Erlinsbach

Ausgebadet: Die Sandbank beim Schönenwerder Wehr verschwindet

Die Hochwasserschutzmassnahmen des Kantons Solothurn verändern die Landschaft am Naturlauf der Aare unterhalb des Schönenwerder Wehrs – auf Kosten einer beliebten natürlichen Badi. Die «Sandbänke» waren bisher ein beliebtes Bade-Ziel im Raum Aarau.

«Kann man da vorne nicht mehr der Aare entlang spazieren?», fragt die Dame mit dem Hund. Da, wo der nördliche Uferweg unterhalb des Schönenwerder Wehrs in den Wald mündet, verwehrt ihr eine rot-weisse Schranke den Durchgang. Ein allgemeines Fahrverbot und ein Gehverbot für Mensch und Pferd sind darauf signalisiert.

Holzschlag», steht auf dem Schild. Näher beim Wehr, da, wo die Sandbänke liegen, die im Sommer Badefreudige aus dem Niederamt und dem Raum Aarau anlocken, wird das Ausmass der Rodungsarbeiten augenfällig. Zwei Wanderer bleiben stehen und lassen den Blick lange auf der Schneise liegen, wo die Raupen des Vollernters tiefe Spuren im Waldboden hinterlassen haben. Einzelne, auf etwa drei Metern Höhe abgesägte Baumstämme ragen noch aus dem Reich der Verwüstung heraus.

Am Ufer direkt bei den Sandbänken ist schon alles abgeholzt, bis auf einen pittoresken Doppelstamm, der von der Aare tüchtig unterspült ist. Bleibt der beim nächsten Hochwasser wirklich stehen? «Was geht hier vor?», fragt das Wandererpaar. Und viele andere werden sicher wissen wollen, was aus dem Naherholungsgebiet wird, das ihnen so manchen genussreichen Sommertag beschert hat.

Wer vermutet, die Rodung stehe im Zusammenhang mit der Erneuerung des Wehrs und des EW Aarau, liegt falsch. Die IBAarau hat nichts mit dem Ganzen zu tun. Im Gang sind hier die Arbeiten am Los 5 der Hochwasserschutzmassnahmen, die der Kanton Solothurn zwischen Olten und Aarau ergreift. Am 9. Juni 2013 hiess das Solothurnervolk den erforderlichen Bruttoinvestitionskredit von 27,5 Mio. Franken mit einem Ja-Stimmen-Anteil von fast 84 Prozent gut. Abzüglich der Beiträge von Bund (10,45 Mio.) und Gemeinden (2,75 Mio.) ergeben sich für den Kanton Nettoinvestitionen von 14,3 Mio. Franken. Weiter oben an der Aare sind im Rahmen des Projekts schon verschiedene, teilweise vorgezogene Schutzmassnahmen realisiert worden.

Seitengerinne erzeugt Insel

Gabriel Zenklusen, Abteilungsleiter Wasserkraftprojekte im Solothurner Baudepartement, bestätigt: «So richtig begonnen haben die Rodungsarbeiten unterhalb des Wehrs Anfang dieser Woche.» In der Vorwoche sei schon allerhand Gestrüpp entfernt worden, damit der Vollernter Zugang zum Gelände habe. Die Rodung ist nötig, weil bei den Sandbänken ein rund 700 Meter langes Seitengerinne abgezweigt wird, das weiter flussabwärts, nach der 90-Grad-Biegung des Hauptlaufs wieder in die Alte Aare mündet. Das Terrain zwischen Seitengerinne und Hauptlauf wird so zur Insel. Das dereinst dauernd Wasser führende Seitengerinne dient dazu, die Abflusskapazität des Flusses zu erhöhen. Nach Zenklusens Angaben wird unterhalb des Wehrs im Grunde nur ein alter, ausgetrockneter Seitenarm reaktiviert.

Um auf das Niveau der Aare hinunterzukommen wird massiv Erde aus dem Grund des Auenwaldes herausgebaggert. Die auf drei Metern Höhe abgesägten Bäume nennt Zenklusen «Marterpfähle». Sie werden später samt den Wurzeln herausgerissen und umgekehrt ins Bett des Seitengerinnes gerammt. Damit entstehen «Kleinstrukturen» für Fische.

Das Los 5 umfasst flussabwärts diverse weitere Massnahmen. So wird beispielsweise in der Wöschnau das erosionsgefährdete Ufer gesichert und auf Höhe der Rennbahn soll ein kleiner Damm entstehen. Die Arbeiten, die im Wasser ausgeführt werden müssen, sollen nun möglichst im Winter erfolgen, wenn die Aare wenig Wasser führt. Mitte des nächsten Jahres, sagt der Projektverantwortliche, sollten alle Schutzbauten zwischen Schönenwerd und Aarau fertiggestellt sein.

Auf Kosten der natürlichen Badi

Im nächsten Sommer wird aber nichts mehr sein, wie es war. Ein beträchtlicher Teil der natürlichen Badi verschwindet von der Landkarte. «Die Sandbank im Einlaufbereich des Seitengerinnes wird verschwinden», sagt Zenklusen. Es sei schon so: Die Landschaft erhalte ein anderes Gesicht – «das Gesicht einer Flusslandschaft.» Ein vergleichbares Seitengerinne wurde schon in Winznau angelegt. Anfänglich habe es dort auch negative Reaktionen gegeben, räumt Zenklusen ein. Mittlerweile stosse die veränderte Landschaft aber auf gute Akzeptanz.

Meistgesehen

Artboard 1