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az-Journalistin nimmt Asylbewerberin auf

Seit letztem November beherbergt az-Redaktorin Dagmar Heuberger vorübergehend eine Asylbewerberin aus dem Kongo. Die junge Ausländerin und die Schweizer Journalistin bilden zusammen eine eingespielte Wohngemeinschaft.

Adrian Hunziker
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Die schwangere Asylsuchende Mirlette kocht zusammen mit Dagmar Heuberger.

Die schwangere Asylsuchende Mirlette kocht zusammen mit Dagmar Heuberger.

Annika Bütschi

Die scheue Mirlette lächelt und sagt höflich «Guten Tag». Beim Gespräch, das wir auf Französisch führen, spielt sie ständig an einem Taschentuch herum. Trotz eines gewissen Unbehagens scheint sie glücklich. Das ist nicht selbstverständlich, wenn man ihre Geschichte kennt.

Die 18-jährige Mirlette kam im Dezember 2010 in die Schweiz. In ihrem Heimatland, dem Kongo, hatte sie Schlimmes durchlebt: Sie war vergewaltigt worden und verlor ihren einzigen Halt – ihre geliebte Grossmutter, bei der sie aufgewachsen war. So kam Mirlette mit psychischen und physischen Verletzungen in die Schweiz. Hier stellte sie ein Asylgesuch, über das bisher noch nicht entschieden wurde. Doch dann wendete sich Mirlettes Situation zum Guten.

Denn sie lernte den az-Journalisten Thomas Roth kennen. «Sie tat mir leid und ich entschied mich, ihr zu helfen», sagt Roth. Er bemerkte schnell, dass sich Mirlette in der Asylunterkunft in Oberkulm, die ausschliesslich von Frauen und Kindern bewohnt wird, zusehends alleine fühlte. «Mir war klar, dass man sie da rausnehmen musste. Doch bei meiner Frau und mir gab es keinen Platz», schildert Roth. Also fragte er Arbeitskollegin Dagmar Heuberger – die beiden kennen sich seit 30 Jahren. «Ich habe zuvor noch nie eine Asylbewerberin aufgenommen. Im Bewusstsein, dass das eine vorübergehende Lösung ist, stimmte ich zu», sagt Heuberger. Mittlerweile lebt die schwangere Kongolesin seit letztem November bei ihr.

Wie Mutter und Tochter

Für die Journalistin ist das Zusammenleben eine Rückkehr in die Vergangenheit: «Ich hatte seit 35 Jahren keine WG-Erfahrung mehr. Das ist jetzt wieder eine.» Doch sie und Mirlette sehen sich nicht häufig, da Heuberger viel arbeitet. «Du arbeitest wie ein Mann», sagt die Kongolesin zur Journalistin und lächelt. Doch wenn sie sich sehen, reden, kochen oder essen sie miteinander. «Wir haben auch mal Diskussionen. Dabei geht es eigentlich immer um meine Situation. Aber wir finden stets eine Lösung», erzählt die werdende Mutter aus dem Kongo. Im Juli soll ihre Tochter zur Welt kommen. Dann ist sie Mutter und ihre «Mama», bei der sie derzeit wohnt, wird Grossmutter. «Ich sehe mich noch als Kind und Dagmar nimmt die Rolle der Mutter ein», so Mirlette. Mit dieser Rollenverteilung ist auch die Journalistin einverstanden.

Heuberger gibt ihrer Mitbewohnerin alle möglichen Freiheiten: «Sie hat einen Hausschlüssel, kann also jederzeit kommen und gehen. Aber sie gibt ja immer Bescheid, wohin sie geht und wann sie wiederkommt.» So muss sich die Mama nie Sorgen machen. Die Freiheit weiss Mirlette zu schätzen. Sie bedanke sich auch oft für die Hilfe, die sie von Roth und Heuberger bekomme, sagt die Journalistin. «Ihr ist bewusst, dass sie Glück hat, das sagt sie auch immer wieder. Und sie erwähnt häufiger, dass sie Thomas und mir auf ewig dankbar sei.»

Der stolze Vater lebt im Jura

Mirlette hat viel Zeit und geht daher oft aus dem Haus. Einmal pro Woche geht sie nach Oberkulm, weil sie dort ihr Unterstützungsgeld – 70 Franken wöchentlich – erhält. Zudem besucht sie fast jedes Wochenende den Vater ihres Kindes: Aimé. Er ist ebenfalls Asylbewerber und lebt im Kanton Jura, in der Nähe von Delémont. Seit kurzer Zeit besitzt er eine begrenzte Aufenthaltsbewilligung. Aimé ist 21 Jahre alt und stammt auch aus dem Kongo. Doch kennen und lieben gelernt haben sich die beiden in der Schweiz. «Im Zug haben wir uns das erste Mal getroffen», erzählt Mirlette.

Ihr Freund ist mächtig stolz auf den kommenden Nachwuchs: «Das ist eine Gnade Gottes», habe er gesagt, bestätigt Heuberger. Sie kennt den werdenden Vater auch. Er freue sich und wolle das Kind unbedingt behalten, führt die zukünftige «Grossmutter» weiter aus. Bisher konnte Mirlette ihren Freund aber nur besuchen und nicht zu ihm ziehen. «Wir haben ein Gesuch gestellt, dass sie den Kanton wechseln dürfe», sagt Heuberger. Und siehe da, einen Tag nach dem Interview bekommt Mirlette frohe Botschaft: Sobald Aimé dem Bundesamt für Migration BFM eine offizielle Vaterschaftsanerkennung vorgelegt hat, steht Mirlettes Umzug eigentlich nichts mehr im Weg. So bekommt die junge Mutter doch noch ein würdiges Happy End.