Aarau
Auf dem Gepäckträger klemmt ein Sack mit Dreck – für dreckige Zeiten

Am Montag sind sie lospedalt: Die beiden Aarauer Guido Huwiler und Rita Rüttimann Huwiler wollen mit dem Velo bis ans Nordkap und zurück. Bloss eine Warm-Fahr-Velotour – oder doch nicht?

Katja Schlegel
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Guido Huwiler und Rita Rüttimann Huwiler pedalen ans Ende der Welt und wieder zurück.

Guido Huwiler und Rita Rüttimann Huwiler pedalen ans Ende der Welt und wieder zurück.

Alex Spichale

Sie sind noch keine 16 Kilometer weit gefahren, doch Rita Rüttimann Huwiler ist schon von Kopf bis Fuss mit Dreck vollgespritzt. So muss das sein, wenn man die Erde erfahren will, das Leben spüren. Mit Dreck an Beinen und Bauch und Mücken zwischen den Zähnen.

Gestern sind sie aufgebrochen, die beiden verrückten Aarauer. Vor ihnen gut 10 000 Kilometer, mit ihnen ein paar Kilogramm Gepäck, hinter ihnen das alte Leben. Das geräumige Haus in Aarau haben sie gegen eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Olten getauscht, die Jobs haben sie gekündigt. Ein Unfall und zuviel Stress waren ausschlaggebend, das Projekt anzupacken. «Wir dachten uns: Entweder wir machen das jetzt, oder wir machen das nie», sagt Rita Rüttimann. Also machen sie es jetzt.

Je verrückter, desto besser

Verrückte Sachen sind ihr Ding: Guido Huwiler (54) ist angefressener Extremläufer. Was für die einen eine unmenschliche Schinderei ist, ist für ihn das Grösste. Er läuft auch mal gerne innert sieben Tage hunderte Kilometer bei Minustemperaturen durch Moorgebiete. Auf dem Velo hat er bereits Indien entdeckt und ist auf den Spuren der Kelten bis in den Norden Schottlands und nach Irland gefahren. Auch Rita Rüttimann (56) ist sich die Schinderei gewohnt, läuft Marathons und hat mit dem Rad an verschiedenen Rennen in den Schweizer Alpen teilgenommen.

Diesmal aber geht es nicht um Bestzeiten. «Wir lassen es ruhig angehen, wir wollen die Langsamkeit entdecken», sagt Guido Huwiler. Fünfeinhalb Monate Zeit geben sie sich für die Tour nach Norwegen und zurück via Baltische Staaten und Balkan, Ehrgeizige würden es wohl in drei Monaten schaffen. Damit er abends auch schön müde ist und die Wädli brennen, hat er sich 45 Kilogramm Gepäck aufs Velo geschnürt. Rita Rüttimann freuts, so muss sie weniger strampeln und da spielt es auch keine Rolle, dass sie sich ein extradickes und bequemes Mätteli ausbedungen hat – für die vielen Nächte im Zelt. «Wir wollen mit minimalen Mitteln reisen», sagt Rüttimann. «Und da gehört das Zelten mit dazu.» Die beiden probieren, mit nur 15 Euro pro Person und Tag über die Runden zu kommen. «Das reizt mich», sagt Rüttimann. «Herauszufinden, worauf man verzichten kann, ohne dass es unangenehm wird.»

Peking, ein Klacks

Nur auf drei Sachen will sie nicht verzichten: einen Schreibblock samt Kugelschreiber, ihr E-Book, um auch nachts im Zelt was zu Lesen zu haben, und Zahnseide. «Ohne geht einfach nicht», sagt Rita Rüttimann und lacht. Und Guido Huwiler klaubt einen Beutel voller Dreck aus der Velotasche. Ein Geschenk seiner Arbeitskollegen. «Hier drin ist Geld eingeschweisst – für den Fall, dass es uns einmal richtig dreckig gehen sollte.»

Die Tour ans Nordkap ist übrigens nur eine Trainingsfahrt, ein Warmfahren. Klappt alles, brechen die beiden im Februar 2017 auf, um entlang der Seidenstrasse nach China und Südkorea zu fahren. «Das tönt viel gewaltiger», sagt Huwiler. «Aber wenn die Fahrt ans Kap klappt, mit all den Steigungen, der Kälte und dem Wind, dann wird Peking ein Klacks.»

Auf dem Blog www.ausgebuext.com erzählen die beiden Abenteurer von ihren Erlebnissen unterwegs.