Bezirksgericht Aarau

Beim Unfall noch Ersthelfer – und dann doch auf der Anklagebank

Das Bezirksgericht Aarau hat den Beschuldigten in allen Anklagepunkte freigesprochen.

Das Bezirksgericht Aarau hat den Beschuldigten in allen Anklagepunkte freigesprochen.

Ein Deutscher betreute einen Motorradfahrer, der gestürzt war. Dass er selber vor Gericht landen würde, hätte der Helfer nie erwartet. Pflichtwidriges Verhalten nach einem Unfall wurde ihm unter anderem vorgeworfen.

Man kann von Aberglauben halten, was man will. Aber der 13. März 2015 war ein Freitag, und er brachte zwei Menschen Unglück. Der eine ist Alejandro (alle Namen geändert). Er stürzte im «Turbinen-Kreisel» in Aarau mit seinem Motorrad, zog sich Prellungen an Hüfte und Oberkörper zu und musste mit der Ambulanz ins Spital gebracht werden.

Der andere ist Frank, der mit seinem Lieferwagen im Kreisel vor Alejandro gefahren war, nach dessen Sturz erste Hilfe leistete und sich nun gut neun Monate später auf der Anklagebank am Bezirksgericht Aarau wiederfand.

Alejandro musste eine Woche nach seinem Unfall bei der Polizei antraben. Dort gab er an, Frank sei schuld: Dieser habe Alejandro im Kreisel erst die Vorfahrt genommen und dann abrupt abgebremst. Er habe mit seinem Motorrad eine Vollbremsung machen müssen und sei deshalb gestürzt, sagte Alejandro den Beamten.

Nun wurde Frank vorgeladen. Der Deutsche ahnte nichts Böses, im Gegenteil: «Ich habe für meine Erste-Hilfe-Leistung zwar keinen Orden erwartet – aber ein Dankeschön vielleicht», sagte der gut 50-jährige Frank gestern vor Gericht. Erst bei der Befragung durch die Polizei sei ihm klar geworden, dass er nicht als Zeuge, sondern als Beschuldigter einvernommen wurde. Wenig später flatterte der Strafbefehl ins Haus.

«Plötzlich schepperte es»

Jener Freitag im März war schön und ungewöhnlich warm, selbst abends um halb sieben, «ab Oberentfelden hatte ich das Seitenfenster unten», erzählte Frank. Im dichten Feierabendverkehr sei er langsam in den «Turbinen»-Kreisel gerollt. Er habe diesen schon fast wieder Richtung «Obere Vorstadt» verlassen, als er es hinter sich scheppern hörte. «Ich fahre seit 30 Jahren Motorrad. Deshalb wusste ich gleich, was das war.»

Er habe angehalten, das Rad von Alejandros Töff gesehen und sei ausgestiegen. Gemeinsam mit einer Passantin kümmerte er sich um Alejandro. Dieser sei unter Schock gestanden und habe sich, seinen Instrumentenkoffer noch auf dem Rücken, aufgerappelt. «Er lief verwirrt herum», so Frank. «Wir haben ihn angesprochen, er hat aber nicht reagiert.» Weil es dem Gestürzten immer schlechter gegangen sei, habe die Passantin die Ambulanz gerufen. «Als der Mann im Krankenwagen lag, fragte ich die Sanitäterin, ob ich gehen darf. Ich habe mich sogar noch vom Motorradfahrer verabschiedet und ihm gute Besserung gewünscht.» Dass er nicht auf die Polizei gewartet hat, erklärt Frank damit, dass er gar nichts von deren Alarmierung wusste und sich auch in keinster Weise als Unfallbeteiligter verstanden habe.

Nun legte ihm die Staatsanwaltschaft aber neben Missachtung des Vortritts und mangelnder Aufmerksamkeit auch noch pflichtwidriges Verhalten nach einem Unfall zur Last. Sie beantragte eine Geldstrafe von 20 Tagessätzen à 110 Franken bedingt, dazu eine Busse von 500 Franken. Franks Anwalt forderte hingegen einen Freispruch. Der einzige Beweis, den die Staatsanwaltschaft vorbringen könne, sei die Aussage von Alejandro.

Der habe sich damit aber selbst entlastet. Ausserdem habe er Frank und dessen angebliche Vorfahrtsmissachtung erst ins Spiel gebracht, als er vorgeladen worden sei. Zwar trete er als Zivilkläger auf, sei aber heute nicht vor Gericht erschienen und habe nicht einmal eine Haftpflichtforderung gegen Frank gestellt. Das «lässt auch einen gewissen Schluss zu», so der Anwalt.

Nicht einmal Bremsspuren habe man gefunden, die bei den angeblichen Vollbremsungen doch vorhanden sein müssten. Selbst die Polizei habe ihn ihrem Bericht festgehalten, dass sich weder Franks noch Alejandros Variante des Unfallherganges eindeutig beweisen lasse. «Es darf nicht sein, dass ein unschuldiger, unbescholtener und hilfsbereiter Fahrzeuglenker verurteilt wird», so der Verteidiger.

Dies sah offenbar auch die Gerichtspräsidentin so. Sie stufte Franks Aussage als konsistenter und glaubwürdiger ein als Alejandros. Frank wurde in allen Anklagepunkten freigesprochen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1