Pflege
«Betreuung der Eltern ist nicht selbstverständlich Aufgabe der Kinder»

Wer den kranken Vater oder Partner zu Hause pflegt, tut ihm etwas Gutes. Doch man darf auch Nein sagen.In Suhr sollen nun pflegende Angehörige bei einem Workshop lernen, sich abzugrenzen.

Katja Schlegel
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Bettina Ugolini leitet in Suhr die Workshop-Reihe für pflegende Angehörige.

Bettina Ugolini leitet in Suhr die Workshop-Reihe für pflegende Angehörige.

ZVG

Letztes Jahr haben in der Schweiz 170 000 Menschen ihre Eltern oder Partner gepflegt und dabei knapp 64 Millionen Arbeitsstunden geleistet. Das geht aus einer vom Spitexverband Schweiz in Auftrag gegebenen Studie hervor. Bei aller Liebe und Fürsorge, bei allen schönen Erlebnissen kann die Pflege eines Angehörigen auch sehr belastend sein. Nicht nur auf der zeitlichen und der physischen Ebene, sondern auch auf der emotionalen.

In Suhr startet deshalb die Geschäftsstelle Netzwerk 50+, Fachstelle Alter und Freiwilligenarbeit, zusammen mit dem Spitex-Verein Suhr eine Workshopreihe für pflegende Angehörige. Geleitet wird sie von Bettina Ugolini, Leiterin der psychologischen Beratungsstelle «Leben im Alter» (LiA) an der Uni Zürich.

Frau Ugolini, bin ich eine Rabentochter, wenn ich mich gegen die Pflege eines Angehörigen entscheide?

Bettina Ugolini: Nein, auf keinen Fall. Es darf nicht sein, dass man diese Leistung von jedem erwartet. Jede Familie und jede Einzelperson muss entscheiden, was ihr an Betreuung, an Pflege oder an Zuwendung zu den Eltern oder dem Partner möglich ist. Dabei geht es um verschiedene Faktoren: zum einen um die zeitliche Auslastung, zum anderen um die emotionale Belastung. Wie viel Nähe bin ich meinen Eltern bereit zu geben? Was erwarten sie von mir? Das muss individuell angeschaut werden, ohne moralischen Druck. Es gehört nicht selbstverständlich zu den Aufgaben erwachsener Kinder oder Ehe- oder Lebenspartner, diese Betreuung zu übernehmen. Diese Erwartungshaltung halte ich nicht für richtig.

Warum?

Wenn jemand hilfsbedürftig oder schliesslich pflegebedürftig wird, geht es in der Regel nicht um eine kurze zeitlich begrenzte Unterstützung, sondern um einen manchmal jahrelangen Prozess. Und auf den muss man sich bewusst einlassen. Hier wird eine lange Beziehungsgeschichte wirksam. Und es gibt durch aus Menschen, denen diese Beziehungserlebnisse die Betreuung massiv erschweren oder verunmöglicht.

In so einem Moment muss man aber Nein sagen können. Auch wenn man merkt, dass einem die Betreuung über den Kopf wächst.

Genau. Eines der Probleme ist, dass man sich zu wenig bewusst für die Betreuung entscheidet. Das sind meist schleichende Prozesse: Erst telefoniert man häufiger, dann hilft man beim Einkaufen, dann folgt das Begleiten zu den Arztterminen. Mit einer fortschreitenden Pflegebedürftigkeit wird es immer mehr. Es ist ganz wichtig, dass sich die Personen bewusst überlegen, worauf sie sich dabei einlassen, ob sie das wirklich wollen und welches ihr Ausstiegsszenario ist.

Was heisst das?

Jede betreuende Person muss klar definieren, an welchem Punkt, beim Eintreten welchen Zustands eine neue Lösung gesucht werden muss. Ich erlebe häufig, dass die Menschen in die Betreuung reinrutschen und gar nicht merken, dass es immer mehr wird. Irgendwann sehen sie keine Möglichkeit mehr, auszusteigen.

Weil sie Angst davor haben, ihre Eltern zu enttäuschen?

Das ist eines der Probleme, richtig. Das andere Problem ist, dass sich die Leute eingestehen müssen, dass sie überfordert sind. Die Erschöpfung ist dabei das eine; ich erlebe aber auch Situationen, in denen Menschen nicht nur erschöpft sind, sondern Aggressionen entwickeln. Sie werden ungerecht oder laut, weil sie an ihre Grenzen kommen. Und dann kommt zur Angst, die Eltern zu enttäuschen ein weiteres Gefühl, und zwar die Schuld. Das Gefühl, man müsse doch seinen Eltern das zurückgeben, was sie für uns als Kinder geleistet haben.

Gibt es genügend Angebote und Stellen, an die man sich in solch kritischen Momenten wenden kann?

Es gibt Unterschiede zwischen Stadt und Land. Aber grundsätzlich haben wir in der Schweiz ein grosses Angebot an Entlastungsmöglichkeiten: von Spitex über Nachbarschaftshilfe über Besuchsdienste bis hin zu Tageskliniken.

Aber sie werden nicht genutzt?

Die Problematik liegt nicht darin, dass wir zu wenig Angebote hätten, sondern darin, dass sich Betroffene nicht früh genug darüber informieren. Sie lassen die Dinge laufen. Wenn sie Hilfe brauchen, sind sie schon so erschöpft, dass der Aufwand, sich zu überlegen wer sie entlasten könnte, schon wieder eine Belastung darstellt. Und dann bleibt alles beim Alten.

Also muss man Hilfe organisieren, bevor es zu spät ist.

Genau. Jeder sollte sich früh genug überlegen, welche Entlastungsangebote man für die Betreuung in Anspruch nehmen könnte. Information ist ein ganz wichtiger Aspekt, und zwar präventiv.

Worum geht es denn in der Workshop-Reihe in Suhr?

Man könnte sie unter den Titel «Klarheit» stellen. Ich erlebe in der Praxis zu viele Angehörige, die sich überhaupt nicht bewusst sind, woher ihre Erschöpfung kommt. Die kommen und sagen: «So viel tu ich ja gar nicht.» Der Prozess beginnt damit, sich klar zu werden, was man eigentlich alles leistet. Was gehört zur Betreuung dazu, nicht nur im Haushalt, sondern auch auf emotionaler Ebene? Was sind Beziehungsveränderungen, die Betreuende erleben und sie traurig machen? Und dann sollen sich die Workshopteilnehmer klar darüber werden, weshalb sie das alles überhaupt tun. Welche Motive haben sie? Was leisten sie? Was ändert sich in der Beziehung? Wie entlasten sie sich heute? Welche Entlastungsangebote gibt es und welche werden sie ab morgen für sich in Anspruch nehmen? Ich wünsche mir einen Prozess, der mit einer wirklichen Refflektion und Veränderung des Alltags Klarheit bringt.

Das Angebot richtet sich also an alle Menschen, die jemanden betreuen.

Richtig, dabei spielt es keine Rolle, ob die Betreuung am Anfang steht oder bereits in einer schweren Pflegebedürftigkeit. Es geht darum, die Betreuungssituation mit einer Fachperson und anderen Betroffenen im Detail zu beleuchten und zu schauen, was man tun kann, damit es einem selbst und dem Pflegebedürftigen gut geht.

Wird das Thema mit der demografischen Entwicklung drängender?

Das ist genau der Punkt. Mit der demografischen Entwicklung und dem Fakt, dass wir immer älter werden, ergibt sich jetzt wahnsinnig viel Handlungsbedarf. Ausserdem ist noch immer die Haltung in unseren Köpfen verankert: ambulant vor stationär. Wir machen alles möglich, damit der oder die Pflegebedürftige zu Hause bleiben kann. Das müssen wir überdenken. Ambulant ist nicht immer die bessere Lebensqualität für den Pflegebedürftigen und für den Angehörigen. Viele halten aber immer noch daran fest, ohne zu merken, dass manchmal der Heimeintritt für beide die bessere Variante ist. Und auch das tun zu können, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, halte ich für ganz wichtig. Darin sehe ich meine Aufgabe; Menschen zu unterstützen, für sie den richtigen Weg zu finden. Und das soll im Workshop passieren.

Die Workshop-Abende finden am 12., 19. und 26. November von 18 bis 21 Uhr in der Aula Schulhaus Dorf in Suhr statt. Die Teilnahme ist kostenlos, während des Workshops steht die Spitex für die Betreuung der Angehörigen zur Verfügung. Anmeldungen unter 062 855 56 13 oder kristina.terbrueggen@suhr.ch

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