und wer alles noch beteiligt gewesen sein soll, kaum zu. Als Zeuge vor Gericht – und auch als Kläger, obwohl er selber nicht wusste, warum – räume Jürgen aber ein, ein Serviertablett in Richtung von Dario, Marcel und Martin geworfen zu haben. Als Martin sich darüber lautstark aufregte, soll er bereits von Jürgen die erste Faust ins Gesicht kassiert haben.

Zum Gerangel stiess nebst Goran offenbar auch eine Gruppe weiterer Jugendlicher, die laut Schilderungen der drei Eishockeykollegen schon zuvor draussen Velos umgestossen hatten und an diesem Abend «Stress suchten».

Marcel versuchte offenbar, die Gruppen zu trennen, wurde dabei verprügelt und erlitt einen Nasenbeinbruch, blieb deshalb drei Werktage lang arbeitsunfähig. Dario warf sich laut seinen Kollegen schützend über Marcel und versuchte, weitere Schläge gegen ihn abzuwehren.

Beim Ausfüllen der Polizeiformulare kam es wohl zu Missverständnissen

Beteiligt sollen insgesamt etwa zehn junge Männer gewesen sein. Die Polizei wurde gerufen und es scheint, als ob die Beteiligten die Formulare, die sie dann ausfüllen oder zumindest unterschreiben mussten, kaum verstanden haben. Darios bester Freund Martin etwa war im Strafbefehl der Staatsanwaltschaft gemeinsam mit Jürgen als Kläger aufgeführt.

Letzterer, vor Gericht leicht aufmüpfig, zeigte eher Mühe, den Ausführungen der Gerichtspräsidentin zu folgen. Als er gefragt wurde, ob er seine Klage gegen Dario aufrechterhalten wollte, schaute er nur kurz zu diesem herab, zeigte kein Interesse und verneinte. Er kenne Dario gar nicht.

Jürgens Kollege, der in der Baubranche festangestellte Goran, wurde im Strafbefehl als Mitbeschuldigter aufgeführt. Er war vor Gericht in seiner Wesensart zwar sehr freundlich, brachte aber kaum gerade Sätze heraus. Seinen Schilderungen nach wollte er Jürgen nur von der Schlägerei wegziehen, steckte dabei aber selber Schläge ein, verteidigte sich, lag zum Schluss am Boden und verlor dabei seinen Schlüsselbund.

Die Anklage bleibt ein Rätsel, der Kanton muss nun zahlen

Ohne klare Fakten und ohne wirkliche Kläger wurde die Anklage gegen Dario bezüglich «Beteiligung an Raufhandel mit Körperverletzung» vom Bezirksgericht Aarau eindeutig abgewiesen. Warum er als einziger Angeklagter vor Gericht musste, bleibt ein Rätsel. Der Kanton Aargau muss nun alle Rechts- und Anwaltskosten im vierstelligen Bereich übernehmen.