Stellte man einzig auf die Aussagen des 32-jährigen Eritreers und auf das Plädoyer der amtlichen Verteidigerin ab, könnte man den Eindruck erhalten, die Staatsanwaltschaft habe mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Genau so drückte sich die Verteidigerin aus. Anklage erhoben hatte die Staatsanwaltschaft wegen räuberischer Erpressung, falscher Anschuldigung und Beschimpfung. Dafür forderte sie eine unbedingte Freiheitsstrafe von 12 Monaten, eine Geldstrafe von 200 Franken und 10 Jahre Landesverweis.

Gemäss Anklageschrift versuchte der Beschuldigte am 3. August 2018 sein Glück an einem Automaten in einem Aarauer Spielsalon. «Geladen» war er von Anfang an, weil er in diesem Lokal schon viel Geld – nach eigenen Angaben über 20 000 Franken – verspielt hatte.

Blumentopf als Waffe?

Noch aggressiver wurde er, als er beim Spiel erneut verlor und glaubte, dass der Automat nicht richtig funktioniere. Deshalb ging er zum Tresen, hinter dem die Betreiberin des Salons stand, und nahm einen dort stehenden Blumentopf in die Hand. Diesen richtete er laut Staatsanwaltschaft «in drohender Wurfgebärde» gegen die 33-Jährige. Von dieser verlangte der Beschuldigte «in aggressiver Manier die Herausgabe von 20 000 Franken». Im Lokal befanden sich zwei weitere Kunden. Einer von ihnen, ebenfalls ein Eritreer, versuchte, den Wütenden in der gemeinsamen Landessprache zu beruhigen, was ihm aber nicht gelang. Im Gegenteil. Der Beschuldigte schrie die Salonbetreiberin an: «Ich bringe dich um, ich nehme Messer und steche dich ab. Ich will Geld, sonst nehme ich Messer und steche dich!» Die Frau nahm ein paar Noten aus dem Portemonnaie, 210 Franken, und streckte ihm das Geld hin. Dieses stopfte der 32-Jährige, der laut einem psychiatrischen Gutachten spielsüchtig ist, in seinen Rucksack und verliess das Lokal.

Bei der Hafteröffnung tags darauf behauptete der Beschuldigte, die Salonbetreiberin habe ihm, zusammen mit dem Geld, eine Schere ins Gesicht geworfen und ihn so absichtlich verletzt. Die leichte Verletzung an der Stirn, die der Beschuldigte aufwies, stellte die Staatsanwaltschaft fest, habe er tags zuvor bei der vorläufigen Festnahme aber noch nicht gehabt. Falsche Anschuldigung also. Schon zwei Monate zuvor soll der Eritreer die Salonbetreiberin als «Schlampe» (oder ähnlich) beschimpft haben.

Vor Gericht alles bestritten

Vor Gerichtspräsidentin Bettina Keller-Alder als Einzelrichterin bestritt er, gesagt zu haben, er wolle Geld – oder er steche zu. Auch habe er die Salonbetreiberin nie beschimpft. Und ja, er habe gedacht, die Frau habe ihm eine Schere ins Gesicht geworfen.

Seine amtliche Verteidigerin erklärte, er habe nur das an jenem Tag verspielte Geld zurückverlangt, weil er der Meinung gewesen sei, der Automat funktioniere nicht. Die Staatsanwaltschaft (der die Verteidigerin auch formelle Mängel vorhielt) habe es verpasst, abzuklären, ob der Spielautomat funktionierte oder nicht. Einen Vermögensvorteil habe ihr Mandant nicht zu ergattern versucht. Und den Blumentopf habe er lediglich auf den Tresen geschlagen. Von einer Wurfbewegung könne nicht die Rede sein.

23'500 Fr. für den Beschuldigten?

Insgesamt ergebe sich kein deutliches Bild des Straftatbestandes, erklärte die Verteidigerin. Und da die Aussagen der Lokalbetreiberin nicht glaubwürdiger seien als jene ihres Mandanten, sei dieser nach dem Grundsatz «in dubio pro reo» von Schuld und Strafe freizusprechen. Der Mann sei unverzüglich aus dem (vorzeitigen) Strafvollzug zu entlassen. Ihm sei für die zu Unrecht ausgestandene Haft die übliche angemessene Entschädigung von 100 Franken pro Tag auszurichten.

Auf diese Weise hätte der Beschuldigte, bildlich gesprochen, auch noch 23'500 Franken aus der Staatskasse «in seinen Rucksack stopfen» können – und seine Glücksspielverluste wären, mit Haft erkauft, gedeckt gewesen. Doch so weit kommt es nicht – zumindest nicht aufgrund des erstinstanzlichen Urteils: Bettina Keller-Alder sprach den 32-Jährigen in allen drei Anklagepunkten schuldig.

In der mündlichen Urteilsbegründung führte die Gerichtspräsidentin aus, das Opfer habe in den Einvernahmen, zum Teil auch gestützt durch die Aussagen der beiden Zeugen, glaubwürdig und konstant ausgesagt. Bei den Aussagen des Beschuldigten handle es sich dagegen zum Teil um reine Schutzbehauptungen. Ob der Automat funktioniert habe, sei letztlich egal. Im Verlaufe der Untersuchung habe der Beschuldigte einmal eingeräumt, dass er alles Geld zurückgewollt und das Opfer gezwungen habe, ihm das Geld auszuhändigen.

Sieben Jahre Landesverweisung

Die Gerichtspräsidentin verurteilte den Eritreer zu einer unbedingten Gefängnisstrafe von 12 Monaten, einer Busse von 100 Franken und, da kein Härtefall vorliege, zu sieben Jahren Landesverweisung. Ehe die Richterin die Verhandlung als geschlossen bezeichnen konnte, fiel ihr der Eritreer ins Wort: «Ich bin nicht einverstanden.» «Dann kann Ihre Verteidigerin eine Eingabe machen», belehrte ihn Bettina Keller-Alder. «Die Verhandlung ist geschlossen.»