Aarau
Autofahrer hielten Kameras der Verkehrsmessung für Blitzkästen

Die Verkehrsmessung will unter anderem herausfinden, ob das öV-Angebot bestimmter Gemeinden mangelhaft ist. Ein angenehmer Nebeneffekt der Kameras war die verminderte Geschwindigkeit der Fahrzeuge.

Sabine Kuster
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Mobile Kamera zur Verkehrsmessung: Die Messgenauigkeit soll 95 Prozent betragen.

Mobile Kamera zur Verkehrsmessung: Die Messgenauigkeit soll 95 Prozent betragen.

Emanuel Freudiger

Die rund um und in Aarau installierten Kameras fielen auf: Gut sichtbar an Kandelabern montiert und auf einer Brücke über dem Autobahnzubringer T5 filmten sie gestern die Nummernschilder der Autos. Es war der zweite und letzte der zwei Messtage. Zum ersten Mal waren die Kameras am Dienstag vor einer Woche in Betrieb gewesen.

Ihr eigentlicher Zweck: Die Verkehrsströme in der Region zu erfassen und herauszufinden, ob der grösste Teil der Autos in der Region bleibt («Binnenverkehr») oder ob Aarau stark unter Durchgangsverkehr leidet.

Eine mobile Kamera zur Verkehrsmessung: In der Mitte die Infrarotlichter, seitlich die Objektive für die Nummern- und die Auto-Typen-Erfassung.

Eine mobile Kamera zur Verkehrsmessung: In der Mitte die Infrarotlichter, seitlich die Objektive für die Nummern- und die Auto-Typen-Erfassung.

Emanuel Freudiger

Dies will das kantonale Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) in den kommenden Monaten analysieren, um danach mit den richtigen Massnahmen den Verkehr flüssiger zu machen.

Kurzfristig hatten die 27 Kameras einen zusätzlichen und unerwarteten positiven Effekt: Die Automobilisten gingen vom Gaspedal, denn sie dachten automatisch an Blitzkästen. «Ach, das war schön. So langsam fahren die Autos sonst nie durch», erzählte eine Anwohnerin dem Montage-Team und bedauerte, dass die Kameras schon wieder abgebaut wurden.

Sehr selektiv programmiert

Dem Kanton war es ein Anliegen, glaubhaft zu machen, dass das Filmen der Nummernschilder datenschützerisch unbedenklich ist. Er lud gestern zu einer Demonstration mit einer mobilen Kamera an der Aarauer Bahnhofstrasse.

Obwohl jede Kamera zwei Objektive hat, ist sie im übertragenen Sinn auf einem Auge blind: Das eine Objektiv «interessiert» sich ausschliesslich für Nummernschilder, das andere, nur dafür, ob das Gefährt ein Lastwagen oder ein PW ist. Vom Fahrzeugtyp ist dabei fast nur die Silhouette sichtbar, Chauffeure waren nicht erkennbar.

Das Nummern-Objektiv ist so programmiert, dass es nur reflektierende Flächen erfasst. Doch auch Reflexionsstreifen an einer Regenjacke würden nicht vom Computer gespeichert, da die Fläche dem Muster einer Schweizer Autonummer (mit Kantonskürzel) entsprechen muss.

Die Autokennzeichen werden vor Ort aus den Filmaufnahmen rausgelesen und nur diese Nummern gespeichert. Die Daten werden verschlüsselt und manuell abgeholt. Eine direkte Übermittlung wäre zu unsicher.

Alte Nummern sind ein Problem

Die Messgenauigkeit soll 95% betragen, so hat es der Kanton in seinem 350 000 Franken teuren Projekt vorgeschrieben. Doch wenn die Autonummer zu verdreckt ist, oder so alt, dass sie noch nicht aus reflektierendem Material ist, kann die Kamera das Schild nicht lesen.

Speziell im Aargau seien noch relativ viele alte Autonummern unterwegs, sagte ein Fachmann der Firma Mehl Messtechnik. Dafür schafft es ab und zu mal ein «Dänu» oder «Mark» in den Computer: Vornamen wie sie Chauffeure auf Autoschildern hinter der Windschutzscheibe mitführen.

Marianne Brunner, Projektleiterin: «Wir wollen herausfinden, wie viel Durchgangsverkehr tatsächlich aus dem Kanton Solothurn kommt.»

Marianne Brunner, Projektleiterin: «Wir wollen herausfinden, wie viel Durchgangsverkehr tatsächlich aus dem Kanton Solothurn kommt.»

Emanuel Freudiger

Die Firma Mehl kommt aus Kassel in Deutschland. Ein bis zwei Aufträge führt sie pro Jahr in der Schweiz aus (Basel und 2012 Baden waren darunter) und besetzt mit dieser genauen Erfassung eine Nische. Mit einer gewöhnlichen Verkehrszählung käme der Kanton nicht zu den gewünschten Resultaten: Er will zum Beispiel herausfinden, von welchen Gemeinden um Aarau besonders viele Autos losfahren.

«Das kann bedeuten, dass das öV-Angebot dieser Gemeinde mangelhaft ist», sagt Carlo Degelo, Sektionsleiter Verkehrsplanung. Laut der Projektleiterin Marianne Brunner soll auch herausgefunden werden, wie viel Durchgangsverkehr zur A1 Aarau aus dem Kanton Solothurn tatsächlich hat. Die Daten bilden ausserdem die Grundlage für ein lange ersehntes Projekt in Suhr: die Ostumfahrung. Grossrätin Maja Riniker reichte gestern dazu eine Interpellation ein.