Die Düfte springen einen förmlich an. Lavendel, Räuchersalz, Birnenessig. Man saugt sie ein, die Duftwolken, füllt die Lunge bis ins letzte Bläschen.

Michael Morskoi drückt die leicht verzogene Tür wieder ins Schloss, die Tür zu seinem Reich.

Am Adelbändli 9, mitten in der Aarauer Altstadt, hat er im Februar in einer winzigen Küche sein «Chalira Gwürzatelier» eingerichtet. Ein massiver Eichentisch, Regale voller Boxen, ein Gaskochherd, eine Spüle, eine Gewürzmühle. Mehr braucht er auch nicht.

Auf dem Herd schwimmen ein paar gedörrte Birnenschnitze im Essig. Heute ist Senftag. Morskoi macht nicht hundsgewöhnlichen Senf, sondern Birnensenf mit der Ottenbacher Schellerbirne aus dem Säuliamt.

Dazu braucht es weissen und schwarzen Pfeffer, Birnel, eine Gewürzmischung mit Nelken, Kurkuma, Zimt und Salz, Birnenessig, Tonkabohnen und eben, ein Mus aus Ottenbacher Schellerbirnen.

Tönt kompliziert, ist es aber nicht. Morskoi schreddert die Senfkörner und die Gewürzmischung, mischt die Pulver in den Sud aus Essig, Birnel und Birne.

Innert einer Viertelstunde ist der Senf gemacht, vorsichtig löffelt Morskoi die flüssige Masse in die Gläschen.

Der zeitraubende Teil kommt jetzt erst: Vier Wochen lang muss der Senf in den Gläsern eindicken. Mindestens. «Senf ist wie Wein; je länger man ihn stehen lässt, desto besser wird er.»

Von Beruf ist Morskoi Koch in einem Zürcher Blindenheim, Gewürze sind sein Werkzeug. «Ich bin fasziniert vom Kreieren, von der Suche nach etwas ganz Speziellem», sagt er.

Seit Jahren tüftelt er während der Zimmerstunde an ausgefallenen Rezepten für Gewürzmischungen, am perfekten gewissen Etwas. Ohne Anleitung oder Leitfaden, nur der Nase nach.

«Ich bin frei wie ein Musiker, ich kann komponieren und mischen, was ich will.» Und wenn er etwas will, dann lässt er auch nicht locker.

Seine bisher grösste Spinnerei: ein violetter Curry. Morskoi zieht eine Box aus dem Regal, öffnet den Deckel, holt eine Tüte heraus. und grinst. Violetter Curry. Lange hat er probiert, bis er die entscheidenden Zutaten gefunden hat: die Blüten von Malven, Rosen und Kornblumen.

Mit seinem Hobby auch Geld zu machen, auf die Idee ist er vor knapp drei Jahren gekommen. Damals beschlossen er und zwei Kollegen, ihre Kreationen im grossen Stil zu produzieren und auf dem Markt zu verkaufen.

«Damals war mir nicht bewusst, was das heisst», sagt er und lacht. «Wenn man mit Lebensmitteln arbeitet, muss man unglaublich viele Gesetze beachten.» So sei allein schon die Beschriftung der Gläschen eine Herausforderung.

Nach drei Jahren hatte er genug von der hobbymässigen Produktion. Wohl sollte der Inhalt handgemacht bleiben, nicht aber das Erscheinungsbild. Und so hat er eine Kollektion aus Gläschen und Flaschen entwickelt, für jedes einzelne Gewürz eine eigene Etikette gestaltet.

Gewürze mit klingenden Namen wie «Fagara» für eine Pfeffermischung, «Baba Jaga» für ein Fleischgewürz und «Kirpan» für Curry.

Zufällig gewählt sind die Namen nicht: Fagara ist ein Chinesischer Dialektbegriff für Szechuan-Pfeffer. «Baba Jaga» ist der Name einer Hexe aus der slawischen Mythologie und «Kirpan» ist ein Dolch – scharf wie der Curry auch.

Eine weitere Besonderheit: Sämtliche Zutaten sind aus biologischem Anbau, die meisten aus der Region.

Den Senf hat Morskoi beispielsweise gemeinsam mit dem Lupfiger Biobauern Peter Müller auf dessen Feldern angebaut und geerntet, die Birnen kommen aus Affoltern am Albis. «Was gut schmeckt, soll auch dem Körper gut tun», sagt er.

Ganz auf die Gewürzproduktion setzen und seinen Job an den Nagel hängen will Morskoi noch nicht. Ein eigener Verkaufsladen ist vorläufig nicht geplant, dafür fehlt das Geld. Verkauft werden seine Produkte bisher nur in der Stadtgärtnerei und im Claro-Laden in Aarau und bei Bio Peter in Lenzburg. Demnächst soll aber ein Web-Shop aufgeschaltet werden.