Aarau

Bei den Bestatter-Dreharbeiten sind Kirchenglocken unerwünscht

Eigentlich mag der «Bestatter»-Regisseur die Stadt – wenn nur dieses strändige Geläute der Kirchenglocken während der Dreharbeiten nicht wäre. Ein Besuch der Dreharbeiten auf dem Friedhof Rosengarten.

Die Wipfel der hohen Tannen bewegt vom Wind. Vielleicht beginnt die Szene damit. Und mit dem Rauschen, das noch zu hören ist, während die Kamera langsam nach unten fährt zu den Gräbern und zu der Gruppe, die dort um drei exhumierte Särge steht. Dann zoomt sie auf ein bleiches Gesicht, auf den gelblich gewordenen Hemdkragen, die verdorrten Röslein daneben, die gefalteten Hände.

Möglich wärs, dass dies der Anfang der Sequenz auf dem Friedhof Rosengarten in der dritten Staffel der Fernsehserie ist. Jedenfalls schwebt der Kameramann vier Meter über dem Boden, angegurtet auf seinem Sitz. «Schön, oder?», ruft er von da, «soll ich das so machen?» Mit wem der Kameramann spricht, ist bei den vielen Menschen, die um die Särge herumstehen zuerst kaum auszumachen. «Probe aus!», ruft einer. Der Typ im Kapuzenpulli mit den grossen Seitentaschen an den Hosen muss also der Aufnahmeleiter sein. Doch erst wenn Regisseur Markus Welter das Okay gibt, ist die Szene definitiv im Kasten.

Fast riecht man die Leichen wirklich

Also von vorn: Die Erde auf den Särgen anfeuchten, Röslein richten, Sargdeckel wieder zuschrauben. Die Statisten darin liegen bockstill. «Schwebekranbereich freimachen!», ruft der Aufnahmeleiter, die eingeladenen Fotografen bringen sich in Sicherheit. «Sechs-eins-drei, die zweite!» ruft ein Assistent. Der Regisseur: «Und Action!»

Der erste Sargdeckel wird aufgeschraubt, Kommissarin Giovanoli, Bundespolizist Lambert und eine Frau in roten Gummistiefeln weichen zurück: Leichengestank. «Das ist er», sagt ein Gerichtsmediziner. Er deutet auf eine Narbe der Leiche, «meine Handschrift.» Die Frau in den Gummistiefeln klammert sich an Lambert Arm. «Abbruch!», ruft der Typ im Kapuzenpulli. Der Schwenkkran soll erst bei der zweiten Leiche verschoben werden, sagt der Kameramann. «Sorry», sagt der Kranführer.

Sargdeckel zu. «Sechs-eins-drei, die dritte!» In dem Moment beginnen Kirchenglocken zu läuten. «Ah!», ruft der Regisseur und verwirft die Hände. «Das ist schon lustig hier in Aarau, immer Glocken. Und schweigt die erste, folgt gleich die nächste. Überall klingeln und glöckeln.» Er seufzt. «Wir haben ja sonst nichts anderes», sagt überbescheiden die Assistentin aus der Region. «Ach was», antwortet der Regisseur, «Aarau hat die Meyerschen Stollen, Ömers Imbiss, wo wir immer hingehen, das Pickwick – und die Blitzanlage am Zollrain.»

Suhrer Totengräber ist Statist

Der Mann im grünen Faserpelz auf dem kleinen Bagger lacht leise. Es ist Ruedi Zogg vom Blumen Hoch in Suhr. Er hebt im Rosengarten Gräber aus, wenn Erdbestattungen anstehen, weil der Friedhof keinen eigenen Bagger hat. Heute ist er zudem Statist. Er hievte einen Sarg aus dem Grab, das er extra fürs Filmteam ausgehoben hatte. Jetzt muss er einfach noch still im Hintergrund sitzen. Im wirklichen Leben komme eine Exhumierung selten vor, erzählt er in einer Drehpause. «Nur einmal wollte eine Frau ihren verstorbenen Mann mit an ihren neuen Wohnort nehmen.» Auf Anordnung der Kripo habe er es noch nie tun müssen.

Ruedi Zogg ist nicht der einzige Statist aus der Region. Zwei echte Friedhofsgärtnerinnen sind heute dabei und zwei Spurensicherer im weissen Anzug. Eine von ihnen ist eine Erlinsbacherin, die erzählt, sie habe im «Bestatter» schon eine Polizistin und eine Mutter mit Kinderwagen gespielt. «Nur eine Leiche würde ich nie spielen», sagt sie und blickt auf die drei reglosen Gestalten in den Särgen, deren Gesichter mit Wachsmasken abgedeckt sind. Die Augen können sie während Stunden nicht öffnen. Die Friedhofgärnterinnen pflichten bei: «Gegen die Leichen haben wir einen Schoggi-Job.»

Mike Müller ist startbereit

Fast unbemerkt ist Mike Müller aufs Set gekommen und begrüsst viele im Team herzlich. Der Gehilfe Fabio alias Reto Stalder wartet schon lange im Hintergrund. Das Bestattungsunternehmen Conrad hat seinen Einsatz erst in der Nacht.

Es dämmert schon, der Regisseur wird nervös. Einige Aufnahmen von Gesichtern fehlen noch. Die grosse Leinwand, von starken Scheinwerfern angestrahlt, imitiert jetzt das Tageslicht. Dann endlich werden die Särge weggetragen und ein paar Helfer befreien die Statisten. «Applaus für die Leichen!», ruft der Regisseur. In der Abdankungshalle rüsten sich ein paar befreundete Offiziere mit Plastikpistolen und Schutzwesten aus. Sie werden als Spezialeinheit der Polizei ihren Einsatz haben.

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