Aarau
Aus allen Winkeln der Stadt ertönen Geschichten

Es ist ein Stadtrundgang der ganz besonderen Art, der in diesen Tagen in Aarau angeboten wird. Ein Stadtrundgang, der sich nicht allein auf verbrieftes Wissen stützt, sondern in erster Linie auf Erdichtungen, auf Erzählungen und auf Erinnerungen.

Markus Christen
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Carolin Jakoby erzählt im Spittelgarten von einem Wäschetransport im Jahre 1962. mch

Carolin Jakoby erzählt im Spittelgarten von einem Wäschetransport im Jahre 1962. mch

Rund 40 Premieren-Besucher begrüsste die Historikerin Nora Kunz (gespielt von Antonia Lüscher) am Donnerstagabend vor den Türen des Rathauses und begleiteten diese auf einer abendlichen Wanderung durch die Aarauer Halde.

Der Rundgang führt zu Beginn von der Stadtkirche über eine schmale Treppe zu einem Spielplatz. Hier hängen weisse Laken in den knorrigen Ästen der umliegenden Bäume. Weisse Erinnerungsfetzen an einen einprägsamen Waschtag und Bestandteile einer Geschichte, eindrücklich erzählt von Carolin Jakoby.

Liebesdrama im News-Jargon

Zum ersten Mal inszeniert Szenart, die Gruppe für aktuelles Theaterschaffen, die alljährlichen Geschichten aus der Altstadt im Monat November. Die kalte Nachtluft wirkt dabei als eigentliches Kontrastmittel auf die äusserst intimen Texte, die ihre Wärme mit jedem Wort auszubreiten verstehen.

Auch in zwei Kellerräumen der Häuser an der Halde macht der Stadtrundgang halt. Bei einer dieser Gelegenheiten wartet der Schauspieler Florian Steiner, der in Birrhard aufgewachsen ist, auf die Besucher und präsentiert den Text «Steinerne Mauern» von Kathrin Jordi aus Küttigen. Darin werden die Themen Vergänglichkeit und Veränderung verhandelt. Es ist ein fesselnder Text, dem Steiner mit seinem zurückhaltenden Spiel und mit ausdrucksstarker Sprache ungeheures Leben einzuhauchen weiss.

Altstadt ist eine bewährte Bühne

Für grosse Begeisterung am Premierenabend sorgte die Inszenierung des Textes «Ein Hirt, eine Pfarrerstochter und die grosse Liebe» von Michelle Rohner, Kantonsschülerin in Aarau. Ein Liebesdrama, vorgetragen im Nachrichtensprecher-Jargon. Aber die Wirkung, welche die Inszenierung entfaltete, kann man in einer journalistischen Kritik nicht beschreiben. Das muss man gesehen, respektive gehört haben.

Die Geschichten aus der Altstadt wurden ins Leben gerufen, als die Aarauer Innenstadt autofrei wurde. «So wurde es möglich, die Altstadt als Bühne zu inszenieren», erklärt Anna Byland, die für die Produktion verantwortlich zeichnet. Mit den Inszenierungen, die in diesem Jahr von Tagebucheinträgen, gesprochen aus Häuserfenstern, bis zu schaurig-gruseligen und trunkenen Anekdoten über das sogenannte Haldentier reichten, wird es möglich, die Altstadt als Summe von originalen und originellen Texten wahrzunehmen.

Die Halde neu entdeckt

Ruth Huber, die in Aarau aufgewachsen ist und in Bern Literatur- und Theaterwissenschaften studiert hat, führt in diesem Jahr zum ersten Mal bei Geschichten aus der Altstadt Regie. «Bei einem ersten Erkundungsspaziergang erschien mir die Halde äusserst bieder, beinahe wie tot», sagt sie. Dies habe sich jedoch schnell geändert. Auch ein Gespräch mit der ehemaligen Stadtarchäologin Hélène Klemm habe einen neuen Blick auf die Geschichte von Aarau ermöglicht. «Bei den Vorbereitungs- und Probearbeiten wurden immer neue Facetten an den Texten sichtbar. Und die Orte, an denen die Texte vorgetragen werden, verschaffen diesen neue Tiefe.»

Die Premieren-Besucher von Geschichten aus der Altstadt waren ob der Inszenierung begeistert und bedankten sich mit langem und anhaltendem Applaus.

Nächste Vorstellungen: Sonntag, 27. November, 17 Uhr. Donnerstag, 1. November, und Freitag, 2. November, 19 Uhr. Sonntag, 4. November, 17 Uhr. Treffpunkt vor dem Rathaus Aarau.

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