Oberentfelden

Bei der Polster-Meisterin bleibt keine Zeit für schöne Hände

Manuela Flückiger mit einem von ihr designeten Tisch mit auswechselbarer Spielbrett-Tischplatte.

Manuela Flückiger mit einem von ihr designeten Tisch mit auswechselbarer Spielbrett-Tischplatte.

Früher hat sie Traumhäuser gezeichnet. Heute entwirft Manuela Flückiger das, was man in Traumhäuser reinstellen kann. Damit will sie gegen die Wegwerfmentalität ankämpfen.

Der Fingernagel ist mit Sekundenkleber geflickt, dreimal ist er schon eingerissen und ein Pflaster war grad nicht zur Hand, die Finger sind schwarz vom frisch gestrichenen Palett. Manuela Flückiger arbeitet. Immer unter Hochdruck, getrieben von ihrer Freude am Arbeiten, vom Perfektionismus, von immer neuen Ideen.

Da bleibt keine Zeit für schöne Hände. Muss auch nicht. «Ich liebe es, mit meinen Händen zu arbeiten, das kann man ruhig sehen», sagt Flückiger und kramt ihr Lieblingswerkzeug aus der Kiste: die Luftpistole.

Manuela Flückiger ist Polsterei-Meisterin. Sie näht, stanzt, klopft, nagelt und heftet, zwängt Schaumgummi und Kissen in neue Häute, haucht Altem neues Leben ein. Doch nicht nur das. Vor neun Jahren hat sie begonnen, neben ihrem Job bei der Designer-Firma «team by wellis» ihre eigenen Sachen zu entwerfen: Möbel, Handtaschen und Hüllen für Tablets und Handys.

«Eigentlich wollte ich als Mädchen Architektin werden und habe lauter Häuser gezeichnet», sagt sie und lacht. «Jetzt bin ich halt eine Mini-Architektin und gestalte im Kleinen, was mir gefällt.» Ihre Handy-Tasche, deren Prototyp sie 2007 aus einem Leder-Rest genäht hat, hat sie inzwischen 6000-mal verkauft.

Neues Domizil in der Bürsti

Doch jetzt wurde es zu eng. Zeitlich und räumlich. «Meine Kreativität konnte ich als Angestellte nicht voll ausleben», sagt Flückiger. Und im Atelier in ihrem Elternhaus im Oberaargau fehlte es an Platz und helfenden Händen. «Ich konnte die vielen Produktionsanfragen nicht mehr allein stemmen.»

Deshalb hat sie alles umgekrempelt und mit ihrem Bruder Hannes Flückiger und Urs Hefti die Manufaktur MASCH GmbH gegründet: Unter diesem Dach stecken die Polsterei von «team by wellis», die Möbelfirma Famoco aus dem Muotathal und Manuela Flückigers Label MASCH.

Eingerichtet hat sich Flückiger in den letzten Wochen in der Alten Bürsti in Oberentfelden. «Ich habe nur noch gegrinst, als ich das erste Mal in dieser Halle in diesem Umfeld stand.» Dieser Ort, ein Tummelfeld für kreative Köpfe und Handwerker, strotze vor guter Energie, vor Arbeitslust. «Das ist wie eine grosse Familie. Hier fühle ich mich wahnsinnig wohl», sagt Flückiger.

Möbel brauchen Wertschätzung

Ihr riesiger Raum ist sowohl Ausstellungshalle als auch Werkstatt. An der Wand hängen die gewaltigen Lederhäute über Metallgestellen, davor stehen die verschiedenen Nähmaschinen: die beiden starken fürs Leder, eine Overlock, eine Stoffmaschine und eine, die das Leder dünn schleift, damit es überhaupt mehrlagig verarbeitet werden kann. Flückigers Mitarbeiterin Dora Bucher wuchtet gerade einen Bezug für eine Liege in Position und setzt den Fuss aufs Pedal. Eine Kellernaht soll es werden, sehr schwierig. Und vernähen geht nicht. Jeder Stich bedeutet ein Loch, das bleibt auf immer sichtbar.

Doch auf die Finger schauen ist erlaubt, erwünscht sogar. «Die Kunden sollen sehen können, wie ihr Möbelstück entsteht», sagt Flückiger. Das habe mit Wertschätzung zu tun. Für die Arbeit, aber vor allem auch für das Produkt. «Die Leute sollen wieder wertschätzen, was sie zu Hause haben.»

Für Flückiger ist das eine Herzensangelegenheit: «Wir kaufen Möbel, ohne viel darüber nachzudenken, und schmeissen sie weg, sobald sie uns nicht mehr gefallen. Dagegen will ich ankämpfen.» Und so produziert sie nicht nur Neuware, sondern polstert abgewetzte Sesselkissen auf, tigert durch Brockenstuben, macht aus ausrangierten Bilderrahmen Serviertablette und schreinert aus Abfallholz Beistelltischchen.

«Ich suche das Perfekte»

Für ihre eigenen Entwürfe hat Flückiger nur einen Anspruch. Aber der hat es in sich: «Ich suche das Perfekte», sagt sie und lacht. «Im Ernst: Etwas Neues kann man heute kaum mehr erfinden. Aber ich kann Bestehendes optimieren, bis es perfekt ist.» Dazu gehört für sie nicht nur das Möbelstück, sondern auch das Drumherum. «Passt das Stück nicht in den Raum, macht es auch nicht glücklich.»

Und glückliche Kunden, das ist für Manuela Flückiger das Grösste. Auch wenn ihr die Stücke manchmal selber so ans Herz gewachsen sind, dass es ihr fast ein wenig wehtut, sie zu verkaufen. «Aber dann mache ich mich auf die Suche nach dem nächsten Objekt, das ich zum perfekten Stück machen kann – und das macht mich wieder glücklich.»

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