Aufregung unter Aarauer Eltern: Es geht um Krippenplätze, die vorhanden wären, aber nicht vergeben werden können. So lautet jedenfalls der Tenor der Nachrichten von besorgten bis verzweifelten Eltern, die sich in den letzten Tagen an die az gewandt haben.

Auslöser war ein Brief, den der Verein Erziehung und Bildung VEB, die Trägerorganisation der Kita «Spielvilla» und des Horts «Clubhaus Telli», verschickt hat. Den Eltern wurde mitgeteilt, dass per sofort ein Aufnahmestopp für neue Kinder gilt. Auch für solche, deren Geschwister bereits betreut werden. Eine Aufstockung des Betreuungspensums sei ebenfalls nicht mehr möglich. Grund dafür sei, dass die Stadt auf einer bestimmten Anzahl subventionierter Plätze beharre, man habe keinen Spielraum mehr. «Beschwerden richten Sie bitte direkt an den Stadtrat», schreibt der VEB.

Eltern sind alarmiert

Eine dieser Beschwerden liegt der az vor. Sie kommt von Janine Vasquez. Die alleinerziehende Mutter arbeitet 60 Prozent als Intensivpflege-Expertin. Ihr älterer Sohn geht ins «Clubhaus Telli». Der jüngere, der im Sommer 2017 in den Kindergarten kommt, hätte ab diesem Zeitpunkt auch ins «Clubhaus» gehen sollen. Den Platz hatte man Vasquez versprochen. Und nun der Aufnahmestopp. «Das hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen», sagt Vasquez. Denn Alternativen zum Hort gibt es im Quartier kaum.

«Ich bin dringend auf einen Betreuungsplatz für mein Kind angewiesen», schreibt sie dem Stadtrat. «Für mich ist es existenziell, dass ich arbeiten kann und meine Kinder in dieser Zeit betreut werden.» Sie möchte «als alleinerziehende Mutter nicht gezwungen werden, nicht mehr arbeiten zu können und auf Sozialhilfe angewiesen zu sein».

Was geht hier vor sich?

Um das zu verstehen, muss man wissen, dass die Stadt bei den drei Trägerschaften (Chinderhuus, VEB, Gemeinnützige Frauen Aarau) eine bestimmte Anzahl Betreuungstage reserviert. Konkret sind es 90 Prozent aller Krippentage und 70 Prozent aller Horttage, so ist es im Leistungsvertrag festgehalten. Diese Subventionen sind so berechnet, dass ein Hort (ab Kindergarten) bereits bei 70 Prozent Auslastung kostendeckend ist, eine Krippe (Vorschulkinder) bei 90 Prozent. Liegt die Auslastung darunter, zahlt die Stadt für die tatsächlich belegten Plätze. In den letzten Jahren sei das fast immer so gewesen, sagt Jeannine Meier, Leiterin Soziale Dienste. Im 2015 habe es aber eine «Punktlandung» gegeben, in der der Maximalbetrag an Subventionen ausgeschöpft worden war. Und 2016 seien so viele Kinder betreut worden, dass die Auslastung weit über 100 Prozent liege. «Deshalb hat die Stadt die Trägerschaften auf den bestehenden Leistungsvertrag hingewiesen und betont, dass sie 2016 die Maximalsubvention von 70/90 Prozent auszahlen werde», sagt die zuständige Stadträtin Franziska Graf.

Für die «Spielvilla» bedeutet das: Ist die Krippe zu weniger als 90 Prozent ausgelastet, subventioniert die Stadt nur die tatsächliche Auslastung. Bei genau 90 Prozent ist die Kita kostendeckend – aus unternehmerischer Sicht gut, aber angesichts der hohen Nachfrage nicht ideal. Wenn die Krippe aber zu 100 Prozent belegt ist, subventioniert die Stadt trotzdem nur 90 Prozent der Betreuungstage. Das hat sie im Brief an die Trägerschaften klar festgehalten. Für die restlichen 10 Prozent erhält die Trägerschaft also kein Geld von der Stadt, sondern nur die Elternbeiträge von maximal 110 Franken pro Tag (ab 2017). Diese sind im Reglement festgelegt und es ist dem Verein deshalb nicht erlaubt, die Vollkosten zu verlangen. Von diesen zusätzlich generierten Elternbeiträgen müsse die Trägerschaft ausserdem einen sehr kleinen Teil der Stadt abgeben, so Jeannine Meier. Sie betont: «Ziel der Subventionen ist, dass die Krippen und Horte überleben können. Aber nicht, dass sie Vermögen anhäufen.»

Das alles erklärt noch nicht, weshalb die Trägerschaft VEB einen Aufnahmestopp verhängt hat. Geschäftsführerin Alice Liechti sagt dazu: «Wenn wir zu genau 90 Prozent ausgelastet sind, sind wir dank den Subventionen ‹putzt und gstrieglet›. Nehmen wir mehr Kinder auf, haben wir nur die Elternbeiträge, von denen wir ja noch einen Teil abgeben müssen. Die Betreuungskosten dieser zusätzlichen Kinder sind damit aber nicht gedeckt, sodass wir für sie draufzahlen.» Besonders beim derzeit voll ausgelasteten Hort «Clubhaus Telli», wo ja nur 70 Prozent der Betreuungstage subventioniert sind, falle das negativ ins Gewicht. Deshalb müsste man aus unternehmerischer Sicht bei 70 Prozent Auslastung einen Schnitt machen – dabei stünden 40 Namen auf der Warteliste.

Politik wird aktiv

In der Budgetdebatte SP-Einwohnerrätin Gabriela Suter den Antrag gestellt, auf die «Stabilo-Massnahme Subventionsbremse» sei zu verzichten. Das hätte Mehrausgaben gegenüber dem Budget von 98 000 Franken verursacht. Der Einwohnerrat lehnte ab. Jetzt bliebe noch die Möglichkeit, mittels einer Motion einen neuen Leistungsvertrag zu erwirken. So könnte die Stadt mehr als 70 respektive 90 Prozent der Plätze subventionieren – allerdings auf Kosten der Stadtkasse.

Stadträtin Franziska Graf betont, die Überarbeitung der Krippen- und Hort-Subventionierung stehe auf ihrer Pendenzenliste. Nicht nur wegen des kantonalen Kinderbetreuungsgesetzes KiBeG, das es umzusetzen gilt. «Sondern vor allem, weil heute nicht alle Aarauer Familien Zugang haben zu subventionierten Betreuungsplätzen.»