Hoch auf dem Kutscherbock zieht Martin Meyer an den Zügeln. «Ho», ruft er. Seine Stute Raja stoppt und mit ihr der schwarz lackierte Leichenwagen. Meyer fährt noch ohne Sarg. Doch der Wagen sei bereit, den «Menschen einen ruhigen letzten Gang zu ermöglichen», sagt der 48-jährige Bauer. «Gerade ältere Leute haben Augenwasser, wenn sie die Kutsche sehen.» Bisher erhielt er noch keinen Auftrag. «Aber einige Interessierte haben sich bereits gemeldet.»

Als Kutscher für Hochzeiten ist Martin Meyer schon seit Jahrzehnten gefragt. Er sei einer der Letzten, die das klassische Fuhrwerk noch beherrschten. «Die Jungen sind zu wenig geduldig.» Meyer verdient mit der Kutschenfahrt zwar einen Zustupf, doch er sei Fuhrmann aus Leidenschaft. «Schon als Bub hielt ich die Zügel von landwirtschaftlichen Fuhrwerken in den Händen – lange bevor ich Traktor fahren konnte.» Zusammen mit seiner Frau Irene bestellt Martin Meyer 13 Hektaren Land. «Praktisch kein Bauer lebt nur vom Bauern», sagt er. Gelegentlich hilft er als Metzger im Coop aus.

Bekannt für seine Pferdezucht

Über die Landesgrenze hinaus bekannt ist Martin Meyer für seine Pferdezucht: «Ich bin ein Stück weit ein Pferdeflüsterer.» Nur einmal biss er sich an der Erziehung einer Stute die Zähne aus, wie er sagt. Weil sie nicht gehorchen wollte. «Wichtig ist, sich zu erinnern, dass die Peitsche ein Hilfsmittel ist und nicht zum Bestrafen gedacht», sagt Meyer, der am Ende das Tier bändigen konnte.

Seit 1995 besitzt Meyer das Fahrbrevet für Kutschen. Der Leichenwagen sei im Vergleich zu anderen Kutschen viel schmaler gebaut und der Schwerpunkt der Kutsche liege höher. «Wer die Kurve scharf schneidet oder auf abfälliger Strasse fährt, droht mit dem Leichenwagen zu kippen.»

Bereits vor drei Jahren kaufte der Bauer der Gemeinde Veltheim einen alten Leichenwagen ab. Weil dessen Farbe bröckelte und die Renovation zu aufwändig war, erwarb Meyer einen zweiten Wagen von der Gemeinde Oberentfelden. Er rüstete das Gefährt für den Strassenverkehr auf, liess Gummireifen und Scheibenbremsen montieren. Zwei Laternen mit Kerzen zieren die Seiten und Rückstrahler sind hinten am Wagen angebracht. Nur ein Schild deutet auf die ungewöhnliche Fracht hin: «Wachet! Denn ihr wisset nicht, welche Stunde euer Herr kommen wird.»