Fast wäre der Fotograf an die Bachstrasse in Aarau gefahren statt zum Treffpunkt an der Bachstrasse in Suhr, wo Ivo Graf wohnt. «Das passiert öfter», sagt Graf lachend. Käme es dereinst zur Fusion Aarau-Suhr, wäre hier wohl eine Adressanpassung fällig. Kein Problem für Ivo Graf. Er ist einer Fusion gegenüber «grundsätzlich nicht abgeneigt» – zumindest will er, dass Suhr nicht jetzt schon aus dem Projekt «Zukunftsraum» aussteigt. So geht es auch Martha Brem. Die az hat die beiden zum Gespräch empfangen.

Letzte Woche haben die Gegner des Fusionsprojekts «Zukunftsraum» im az-Interview ihre Bedenken ausführlich dargelegt. Was ging Ihnen beim Lesen durch den Kopf?

Ivo Graf: Ich musste schmunzeln. Es ist das Gleiche wie vor zwei Monaten an der Gemeindeversammlung: Viele Behauptungen, wenig Argumente. Und es stand wieder der Wald im Fokus, das fand ich schon an der Gemeindeversammlung gspässig.

Martha Brem: Ich spüre die Angst davor, etwas zu verlieren. Es wird deutlich, dass die beiden Initianten der IG Pro Suhr eine Fusion von Grund auf nicht gut finden. Dagegen habe ich nichts. Aber man sucht halt irgendwelche Argumente – dabei ist der Grund einfach ein tiefes Unwohlsein, das man fast nicht erklären kann.

Der Kredit für den nächsten Zukunftsraum-Schritt, das Leitbild, kommt am 12. Februar an die Urne. Sie sammelten Unterschriften für das Referendum. Haben Sie dabei viele vehemente Zukunftsraum-Gegner angetroffen?

Brem: Eigentlich nicht. Die meisten fanden, wir tun das Richtige. Man müsse über eine Fusion reden und könne nicht ohne Fakten Nein sagen zu etwas, nur weil man ein ungutes Gefühl hat.

Sie sind in Ihrem Quartier, dem Feldquartier, von Haus zu Haus gegangen. Das Quartier liegt an der Grenze zu Aarau. Ist es möglich, dass dort viele Menschen so aufgeschlossen sind wie Sie, im restlichen Suhr aber nicht? Sind Sie der Quartier-Bubble erlegen?

Brem: Ganz ehrlich: Beim Sammeln am Weihnachtsmarkt vom Gewerbeverein haben wir schon vermehrt Leute angetroffen, die deutlich Nein gesagt haben. Dann insistiere ich auch nicht. Ich war jedenfalls überrascht, wie viele Emotionen das Thema hervorruft.

Fakten zu Gross-Aarau:

Was bewegt die Leute?

Brem: Es geht wohl um zwei Sachen: Wir sind für uns alleine gut genug. Und wir wollen uns vom grossen Aarau nicht regieren lassen; die machen sonst etwas mit uns, das wir nicht wollen.

Graf: Die Angst vor den Aarauern auf ihrem hohen Ross wirkt verbissen. Wir Suhrer müssen uns nicht verstecken und können mit Aarau sehr wohl auf gleicher Augenhöhe diskutieren.

Behaupten Sie das oder wissen Sie das?

Graf: Darum geht ja: Wir stimmen nicht über eine Fusion ab, sondern darüber, ob wir mit allen «Zukunftsraum»-Gemeinden an einen Tisch sitzen und ein gemeinsames Leitbild entwerfen. Dann sehen wir, wo wir Gemeinsamkeiten haben, wo wir voneinander profitieren können. Ich bin ganz sicher, dass wir im Rahmen dieser Gespräche auf einer Augenhöhe reden.

Brem: Ich glaube einfach nicht daran, dass mich jemand als erstes über den Tisch ziehen will, sondern habe Vertrauen in die Leute. Ich möchte hören, was die anderen zu sagen haben und erwarte auch die Gelegenheit, meine eigene Haltung einzubringen. Und dieser Schritt steht jetzt an.

Herr Graf, Sie sind in Suhr aufgewachsen. Geben Sie Ihre Identität auf, wenn Suhr mit Aarau fusioniert?

Graf: Überhaupt nicht. Ich fühle mich mit Suhr verbunden und empfinde Stolz. Aber man darf sich nicht abkapseln, sondern soll offen sein für Neues. Aarau ist nicht fremd für mich. Ich arbeite dort, gehe dort zur Schule, zum Einkaufen, an den Maienzug. So sehen es übrigens auch die meisten Gleichaltrigen in meinem Umfeld.

Brem: Es gibt wohl niemanden, der sich im ganzen Dorf zu Hause fühlt – wichtig ist das Quartier, die Nachbarschaft. Und wieso soll die verloren gehen?

Graf: Ich bin jetzt ein «Feldhase» – ein Bewohner des Feld-Quartiers – und wäre es auch nach einer Fusion.

Was erhoffen Sie sich von der Fusion?

Brem: Ich erhoffe mir für alle miteinander mehr Lebensqualität und bessere Leistungen. Suhr macht vieles sehr gut, aber vielleicht ginge es gemeinsam noch besser. Ich denke da an Dinge wie Schulraumplanung oder Kinderbetreuung. Die Region Aarau ist längst ein einziger Siedlungsraum geworden. Im Alltag orientiert man sich wenig an einer Gemeindegrenze – was wir brauchen suchen wir dort, wo es nahe ist. Zudem hat eine grössere Gemeinde national eine stärkere Ausstrahlung.

Graf: Miteinander können wir konstruktiv und kreativ sein. Gartenhagdenken hat keine Zukunft.

Zusammenarbeit geht aber nicht zwingend mit einer Fusion einher.

Graf: Dann gibts hier einen Gemeindevertrag, und dort einen; bei der Feuerwehr machen die einen nicht mit und beim Schulverband die anderen… Das ist weder effizient noch erfolgversprechend, bloss Ressourcenverschwendung.

Brem: Ich würde auch bei grösseren Entscheiden in Aarau gerne mitreden, wenn sie mich betreffen.

Graf: Die Fusionsgegner versuchen immer zu vermitteln, es gingen demokratische Rechte verloren, dabei gewinnen wir enorm viel. Das Brügglifeld steht zum Beispiel vor meiner Haustüre, nicht vor den Leuten, die im Schachen oder in der Telli wohnen.

Mit dem Mitbestimmen kommt aber das Mitzahlen.

Brem: Ja, gratis gibts nichts – und dies würde für alle Beteiligten gelten. Wir nutzen die Infrastrukturen Aaraus ja auch. Es geht darum, dass wir mitbestimmen können, was passiert.

Würden Sie die Gemeindeversammlung nicht vermissen?

Graf: An der letzten Gmeind waren 400 Leute, 500 hätten Platz gehabt. Das ist sicher nicht das aussagekräftigste Gremium. Da fände ich einen Einwohnerrat viel demokratischer.

Brem: Das kann man nicht so sagen. Es wäre einfach anders. Die Gmeind ist nicht per se schlecht. Allerdings glaube ich, dass es bei einem Einwohnerrat weniger Bauchentscheide gäbe.

Herr Graf, Sie waren im November an Ihrer ersten Gmeind. Wie wars?

Graf: Erstaunlich. Sieben Leute sind aufgestanden und haben alle etwa das gleiche gesagt – dass die Aarauer uns den Wald wegnehmen.

Brem: Solche Emotionen können an so einem Abend extrem wirken. Es wird nicht alles wahrer, wenn es sieben Mal wiederholt wird. Und am Ende war das Abstimmungsergebnis mit 199 Nein gegen 182 Ja so knapp…

Selbst wenn der Kredit an der Urne doch noch bewilligt wird – das Projekt «Zukunftsraum» sieht vor, nach jedem Teilschritt das Volk zu befragen. Es kann also noch weitere Referenden geben. Sind Sie darauf vorbereitet, noch ein paar Mal um die Häuser zu ziehen?

Brem: Ja. Aber diese Mitwirkungsmöglichkeit ist ganz wichtig. Hinter vorgehaltener Hand sagen übrigens viele Leute, sie rechneten damit, dass die Fusion sowieso irgendwann kommt. Da geht mir schon ein bisschen die Geduld aus – warum nicht jetzt? Wenn der «Zukunftsraum» scheitert, langt das Thema jahrelang niemand mehr an.

Graf: Und auf einmal haben wir Suhrer eine Fusion nötig. Dann können wir keine Forderungen mehr stellen. Dann sind wir auf den Goodwill anderer angewiesen.