Interview

Barmelweid-Chefarzt hat zahlreiche Corona-Fälle betreut – er warnt: «Wir dürfen Covid jetzt nicht verharmlosen»

Auf der Barmelweid tragen alle eine Maske – ausser die Patienten. Thomas Sigrist ist da keine Ausnahme

Auf der Barmelweid tragen alle eine Maske – ausser die Patienten. Thomas Sigrist ist da keine Ausnahme

Bei Barmelweid-Chefarzt Thomas Sigrist waren bisher fast 90 Corona-Patienten nach einem Spitalaufenthalt in der Reha. Viele seien auch psychisch angeschlagen, sagt er im grossen Interview.

Auf dem Gipfel der ersten Coronawelle waren im Kanton Aargau immer etwa zwei Dutzend Covid-19-Patienten auf der Intensivstation. Meistens intubiert, weil ihre Lungen nicht mehr richtig funktionierten. Manche starben, manche gingen aus dem Akutspital nach Hause und erholten sich dort. Insgesamt 87 Covid-Patienten – die meisten aus den Kantonen Aargau, Solothurn und beider Basel – kamen auf die Barmelweid ob Erlinsbach. Die Klinik ist spezialisiert auf Lungenkrankheiten.

Im Schnitt waren die Covid-Patienten 66 Jahre alt (der jüngste 22, der älteste 90) und blieben 22 Tage auf der Barmelweid. Bemerkenswert: Fast drei Viertel dieser Patienten waren Männer. «Wie man aktuell weiss, werden Männer im Alter von 60 bis 69 Jahren am häufigsten wegen einer Covid-19-Infektion hospitalisiert», erklärt Thomas Sigrist, 50, auf der Barmelweid Chefarzt Pneumologie und Mitglied der Geschäftsleitung.

Wann haben Sie gemerkt, dass da etwas Grosses auf uns zukommt?

Thomas Sigrist: Etwa Mitte März wurde mir langsam klar, was diese Pandemie für das Gesundheitswesen bedeutet. Wir haben auf der Barmelweid einen Krisenstab implementiert, Vorbe­reitungen getroffen, waren bereit. Und dann passierte erst mal – nichts. Wir hatten keine Patienten. Das war skurril. Der erste Reha-Patient kam am 20. März. Erst im April zog es dann richtig an.

Insgesamt haben Sie schon gegen 90 Covid-Reha-Patienten betreut. Wie geht es diesen Menschen, wenn sie auf die Barmelweid kommen?

Sie sind nicht nur körperlich, sondern oft auch psychisch angeschlagen. Wenn bei einem ansonsten gesunden oder nur leicht kranken Menschen – der vielleicht etwas Bluthochdruck hat, oder Übergewicht – ein schwerer Covid-Verlauf eintritt, kann das den Patienten psychisch sehr durchschütteln. Wir haben auf der Barmelweid durch die Psychosomatik-Abteilung die Möglichkeit, das zu therapieren. Aber häufig reicht es den Patienten schon, dass sie aus dem Akutspital raus können. Auffallend ist, dass viele unter starker Erschöpfung leiden. Oft waren sie vorher zwei bis vier Wochen im Spital und konnten nur liegen, deshalb sind sie auch muskulär stark eingeschränkt, wenn sie zu uns kommen.

Und sonst?

Wir beobachten auch schwere Gasaustauschstörungen: Die Patientinnen und Patienten können also weniger Sauerstoff aufnehmen, als sie bräuchten. Interessanterweise sehen viele Covid-Reha-Patienten trotz allem nicht chronisch krank aus. Das macht es sowohl für den Patienten als auch für das Umfeld manchmal schwieriger, Verständnis aufzubringen für die schweren Einschränkungen der Leistungsfähigkeit.

Wie muss ich mir die Covid-Reha vorstellen?

Neben der Optimierung der Medikamente und der Pflege ist die Physiotherapie zentral. Manche Patienten müssen in Einzeltherapien wieder lernen, richtig zu atmen. Dazu kommt unter anderem Ausdauertraining auf dem Fahrrad oder dem Laufband sowie therapeutische Spaziergänge und Krafttraining. Ein wichtiger Punkt ist auch der ernährungstherapeutische Aspekt – wenn jemand viel Gewicht verloren und Muskulatur abgebaut hat, müssen die richtigen Nährstoffe und allenfalls hochkalorische Nahrung zugeführt werden. Gewisse nützen den Moment auch für einen Rauchstopp – sie haben ja immerhin drei bis vier Wochen nicht rauchen können – und nehmen eine Nikotinberatung in Anspruch.

Das klingt ähnlich wie bei vielen anderen Krankheiten auch.

Schwere Infektionen sind häufig Erkrankungen des Gesamtorganismus, da zeigt sich ein ähnliches Bild. Ganz auffallend ist bei Covid aber – neben Gasaustauschstörung, radiologischer Veränderungen der Lunge und extremer Müdigkeit – die schiere Zahl: Wir hatten von Mitte März bis Anfang September fast 90 Patienten. Ich kann mich an keine andere Krankheit erinnern – auch nicht die Grippe, deren schwere Verläufe eine Reha erfordern können – von der wir innert eines halben Jahres so viele Fälle bei uns hatten.

Sie bieten den Patienten Kontrollen nach drei Monaten an. Was beobachten Sie da?

Fast alle hatten beim Eintritt in die Barmelweid eine Einschränkung der Lungenfunktion. Bei den Kontrollen zeigt sich nun, dass sie sich davon recht gut zu erholen scheinen, aber wir haben noch zu wenige Daten für eine sichere Aussage. Aber ausnahmslos alle klagen auch nach drei Monaten noch über eine körperliche und geistige Leistungs­minderung, etwa Konzentrationsstö­rungen. Die Reha-Patienten vom April steigen erst jetzt langsam wieder ins Berufsleben ein. Auch das ist ein markanter Unterschied zu einer gewöhnlichen Grippe – da ist man auch bei schweren Verläufen nicht drei, sechs, acht Monate arbeitsunfähig.

Warum tragen die Patienten auf der Barmelweid eigentlich keine Masken?

Weil man jemandem, der Atemnot hat, vielleicht sogar Sauerstoff braucht, keine Maske zumuten kann. Bei uns tragen alle, die von extern kommen, Masken – Besucher, Pflegende, Therapeuten, auch die Geschäftsleitung in Meetings. Deshalb dürfen Patienten im Moment nicht mit ihrem Besuch ins Café – dort zieht man die Maske ja aus.

Es gab Ansteckungen im Haus.

Ganz am Anfang, im März, gab es sechs Fälle unter unseren 680 Mitarbeitenden. Seither hatten wir weder erkrankte Mitarbeitende noch Ansteckungen der Patienten. Das war unsere grösste Angst, denn wir haben viele besonders schützenswerte Patienten hier. Umso restriktiver waren wir mit unseren Schutzmassnahmen und haben zum Beispiel Covid-Patienten erst entisoliert, als der Test sicher negativ war. Die Strategie war erfolgreich. Es gab Patienten, die sich vor der Reha fürchteten, weil sie annahmen, dass es bei uns besonders viele Kranke habe. Ich kann aber sagen: Bei uns ist es sicher.

Und Sie als Arzt hatten nie Angst vor dem Coronavirus?

Natürlich schluckt man leer, wenn man schwere Covid-Verläufe bei Patienten sieht, die im selben Alter sind wie man selber. Aber ich habe eher gesunden Respekt. Mit jeder Woche, in der keine Übertragungen stattgefunden haben, wächst die Sicherheit, dass wir alles machen, um uns zu schützen.

Das Bundesamt für Gesundheit meldet jetzt wieder hohe Ansteckungszahlen. Macht Ihnen das Sorgen?

Sorgen nicht, aber ich möchte sagen: Achtung, wir dürfen es jetzt nicht verharmlosen – weder als Individuum noch als Gesellschaft. Im Moment stecken sich vor allem jüngere Menschen an, die haben selten Komplikationen. Etwa ab 50 Jahre steigt das Risiko für einen schlimmeren Verlauf. Auf den Intensivstationen liegen vor allem Menschen zwischen 60 und 70. Wir wissen nicht, was passiert, wenn das Virus wieder vermehrt in der älteren Generation auftritt; oder wenn sich die Stämme der Coronaviren wandeln, virulenter werden. Und jetzt kommt kalt-feuchte Luft, die die Übertragung begünstigt.

Es scheint aber eine gewisse Nonchalance Einzug zu halten.

Ich sage immer, die Krise sei vorbei, aber die Pandemie nicht. Die Mehrheit der Bevölkerung hatte nie Gelegenheit, einen schweren Covid-Verlauf zu beobachten, sondern kennt nur leichte Fälle. Dann findet man natürlich, es sei nicht so schlimm. Was die breite Öffentlichkeit allerdings nicht sieht, sind die schweren Verläufe. Es ist wirklich eindrücklich, was wir hier auf der Barmelweid zu sehen bekommen: Menschen mittleren Alters, die vorher gesund waren und jetzt kaum mehr die Treppe hinauf kommen; die vielleicht ein halbes Jahr nicht arbeiten können.

Was raten Sie?

Wichtig ist, dass wir die Entscheide, die die Politik fällt, mittragen. Dass wir das Virus ernst nehmen und eine Maske tragen, wenn dies angeordnet wird. Der Schutz muss mit gesundem Menschenverstand und guter Anwendbarkeit umgesetzt werden. Ich wünschte mir einzig eine einheitlichere Linie – die unterschiedlichen Regelungen von Kanton zu Kanton machen es nicht einfacher.

Ist das Ihre einzige Kritik?

Ein gesamtschweizerisches Wissensmanagement hat gefehlt – jede Klinik musste das Rad neu erfinden. Da gäbe es Verbesserungspotenzial.

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