Unterhalb der Aarauer Stadtkirche gibt es ein verwunschenes Pärklein, das seit einiger Zeit auch als Drogenumschlagplatz gilt. Dort sassen vor einem Jahr in einer dunklen Novembernacht zwei afghanische Asylbewerber auf einer Bank. Es war zwischen 22 und 23 Uhr, als die beiden von zwei jungen Männern, die Geld von ihnen verlangten, von hinten angegriffen wurden.

Einer von ihnen war Erdi (Name geändert), knappe 19 Jahre alt, ein in der Schweiz geborener und in der Region wohnhafter Serbe albanischer Herkunft. Mit einer Flasche drohend, brachte Erdi einen der beiden Afghanen dazu, ihm 30 Franken auszuhändigen. Das war die ganze Beute.

Die Polizei konnte die Räuber ausfindig machen, und so stand Erdi nun vor dem Bezirksgericht Aarau. In der Anklageschrift beantragte die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau für ihn eine bedingte Freiheitsstrafe von 12 Monaten bei einer Probezeit von vier Jahren und eine Busse von 4000 Franken. Zudem sei der junge Mann für acht Jahre des Landes zu verweisen.

Das Mobile als Fundgrube

Wie schon in der Voruntersuchung bestritt Erdi auch gegenüber Gerichtspräsidentin Patricia Berger weder den Raub, den er in stark alkoholisiertem Zustand begangen haben will, noch die weiteren Straftaten, die ihm die Staatsanwaltschaft zur Last legte.

Diese betrafen das Fahren ohne gültigen Führerausweis, teilweise massive Geschwindigkeitsüberschreitungen, bei denen sich Erdi auch noch mit dem Mobile gefilmt hatte, den widerrechtlichen Besitz einer Soft-Air-Waffe, Pornografie und den Konsum von Marihuana. Alles Straftatbestände, denen die Polizei aufgrund der auf Erdis Handy gefundenen Daten auf die Spur kam.

«Beweise rechtswidrig erlangt»

Hier hakte Verteidigerin Simone Walther, ein. Die Staatsanwaltschaft habe die Polizei autorisiert, Erdis Mobile im Zeitraum von acht Tagen ab dem Raub unter der Zinne bei der Stadtkirche zu untersuchen. Kein einziger der Zufallsfunde, die auf andere Straftaten hinweisen könnten, falle aber in dieses Zeitfenster.

Sprich: Die Polizei habe die fraglichen Beweismittel via «fishing expedition» und damit rechtswidrig erlangt. Damit seien sie samt und sonders nicht verwertbar und müssten aus den Akten gewiesen werden. Demzufolge, so die Verteidigerin, sei ihr Mandant einzig wegen Raubs zu verurteilen. Die Staatsanwaltschaft schiesse weit übers Ziel hinaus. Eine bedingte Freiheitsstrasse von acht Monaten bei einer Probezeit von vier Jahren in Verbindung mit einer Busse von 3000 Franken genüge vollauf.

Und eine Landesverweisung sei nicht angebracht. Es liege ein Fall vor, bei dem die Härtefallklausel zur Anwendung gelangen müsse. Erdi sei zweisprachig in der Schweiz aufgewachsen. Er spreche zwar Albanisch, nicht aber Serbisch, die Sprache des Heimatlandes, in das er ausgewiesen würde. Mit einem Landesverweis, so die Verteidigerin, würde ihm die wirtschaftliche Basis entzogen.

Der junge Mann, der nach dem Raub seine Lehre abschloss und seither auch nicht mehr auffiel, gab sich geläutert und zeigte Reue. «Ich habe mich strak geändert.» Er habe wohl früher immer die falschen Kollegen gehabt, sagte er. Die Fragen der Richterin beantwortete er überlegt und präzis. Er sei nun seit acht Monaten mit einer Freundin zusammen, die einen positiven Einfluss auf ihn ausübe. «Ein Landesverweis», gestand er, «wäre ein grosser Schicksalsschlag für mich.»

Die Einzelrichterin ersparte ihm einen solchen. Sie sprach Erdi schuldig des Raubs und verurteilte ihn zu einer bedingten Geldstrafe von 240 Tagessätzen à 90 Franken. Diese 21'600 Franken muss er nur bezahlen, wenn er während der vierjährigen Probezeit wieder straffällig wird. So oder so bezahlen muss er dagegen die Verbindungsbusse von 4000 Franken.

Kein Landesverweis

In allen Punkten ausser dem Raub sprach Gerichtspräsidentin Patricia Berger den Beschuldigten von Schuld und Strafe frei. Die Beweismittel, welche Hinweise auf weitere Straftaten geben würden, seien nicht verwertbar. Die Staatsanwaltschaft habe klar definiert, auf welchen Zeitraum sich die Mobile-Auswertung zu beschränken habe.

Dass die Polizei aufs Geratewohl hin nach Hinweisen auf weitere Straftatbestände suche, sei unzulässig. Tatsächlich, erklärte Patricia Berger, sei Raub ein Katalogdelikt, das einen Landesverweis nach sich ziehe, sofern kein schwerer Härtefall vorliege. Inzwischen habe das Obergericht in Bezug auf die Härtefallfrage gewisse Leitplanken definiert. Sich an diesen orientierend, konstatierte die Richterin, dass in Erdis Fall das öffentliche Interesse an einem Landesverweis viel geringfügiger sei als das persönliche Interesse des Verurteilten an einem Verbleib in der Schweiz.

Weiterzug nicht ausgeschlossen

Ob das erstinstanzliche Urteil Bestand hat, ist noch offen. Wie Abklärungen der AZ bei der Staatsanwaltschaft ergeben haben, hält diese die vom Gericht ausgeschlossenen Beweise für verwertbar. «Über die Verwendung von Zufallsfunden», so Mediensprecherin Fiona Strebel, «entscheidet die Staatsanwaltschaft.» Es treffe zu, dass durch «fishing expedition» hervorgebrachte Beweismittel nicht verwendet werden könnten.

Darum handle es sich in den Augen der Staatsanwaltschaft aber nicht. Vielmehr erachte diese die vorliegenden Beweise als rechtmässig gewonnene Zufallsfunde und habe, gestützt darauf, entschieden, Anklage zu erheben. Die Mediensprecherin der Staatsanwaltschaft macht klar: «Wir werden eine schriftliche Urteilsbegründung verlangen und anschliessend über den Weiterzug entscheiden.»