Aarau
Auf der Suche nach der alten Aarauer Bahnhofsuhr

Nach dem Abbruch des alten Aufnahmegebäudes wurde die alte Bahnhofsuhr gestohlen und nach drei Tagen wieder zurückgebracht. Doch wo ist sie heute? Die az hat sich auf die Suche nach dem antiken Stück gemacht.

Nina Amann
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Denkmalpfleger Erich Schmied mit der Aarauer Bahnhofsuhr im Erstfelder Depot.Pascal Meier

Denkmalpfleger Erich Schmied mit der Aarauer Bahnhofsuhr im Erstfelder Depot.Pascal Meier

Pascal Meier

Seit der Errichtung des Aarauer Bushofes versteckt sich die Bahnhofsuhr mit dem grössten Zifferblatt Europas hinter der «Wolke» – zum Ärger vieler Pendler.

Gänzlich verschwunden ist eine andere für Aarau bedeutungsvolle Uhr: die ehemalige Bahnhofsuhr, welche einst von löwenköpfigen, geflügelten Chimären mit Drachenschwänzen beschützt wurde und das Giebelfeld des alten Aufnahmegebäudes schmückte. Höchste Zeit, die Uhr zu finden: Die az hat sich auf die Suche gemacht.

Auf die Frage, wo sich die Uhr befinde, antwortet SBB Mediensprecher Reto Schärli verdutzt: «Meinen Sie die Uhr, die 2008 gestohlen wurde?» Das mysteriöse Verschwinden der Uhr während des Abbruchs des alten Bahnhofes ist Schärli bekannt, doch die Suche nach der Uhr mit den römischen Ziffern gestaltet sich schwierig.

Die Uhr scheint wie vom Erdboden verschluckt. Erst nach langen Recherchen weiss Schärli mehr: «Wir vermuten, dass die Uhr in einem Depot in Erstfeld ist.»

In Erstfeld – dem Eisenbahnerdorf schlechthin – steht an den Gleisen das alte Depot- und Dienstgebäude der SBB.

Sommerreportagen

Auch diesen Sommer schickt die az wieder ihre Sommerreporter los.
Sie schreiben je eine Woche lang über diese Themen:
1. Woche: Mystische Orte
2. Woche: Abenteuerlicher Aargau
3. Woche: Am Bahnhof
4. Woche: Kantonales Pfadilager
5. Woche: Ferienjobs

Die Türen im Gebäude sind beschriftet mit «Schlaflokal Lokführer» oder «Pritschenzimmer» und versetzen einen zurück in alte Zeiten, als der Depotchef und sein Stellvertreter noch die Dienstzimmer bewohnten und sich die Bahnangestellten in den Garderoben aus ihren schmutzigen Overalls schälten. Man kann die vergangenen Zeiten förmlich riechen.

Heute werden die Zimmer nicht mehr bewohnt, sondern als Büroräume für die Fachstelle für Denkmalpflege der SBB genutzt.

Im Hinblick auf die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels sind die Denkmalpfleger Karl Holenstein und Erich Schmied im Moment damit beschäftigt, die alte Gotthardbahnstrecke zu dokumentieren. Aber noch viel wichtiger: Die Denkmalpfleger wissen, wo sich die verschollene Aarauer Bahnhofsuhr verbirgt.

Unter den Holzbalken im zweiten und obersten Stock des gelben Hauses konzentriert sich die Geschichte der SBB. Hier lagern Gegenstände, die niemand mehr haben will oder gebrauchen kann, die ausgedient haben: alte Malereien, Bürotische aus dunklem Massivholz und Bahnhofschilder, von denen die blaue Farbe blättert.

Und da, in der dunkelsten Ecke, hinter einem Balken versteckt, hängt sie, verstaubt, die Zeiger auf Punkt zwölf Uhr gerichtet: die alte Aarauer Bahnhofsuhr.

Was macht eine Uhr in Erstfeld, welche in Aarau Zeitgeschichte geschrieben hat? «Die Stadt Aarau fand nach dem Abbruch des Bahnhofes keine Verwendung für die Uhr und der Architekt wollte sie nicht in das neue Bahnhofsgebäude integrieren», sagt Erich Schmied.

Ursprünglich habe man das ganze Giebelfeld mit den Chimären erhalten wollen. Das sei aber an den Kosten gescheitert.

Bevor 2008 die Abrissbirne das Aufnahmegebäude dem Erdboden gleichmachte, wurde die Uhr mit einem Durchmesser von 103 Zentimetern abmontiert. «Wir hatten die Uhr schon für unsere Sammlung reserviert und auf der Baustelle deponiert», erzählt Karl Holenstein.

«Da war sie plötzlich weg.» Die SBB machten eine Anzeige gegen unbekannt. Doch erst nachdem die Medien auf den Vorfall aufmerksam gemacht hatten, tauchte die Uhr wieder auf. «Sie stand nach drei Tagen wieder da, als wäre nichts gewesen», sagt Holenstein.

«Sie ist zwar nicht besonders wertvoll, aber wir wollten sie als Erinnerungsstück erhalten», sagt Denkmalpfleger Karl Holenstein. Es sei eine der wenigen Uhren gewesen, bei welcher nach der Erfindung der heute bekannten «Schweizer Bahnhofsuhr» durch Hans Hilfiker die römischen Ziffern nicht ersetzt wurden.

«Wir wollten verhindern, dass die Uhr für immer verschwindet», sagt Holenstein.

Nebst der Uhr haben die Denkmalpfleger auch noch einige andere Reminiszenzen des alten Aarauer Bahnhofs mitgenommen, unter anderem einen Tisch und zwei Stühle aus dem ehemaligen Bahnhofsbuffet. Diese stehen unter der Uhr – und haben ebenfalls schon etwas Staub angesetzt.

Laut Erich Schmied soll die Uhr vorläufig hier bleiben. «Es sei denn, die Stadt Aarau möchte sie zurück haben.» Der Stadt eilt es damit nicht: Vielleicht ergebe sich irgendwann die Möglichkeit, die Uhr an einem prominenten Ort zu installieren, sagt Stadtbaumeister Felix Fuchs.

Vorläufig bleibe sie aber in Erstfeld. Fuchs versichert aber: «Die Bahnhofsuhr ist nicht vergessen»