Der Atomausstieg hat die Suche nach alternativen Formen der Stromerzeugung lanciert. Grosse Hoffnung liegt auf der Ausweitung der Wasserkraft. Ist diese aber überhaupt naturverträglich? An einem Podium im Aarauer Naturama diskutierten Politiker, Ingenieure und Naturschutzexperten darüber. Das Interesse am Thema war gross: Nur dank zusätzlichen Stühlen konnten alle Zuhörer im Mühlbergsaal im Naturama die Podiumsdiskussion mitverfolgen.

Kann man noch mehr herausholen?

Im Aargau produzieren heute 25 grosse und mittlere Wasserkraftwerke an Aare, Limmat, Reuss und Rhein 3,1 Terawattstunden Strom. «Das ist wahnsinnig viel», sagte Stefan Kunz, Geschäftsführer vom Schaffhauser Rheinaubund. 70 Prozent des Aargauer Verbrauchs elektrischer Energie werden durch die Wasserkraftwerke gedeckt. 95 Prozent der Nutzgewässer werden bereits genutzt. «Die Zitrone ist ausgepresst», sagte Kunz. Dem entgegnete Nobert Kräuchi, Leiter der Abteilung Landschaft und Gewässer beim Kanton: «Auf die ganze Schweiz betrachtet ist die Zitrone nicht ausgepresst, im Aargau ist sie fast ausgepresst.» An den vier Bächen Aabach, Suhre, Wigger und Rotkanal sieht der Kanton Potenzial für Kleinstkraftwerke. Mit einer Erneuerung der bestehenden Wasserkraftwerke könne man zudem mehr Strom erzeugen.

Noch mehr sei mit einer effizienteren Nutzung des vorhandenen Stroms herauszuholen, sagte Pro-Natura-Geschäftsführer und FDP-Grossrat Johannes Jenny. «Doch es fehlen Anreize, um Strom zu sparen.» Zu günstig würde der Strom verkauft. Und wenn man nicht unbedingt sparsam damit umgehen müsste, dann tue das auch niemand, so Jenny.

IBAarau plant Kleinstkraftwerke

Im Kopf hätten einige die Kernenergie noch nicht losgelassen, meint Hans-Kaspar Scherrer, CEO der IBAarau. «Weil wir heute noch kein Problem haben, ist Stromsparen bei Vielen kein Thema.» Auch für ihn sei die Zitrone punkto Wasserkraft im Aargau noch nicht ausgepresst. Erste Priorität habe die Effizienzsteigerung der Energienutzung, danach sollte man das Potenzial modernerer Technologien ausschöpfen. «Dank neuer Technologien können wir aus weniger Wasser mehr Energie herausholen», sagte er.

Die IBAarau plant, an der Suhre sechs Kleinwasserkraftwerke zu bauen. 1000 Haushalte könnten dadurch mit Strom versorgt werden. «Wir verbauen keine freien Flüsse, sondern legen die Kraftwerke dort an, wo Industriebetriebe die Suhre bereits verbaut haben», sagte Scherrer. Alte Wehre würden abgebrochen und naturverträgliche Kraftwerke würden gebaut. «Das Ziel ist, in der Suhre auch eine ökologische Verbesserung herbeizuführen.»

Die geplanten Kraftwerke seien nicht völlig schlecht, hätten jedoch ein paar Haken, was den Fischschutz betrifft, sagte Fischexperte und Ingenieur Peter Jean-Richard. Die Verlangsamung der Strömung und die Ansammlung von Schlamm würden den Lebensraum gewisser Fischarten zerstören. «Es darf nicht sein, dass die Natur noch mehr verliert», sagte er. In Kompromisslösungen könnten Kraftwerke etwa auf eine maximale Stromgewinnung verzichten, um den Fischen etwas mehr an Strömung zu gewährleisten. «Hätten die Fische Stimmrecht, sähe alles ganz anders aus», sagte Jean-Richard mit Humor.