Aarau

Beleidigungen und Provokationen gehören zu Alltag der Stadtpolizisten

Rund um Fussballspiele, erst recht wenn die Fans alkoholisiert sind, werden Polizisten häufig beschimpft und gar bedroht. (Symbolbild)

Rund um Fussballspiele, erst recht wenn die Fans alkoholisiert sind, werden Polizisten häufig beschimpft und gar bedroht. (Symbolbild)

«Duble», «Sauhünd», «Torebuebe»: Diese und andere Schimpfwörter müssen sich Beamte der Stadtpolizei regelmässig anhören. Pro Jahr erstattet sie aber selbst nur fünf bis zehn Strafanzeigen wegen Beschimpfung.

Im April dieses Jahres beschimpfte ein FCZ-Fan einen Aarauer Stadtpolizisten mit dem Ausdruck «ACAB» («All Cops Are Bastards», «Alle Bullen sind Dreckskerle/Bastarde»). Der Beamte liess sich das nicht gefallen und zeigte den Fussballfan an. Dieser wurde am Dienstag zu einer Geldstrafe und einer Busse verurteilt. Der Vorfall ist bei weitem keine Ausnahme. Schlötterlinge gehören für Beamte zum Berufsalltag.

«Die Stadtpolizei erstattet im Durchschnitt zwischen fünf und zehn Strafanzeigen pro Jahr wegen Beschimpfung», sagt Polizeichef Daniel Ringier. Die meisten Beleidigungen würden nicht zu einer Anzeige führen. «Gerade bei Sportanlässen wie Fussballspielen sind Beschimpfungen gegen Polizisten die Regel.»

Viele würden versuchen, die Polizei bewusst von der Sachebene weg in die Gefühlsebene zu bringen. «Sie erhoffen sich, den Polizisten so zu einer Fehlhandlung zu verleiten.» Liessen sich die Beamten nicht beirren, führe das oft zu noch heftigeren Beschimpfungen.

Auch Kantonspolizisten sehen sich in ihrem Berufsalltag mit Beschimpfungen und Drohungen konfrontiert. «Wenn sich die Beschimpfung nicht direkt und konkret gegen einen Mitarbeitenden richtet, wird in der Regel ruhig Blut bewahrt und keine Strafverfolgung angestrebt», sagt Roland Pfister, Medienchef der Kantonspolizei Aargau. Werde ein Kantonspolizist oder eine Kantonspolizistin konkret mit wüsten Worten beschimpft oder bedroht, erfolge eine Anzeige an die Staatsanwaltschaft.

Beamte machen selbst Anzeige

Die Stadtpolizei Aarau nutzt ebenfalls die Strafanzeige als Massnahme bei persönlichen Beleidigungen. Ob es zu einer Anzeige kommt, entscheidet der jeweilige Polizist selbst. «Jede Situation ist einmalig und speziell», sagt Daniel Ringier. Meist sei die Beschimpfung selbst nicht der Beginn eines Zwischenfalls. Oft bestehe schon im Vorfeld eine gereizte Stimmung. «Ein Polizist ist im Dienst immer einer situativen Belastung ausgesetzt. Eine persönliche Beleidigung ist oft der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.» Er sei froh, wenn sich Polizisten nicht alles gefallen lassen würden. «Es ist unsere Aufgabe, nicht einfach der Friedlichkeit wegen wegzuschauen und alles zuzulassen.» Wichtig sei, keine unangemessenen Gegenmassnahmen zu ergreifen. Deshalb sei die Anzeige das richtige Mittel.

Im Fall des FCZ-Fans, der einen Polizisten mit dem Ausdruck «ACAB» beleidigte, handle es sich um eine eher versteckte Beschimpfung. «Es gibt aber auch absolut direkte Aussagen in Fäkalsprache», sagt Daniel Ringier. Auch Ausdrücke wie
«Duble» und «Sauhünd» hörten Polizisten im Einsatz oft. Und dann gebe es noch harmlosere Beschimpfungen wie «Chummerbuben», «Torenbuben» und «Raubritter». «Selbst das ist eine ganz klare Verkennung der Rolle der Polizei. Wir sind nicht der ‹Anseichpfosten› für jeden, der seine Frustration loswerden will», sagt der Polizeichef.

Polizisten nicht die Einzigen

Nebst den Grosseinsätzen kommt es laut Daniel Ringier vor allem im Strassenverkehr häufig zu Beschimpfungen. «Die Leute ärgern sich, weil wir wie Lehrer korrigierend einwirken und auf Fehlverhalten hinweisen.» Er habe sogar Verständnis für einen gewissen Frust. «Doch Falschparkieren zu ahnden, ist unser Job. Es ist deshalb völlig inakzeptabel, wenn Beamte persönlich beschimpft werden.»

Oft gingen solche Aussagen von Personen aus, die sich in einem psychischen Ausnahmezustand befinden. «Beschimpfungen werden oft von Personen ausgestossen, die unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehen», sagt Roland Pfister. Dabei gebe es keinen bestimmten Tätertyp. «Beleidigungen und Beschimpfungen werden von Personen unterschiedlicher Altersgruppen und Herkunft ausgesprochen.»

Doch der Polizeiberuf ist nicht der einzige, bei dem Beschimpfungen fast schon zur Tagesordnung gehören. «Beschimpfungen werden gegen Polizisten, Mitarbeitende von öffentlichen Verwaltungen, Bahn- und Buspersonal und auch gegen Private ausgesprochen», sagt Pfister. Auch Gemeindeammänner sind vor Schlötterlingen nicht gefeit. «Das kann in speziellen Situationen vorkommen. Zum Beispiel bei einem Nachbarschaftsstreit oder wenn es um persönliche Bedürfnisse geht», sagt Beat Rüetschi, Gemeindepräsident in Suhr. Doch diese Angriffe würden sich meist gegen den Gemeinderat als Behörde richten, weshalb er persönlich damit kein grosses Problem habe.

Auch der Gemeindeammann von Oberentfelden, Markus Werder, hat noch keine Bemerkung unter der Gürtellinie einstecken müssen. «Ich habe es noch nie erlebt, dass mir eine Aussage zu weit ging», sagt er. Eine Anzeige würde er aber ohnehin nicht einreichen. Markus Werder sagt: «Ich würde die Person in einem solchen Fall direkt darauf ansprechen und nicht die Justiz damit beschäftigen.»

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