Kürzlich erfreute mich eine Nachricht aus Deutschland: «Der Numerus clausus wird beim Medizinstudiengang abgeschafft». Neuerdings ist eine gute Matur nicht mehr der einzige und ausschliessliche Zugang zum Medizinstudium. In Zukunft gibt es weitere zu erfüllende Kriterien, Universitäten müssen die Kandidaten in einem Auswahlgespräch hinsichtlich Empathie und Sozialkompetenz bewerten – endlich!

Die für mich entscheidende Frage in dieser seit Jahren bestehenden Diskussion um den Zugang zu Medizinstudienplätzen lautet: Macht eine gute Matur einen guten Arzt? Oder anders gefragt: Was macht einen guten Arzt aus und welche Eigenschaften sollte er mitbringen?

Hand aufs Herz: Die meisten hochintelligenten Menschen sind wichtig für das Fortkommen unserer Gesellschaft und leisten beeindruckende Arbeit in den Labors und an den Universitäten dieser Welt. Aber ein hoher Anteil von ihnen bringt wenig von dem mit, was ein guter Arzt in meinen Augen benötigt. Von jeder Regel gibt es selbstverständlich Ausnahmen und ich kenne reichlich hochintelligente Ärzte, die gleichzeitig Empathie und Sozialkompetenz mitbringen.

Wenn ich entscheiden dürfte, wer zum Medizinerstudium zugelassen wird, dann würde die Maturnote nur eine untergeordnete Rolle spielen. Das Medizinstudium ist im Wesentlichen ein Fleissstudium. Mit der nötigen Motivation, Disziplin und Willen kann es meines Erachtens jeder Maturand schaffen – unabhängig von seiner Note.

Ich würde den Lebenslauf der Kandidaten darauf überprüfen, ob sie auch wirklich am Arztberuf interessiert sind und nicht nur am Prestige. Ein freiwilliges soziales Jahr in einem Altersheim oder ein soziales Auslandsjahr in Afrika würde auf eine wirkliche Berufung als Motivation hindeuten und bei mir eine hohe Gewichtung erhalten. Auch Brüche im Leben würde ich – so seltsam das klingt – hoch bewerten. Ist es nicht eine breite Lebenserfahrung mit Hochs und Tiefs, die eine Persönlichkeit formt und ihr das Rüstzeug für einen Beruf mit intensivem Menschenkontakt und emotionalen Ausnahmesituationen mitgeben?

Wäre es für jeden angehenden Arzt nicht auch wichtig, sich mit den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten auseinandergesetzt zu haben? Muss er nicht Zugang zu allen Menschen finden können – zur gesamten Vielfalt menschlichen Daseins: zum Bettler, zum Grosi, zum skatenden Punk, zum kiffenden Hippie und verschlossenen Stubenhocker, zum Professor und zum Top-Manager. In all diese Menschen kann man sich nur einfühlen, wenn man deren Welten ein wenig kennt oder sich zumindest in diese hineindenken kann.

Patienten fühlen sich in Kliniken und Praxen oft ausgeliefert, empfinden ihre Erkrankung als existenzielle Bedrohung – Angst und Hilflosigkeit haben sie fest im Griff. Erschreckend oft fehlt dem medizinischen Personal in dieser Situation das nötige Feingefühl. Es würde uns Ärzten guttun, öfter die Perspektive der Patienten einzunehmen, dieses spezielle Gefühl zu kennen, wenn es um die eigene Versehrtheit geht – auch wenn sich dies kaum konstruieren lässt und ich niemandem den tatsächlichen «Ernstfall» wünsche. Es würde aber vielen Medizinern im Umgang mit Patienten helfen. Es würde leichter fallen, mal eine Hand zu halten, ein Lächeln zu schenken oder eine Träne aus dem Augenwinkel zu wischen.

Alles tausendmal wichtiger, als die Nitratwerte des 24-Stunden-Urins der grünen Meerkatze auswendig zu kennen.

Natürlich weiss ich um die hohe Arbeitsbelastung in Kliniken und Praxen. Aber Einfühlungsvermögen und Zuwendung sind nicht immer eine Frage der Zeit. Ich kann einer Patientin auch innerhalb von 3 Minuten ein gutes Gefühl geben, wenn ich ihr für diesen kurzen Moment die volle Aufmerksamkeit schenke, aktiv zuhöre und angemessen empathisch reagiere.

Wer eignet sich letztlich für das Medizinstudium? Eine pauschale Antwort gibt es nicht. Aber ich würde es begrüssen, wenn nicht nur auserwählten und hochbegabten Akademikerkindern, sondern eine gute Mischung aus Kandidaten aller Gesellschaftsschichten der Weg zur medizinischen Fakultät offen stünde.

Die Tochter oder der Sohn einer Arbeiterfamilie, die mit wenig Mitteln auskommen mussten und in einem Problemviertel aufgewachsen sind, die sich die mittelmässige Maturnote hart erarbeiten mussten und anschliessend im Rahmen eines Sozialpraktikums mithalfen, ein Kinderhilfsprojekt ins Leben zu rufen, hätten meines Erachtens mindestens ebenso gute Voraussetzungen, ein guter Arzt respektive eine gute Ärztin zu werden, wie die vielen Top-Maturanden, die aktuell die Medizinstudienplätze der Universitäten besetzen.

Wer auch immer das Medizinstudium durchläuft, sollte ausreichend Demut mitbringen, um zu wissen, dass die wirkliche Arztausbildung erst nach dem Studium beginnt und ein Berufsleben lang andauert. Dass man Tag für Tag dazulernt – fachlich und menschlich. Wer das beherzigt, hat gute Chancen, ein ausgezeichneter und menschlicher Arzt zu werden.