In der Schweiz gibt es ein Fahnenreglement. Wie der Name vermuten lässt, regelt es, wie Fahnen richtig aufgehängt werden. Was unten, oben, links, rechts, hinten und vorne zu sein hat, wenn Aarau für ein Turnfest beflaggt wird. Und wie sich die Fahnen hierarchisch zueinander zu verhalten haben. Nur streichen wohl mehr Wölfe durchs Land als Kenner dieses Reglements. Sollten nun in Aarau dennoch alle Flaggen richtig hängen, liegt das daran, dass einer der raren Wissenden alle Hebel in Bewegung setzte, um die von ihm festgestellte «Fahnenunordnung» zu beheben. Den definitiven Kick lieferte dem Reglementskundigen die Bescherung, die der am Bahnhof, auf Perron 1, antraf. Sein Befund: «Verschiedene Flaggen waren regelwidrig ausgerichtet. So blickten verschiedene Wappentiere nach rechts statt nach links. Die Löwen in der Thurgauer Flagge lagen gar auf dem Rücken – offensichtlich bereits vor Beginn des Turnfests betrunken …»

Der Reglementskundige weibelte von einer Instanz zur andern, bis sich ein freundlicher Mensch bei der SBB-Medienstelle seiner erbarmte und sich bereit erklärte, das Anliegen an die zuständige Stelle weiterzuleiten. Tatsächlich wurden hierauf alle Kantonsflaggen in die richtige Position gebracht. Die Thurgauer Löwen waren wieder auf den Beinen. Allerdings wurde die Einreihung der Fahnen gemäss offizieller Reihenfolge (entsprechend der Nennung der Kantone in der Bundesverfassung) weiterhin nicht beachtet. Diese Erkenntnis war das Fanal für eine nächtliche Guerilla-Aktion: Der Reglementskundige entschied sich, alle Fahnen eigenhändig in die offizielle Reihenfolge zu bringen. Mithilfe eines Kollegen und einer extrahohen Bockleiter. Vorsichtshalber orientierte er vorgängig die Kantonspolizei. Eine Patrouille, lässt die Fahnenguerilla nun verlauten, habe die Aktion denn auch kurz beobachtet – «wohlwollend freudig». Nach der fast dreistündigen Nacht- und Nebel-Aktion waren alle Kantonsflaggen, welche die Turner am Bahnhof empfangen, in die offizielle Reihenfolge gebracht.

Selbstverständlich hingen in Aarau – wen wunderts? – nicht nur beim Bahnhof falsch aufgehängte Fahnen. Der Reglementskundige wurde deshalb auch bei der Stadt vorstellig. Worauf sich Werkhofchefin Regina Wenk als Aarauer Fahnenbeauftragte spontan bereit erklärte, die Flaggen im städtischen Bereich rechtzeitig in ordnungsgemässe Anordnung bringen zu lassen. Zum Glück: Für das Umhängen des Stadtadlers hoch über dem Zollrain beispielsweise hätte die extrahohe Bockleiter kaum gereicht. Umso grösser wäre das Risiko gewesen, dass nicht nur Wappentiere auf dem Rücken gelandet wären.