«Dezibelle»

Bald hat Plattenladen-Besitzer Dimi sein Aarau wieder

Dimitri «Dimi» Denage vor dem Plattenladen Dezibelle.

Dimitri «Dimi» Denage vor dem Plattenladen Dezibelle.

Dimi Denage vom «Dezibelle» hat in den letzten Wochen getan, was er sonst nie tut.

Es gibt Menschen, die gehören zu einem Ort dazu. Einer dieser Aarauer Menschen ist Dimitri Denage. Dimi, wie ihn alle nennen, Inhaber des Plattenladens «Dezibelle» an der Rathausgasse. Dimi, dem Aarau in den letzten Wochen so gefehlt hat, ganz zu schweigen von seinen Bekannten, denen er sonst im Laden, auf der Strasse oder im Café begegnet. Dimi, der sich freut, dass am Montag wieder ein Stück Normalität zurückkehrt.

Die letzten acht Wochen waren anders. Dimi hat Oberentfelden entdeckt, das Dorf, in dem er seit Jahren wohnt, von dem er aber bislang nicht viel mehr als die Post und die Tramstation kannte. Er hat die letzten Wochen daheim Musik gehört, was er sonst nur selten tut. Und sogar einen Computer hat er nun daheim. Auch den lässt er lieber im Geschäft, genauso wie er das Musikhören auf die Arbeitszeit beschränkt – weil er, bei aller Liebe zur Musik, auch irgendwann einfach seine Ruhe will.

Seit dem 16.März hatte er seine Ruhe, mehr, als ihm lieb ist. In den vergangenen acht Wochen hat er nur gerade zehn Pakete verschickt; Lieferungen an Kunden, die sich direkt bei ihm gemeldet haben. Einen Onlineshop gibt es beim «Dezibelle» nicht.

Ums Überleben geht es bei den Plattenläden schon lange, auch ganz ohne Corona. Als Dimi vor 22 Jahren das «Dezibelle» gemeinsam mit Martina Ganz eröffnete, gab es in Aarau vier Plattenläden. Die beiden setzten auf Musik, die nicht nur der breiten Masse gefällt – und trafen ins Schwarze. Das «Dezibelle» wurde zu dem Plattenladen, vor dem die DJs am Morgen auf den Pöstler warteten und über den Tresen gierten, wenn Dimi die Pakete auspackte. Jeder wollte der Erste sein, der die neusten Hits spielte.

Heute ist alles anders, das «Dezibelle» konnte als einziger Plattenladen überleben. Wegen der Kunden, die Wert darauflegen, eine Platte oder CD im Regal stehen zu haben. Und vor allem wegen Dimi. Er weiss von vielen ganz genau, welchen Stil sie mögen, was ihnen gefallen könnte. Das zieht Kunden aus der ganzen Region, aber auch aus Basel, Bern und Zürich an.

Diese Kunden sind es denn auch, die Dimi in diesen Tagen überrascht haben. Die Facebook-Aktion «Dimis Musikperlen» hat so eingeschlagen, wie er sich das niemals hätte träumen lassen. Die Idee: Für 200 Franken bekommen die Abonnenten zweimal jährlich einen Dimi-Spezial-Musiktipp auf Vinyl oder CD; ein Versuch, damit es dem Laden nicht ans Eingemachte geht. «Ich hatte extrem viele Reaktionen auf die Aktion.» Gerechnet hatte er mit fünf, vielleicht zehn Abonnenten. Jetzt sind es nun schon über 30. «Das freut mich enorm, ich bin meinen Kunden sehr dankbar.» Und nicht nur ihnen, sondern auch Martina und Michael Ganz, die ihm die Miete erlassen haben.

Was die Krise für die Musikindustrie und die Plattenläden bedeuten könnte, sei jetzt noch schwer abzuschätzen, sagt Dimi. Konzerte finden wohl auf längere Zeit nicht statt, Stars wie Killers, Eminem, Norah Jones und viele andere haben ihre für jetzt angesagten Album-Releases verschoben. «Ich hoffe sehr, dass die Leute jetzt wieder mehr Tonträger kaufen; im Bewusstsein darum, dass man die Musiker aktuell so am besten unterstützen kann.» Und wer weiss, sinniert Dimi: «Vielleicht gibt die Krise der Kreativität ungeahnten Schub, und wir hören demnächst grossartige neue Musik.»

Bis es so weit ist, wird es noch dauern. Aber immerhin ist es ab Montag für Dimi vorbei mit der grossen Ruhe. Aarau hat ihn wieder. Und er Aarau.

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