Ein Nachmittag in Aarau
«Bares ist nicht immer Wahres» – I danari non sempre fan la piazza

Silvia Dell’Aquila
Silvia Dell’Aquila
Drucken
Teilen
Das Kasernenareal im Herzen Aaraus soll für die Bevölkerung auch ein Ort der Begegnung werden.

Das Kasernenareal im Herzen Aaraus soll für die Bevölkerung auch ein Ort der Begegnung werden.

Jiri Vurma

«Da es sich beim Kasernenareal um einen wirtschaftlichen Entwicklungsschwerpunkt handelt, könnte der Betrieb einer Jugendherberge auf dem Kasernenareal am ehesten noch als Zwischennutzung geprüft werden.» Diese Aussage des Stadtrates auf eine Anfrage aus dem Einwohnerrat, die sich mit der Möglichkeit nach günstigen Betten, also Campingplätzen oder eben einer Jugendherberge, erkundigt hat, muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Das Kasernenareal sei ein «wirtschaftlicher Entwicklungsschwerpunkt», da hat eine Jugendherberge und mit ihr ihre jungen Gäste, Familien und andere Touristinnen und Touristen, die nicht viel Luxus brauchen, keinen Platz. Obwohl eine solche Jugendherberge seit Jahren ein Bedürfnis ist in Aarau, wie auch die «aarau info»-Leiterin Esther Schmid bestätigt.

Nun, was will uns die Stadtregierung damit sagen? Wohl, dass eine Jugendherberge nicht wirtschaftlich sei. Das ist mal das eine – abgesehen davon, dass die Schweizer Jugendherbergen einen Umsatz im zweistelligen Millionenbereich verzeichnen und gemäss Studien als wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Regionen gelten.

Dass es im Rathaus manchmal schwer ist, von den klassischen Bildern von «Wirtschaft» wegzukommen, wird auch in dieser Frage offenbar. Kein Gedanke an sekundäre Wertschöpfung, keine ganzheitliche Sicht der Wirtschaftsstruktur, sondern Vorurteile und überholte Bilder – weil mans eben nicht besser weiss.

Ähnlich dem Klischee über Gelder, die man in die Kulturförderung steckt. Studien wie die der Bank Julius Bär von 2015, die bestätigen, dass Kultur als Wirtschaftsfaktor eine hohe Wertschöpfung erzielt und Gewerbe wie auch Unternehmen einer Stadt nicht unbeachtlich davon profitieren, werden kaum beachtet. Lieber schaut man es, nur und ausschliesslich, aus der Kostenperspektive an.

Bei der stadträtlichen Aussage übers Kasernenareal stellt sich zweitens auch die Frage, was der Stadtrat genau meint, wenn er von einem wirtschaftlichen Entwicklungsschwerpunkt spricht. Was sind die Bilder, die dem Stadtrat vorschweben? Büroräume für «wirtschaftliche» Unternehmen oder gar ein Gesundheitshigh- techzentrum oder dergleichen? Haupt- sache etwas, das «Geld bringt»? Bringen denn Menschen, die unsere Stadt besuchen, die Kultur konsumieren, einkaufen, essen und trinken, die gerne in einem Park spazieren oder die schönen Giebel anschauen, der Stadt nichts?

Diese Haltung lässt aufhorchen. Was wird der Stadtrat sagen, wenn es um Dinge gehen wird wie genossenschaftliches Wohnen, gesellschaftliche Durchmischung, Verbindung von Gewerbe, Kunstschaffen und Zusammenleben? Wird auch dies als zu wenig wirtschaftlich angesehen und deshalb nur in netten Bevölkerungsforen kurz angesprochen? Und was wollen eigentlich die Aarauerinnen und Aarauer auf dem Kasernenareal?

Eine «Piazza». Das hat sich – kurz zusammengefasst – an den letzten Forumsveranstaltungen herauskristallisiert. Ziemlich platt, war mein erster Gedanke. Und dann überlegte ich, was damit gemeint sein könnte. Verwendet man das Wort «Platz», lässt sich schon einiges interpretieren, nämlich Raum, «Platz für etwas».

Doch die explizite Benutzung des italienischen Wortes «Piazza» deutet darauf hin, dass wohl die italienische Art des Lebens auf der Piazza gewünscht wird, nämlich eine, die ziemlich vieles zulässt und für alle offen ist. Die Piazza ist des Italieners zweite Stube, da macht jeder und jede so ziemlich alles. Referieren, sich treffen, einkaufen, spazieren, die neusten Kleider zeigen, Kundgebungen veranstalten und Feste feiern.

Das Festefeiern ist sehr wichtig und eng mit dem Piazzaleben verbunden. Denn wo sollen sonst das Dorf- oder Stadtfest, Festivals und Konzerte stattfinden? Auf der Piazza natürlich. Da hat man ja auch «Platz». Und so soll es auch im Kasernenareal sein, will man die Ergebnisse der Foren ernst nehmen. Spielraum gäbe es genug, ist das Areal doch so gross wie die Altstadt, was eine Mischung von Lebens- und Wohnformen wie auch wirtschaftliche Entwicklung zulässt und sinnbildlich eine «Piazza» sein soll, auch als neues Quartier und nicht nur an der frischen Luft.

Vor zwei Wochen sind die Alte Reithalle und die dazugehörige Bar im Stall eröffnet worden. Die Belebung dieser kleinen Ecke im Kasernenareal war wohltuend, weil dort seit ein paar Jahren in den Sommermonaten so viele verschiedene Projekte und Menschen Platz finden, seien es Theaterbegeisterte oder auch solche, die gerne mal tanzen oder die schöne Atmosphäre geniessen. Ab und an gehe ich ins Restaurant «Viva» bei der Kaserne essen. Eine völlig andere Stimmung, aber eine herzliche, die eben auch zu diesem Areal gehört.

Verschiedenes zusammenbringen und eine neue Realität in Aarau schaffen, eine, in der vieles Platz haben soll. Ein Entwicklungsschwerpunkt, ja, ein wirtschaftlicher und menschlicher. Und wer noch glaubt, das gehe nicht zusammen, soll eines Besseren belehrt werden. Bis dahin heisst es, hingehen und das Kasernenareal kennen lernen. Und Stück für Stück immer mehr Platz davon erobern.

Aktuelle Nachrichten