Sepp (Name geändert) ist nicht unbedingt gross, aber kräftig gewachsen – ein bisschen kleiner Hodler-Eidgenosse. Dieser Umstand und gut 2 Volumenpromille Alkohol im Blut könnten den ruhigen 27-jährigen Innerschweizer ermuntert haben, zum Rechten zu sehen, als er am letzten Maienzug-Vorabend, 2 Uhr früh, beim «Steingrill» auf zwei streitende Gruppen alkoholisierter junger Männer stiess. Da wo einst, als der Verkehr dies noch zuliess, der 1905 ans hintere Ende der Kirchgasse gezügelte Justitia-Brunnen stand, gedachte Sepp zu schlichten.

Damit kam der 27-jährige Student bei der einen Streithähne-Gruppe nicht gut an. Drei, vier der Männer aus Sri Lanka gingen mit den Fäusten auf ihn los, er ging zu Boden und schliesslich traktierte ihn einer auch noch mit einer Aluminiumstange – dem Unterteil eines Sonnenschirms, den die Aussenbestuhlung einer Beiz zufällig hergab. Sepp erlitt eine Rissquetschwunde oben am Kopf, einen Nasenbeinbruch sowie Prellungen am linken Kiefer, am linken Unterarm und am rechten Schulterblatt. Passanten halfen ihm auf die Beine – und zum Sanitätsposten gleich vorne beim Rathaus.

Strafbefehl nach zwei Wochen

Die Polizei nahm in den frühen Morgenstunden einen Mann fest, der zugab, mit dem Sonnenschirmfragment dreingeschlagen zu haben. Sepp stellte einen Strafantrag. Und nur 13 Tage nach dem Vorfall stellte die Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl aus. «Qualifizierte einfache Körperverletzung», lautete der Vorhalt.

Der Beschuldigte habe «vorsätzlich einen Menschen in nicht schwerer Weise an Körper und Gesundheit geschädigt und dazu einen gefährlichen Gegenstand gebraucht». Dafür verurteilte die Staatsanwaltschaft den 22-jährigen sri-lankischen Staatsbürger, der in der Schweiz geboren und in der Region wohnhaft ist, zu einer sechsmonatigen bedingten Freiheitsstrafe bei einer Probezeit von drei Jahren. Dazu kamen eine Busse von 800 Franken sowie Gebühren und Polizeikosten in der Höhe von 2863 Franken.

Was bringt der Weiterzug?

Sunny – geben wir dem Optimisten doch einfach diesen Namen – focht den Strafbefehl an. Gerade mal drei Monate nach dem Maienzug kam es zur Hauptverhandlung. Gerichtspräsident Reto Leiser liess durchblicken, er verstehe nicht, weshalb der Beschuldigte den Strafbefehl anfechte, und er gab sich alle Mühe, dem ohne Anwalt erschienenen Sunny zu erklären, dass alles nur noch teurer werde, wenn er den Einspruch nicht zurückziehe. Wenn er schon zugebe, mit der Stange zugeschlagen zu haben, sei die Chance gross, dass er verurteilt werde.

Sunny liess sich nicht umstimmen. Ihm war es ein Anliegen, sein Verhalten als Notwehr darstellen zu können. Er sei zum Ort der Streiterei gegangen, um nachzuschauen, was dort los war. Da sei Sepp auf ihn zugelaufen, was ihm «bedrohlich» vorgekommen sei. Ja, und dann habe er, in Notwehr eben, irgendjemandem den Sonnenschirmtorso entrissen. «Es war ein Chaos, ich hatte keine Zeit, zu überlegen.» Zudem sei er betrunken gewesen. Beim Wort «Notwehr» musste Sepp, der als Auskunftsperson sowie als Straf- und Zivilkläger an der Verhandlung anwesend war, laut herauslachen. Er habe ja nur versucht, Schläge abzuwehren, sagte er in der Befragung.

Im Wesentlichen geständig

Derweil verhedderte sich Sunny in Widersprüche. Bei der Polizei, hielt ihm der Richter entgegen, habe er noch gesagt, er habe die Stange aus der Halterung herausgerissen. – Die jüngere Version, sagte Sunny, entspreche der Wahrheit. Er bestätigte vor dem Richter, dem Opfer die Stange von oben nach unten über den Kopf gezogen zu haben. Hingegen bestritt er, weiter auf den am Boden Liegenden eingedroschen zu haben.

Reto Leiser konnte nicht anders. Wie voraussehbar, sprach er Sunny schuldig. Bei keiner der vorgebrachten Versionen, so der Richter, könne von einer Notwehrsituation die Rede sein. Auch sei kein Grund für eine solche erkennbar. Leiser klärte den Beschuldigten auf: Notwehr gebe es nicht, wenn er so in eine Situation hineinlaufe, die bereits eskaliert sei.

In einem Punkt des Urteils kam der Gerichtspräsident Sunny entgegen: Aus den sechs Monaten bedingt des Strafbefehls machte er eine bedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 30 Franken. Die 5400 Franken muss Sunny nur bezahlen, wenn er in den nächsten drei Jahren wieder etwas anstellt. Nicht erspart bleiben ihm die Busse von 800 Franken sowie die sich summierenden Verfahrenskosten. Wie schon der Staatsanwalt verzichtete der Gerichtspräsident auf den Widerruf einer bedingten Geldstrafe, welche die Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland ausgesprochen hatte. Dort war es um einen ganz andern Sachverhalt gegangen: um falsche Anschuldigung und versuchte Begünstigung bei einem Verkehrsdelikt.

Etwas Gutes hatte der Weiterzug vors Bezirksgericht: Sunny konnte sich in der Pause vor der Urteilseröffnung endlich bei Sepp entschuldigen. «Nun ja», sagte zu diesem Sunnys Begleiterin, «dann also: Nie wieder Maienzug-Vorabend!» Sepp schüttelte lachend den Kopf und meinte seelenruhig: «Doch, doch – aber nie wieder schlichten!»