Köln, am 2. September 1939, ein Tag nach Kriegsbeginn. Die Strassen sind menschenleer. Auf einem Gleis beim Bahnhof steht eine Lokomotive mit zwei Wagen. Es ist zehn Uhr morgens.

Der Zug soll Schweizer Armeeangehörige in die Heimat bringen. Denn der Krieg kommt näher. Er bedroht Frauen und Kinder. Auch sie dürfen zurück in die Schweiz, wenn sie Schweizer sind. Etliche Telegramme hat das Schweizer Konsulat an die Schweizer in Köln und Umgebung verschickt, um sie über den Ablauf dieses Unternehmens zu informieren.

«Der Kondukteur sagte, dass wir sicher bis Karlsruhe fahren können. Wie es weitergehe, sei noch offen», erinnert sich Otto Gschwend an jenen Morgen. Am frühen Abend war er in Basel. Im Osten waren schon weit über tausend Polen gestorben.

Erst seit Oktober 1938 hatte Otto Gschwend in Köln gelebt. Er arbeitete dort für die Kölner Filiale des Verlags Benziger aus Einsiedeln im Kanton Schwyz. In Einsiedeln ist Gschwend aufgewachsen. Dort hat er bei Benziger die Lehre gemacht und wurde weiterbeschäftigt. Bis ihn 1933 die Wirtschaftskrise den Job kostete.

An seine Entlassung erinnert sich Gschwend noch genau: «Es war schönes Wetter und ich hatte Geburtstag.»

Gschwend griff zur Schreibmaschine, nahm ein Buchhändler-Adressverzeichnis und verschickte Bewerbungen. Das Verzeichnis war nach Anfangsbuchstaben der Standorte geordnet. «Als ich gerade einen Brief nach Burgdorf verfasste, erhielt ich eine Einladung vom Aarauer Buchhändler Viktor Wirz. Schon am 30. April 1933 hatte ich dann mein Vorstellungsgespräch.» Ein erfolgreiches. Gschwend arbeitete fortan in Aarau, bis Benziger ihm den Posten in Köln anbot.

Dann brachte der Krieg ihn zurück nach Aarau. «Als ich in Basel ankam, war es zu spät, um noch bis nach Einsiedeln fahren zu können. Deshalb ging ich nur bis nach Aarau. Die Pension, wo ich früher wohnte, hatte noch ein Zimmer frei», erzählt Gschwend.

Angehöriger der 9. Division

Am nächsten Tag ging er weiter nach Schwyz, holte seine Ausrüstung. Dann weiter nach Baar, zum Mannschaftsdepot der neunten Division der Schweizer Armee. Gschwends Kompanie wurde nach Gurtnellen geschickt, erhielt später als eines der ersten Regimente Urlaub. «In meiner Kompanie waren viele Bauern. Die Arbeit zu Hause wartete auf sie. Und auch Benziger in Einsiedeln war froh, dass ich einige Tage arbeiten kam.»

Aktivdienst in Dietikon geleistet

Im Dezember 1939 musste er wieder einrücken, wurde der Gruppe Dietikon zugeteilt. Mit seinen Gruppenkameraden marschierte Gschwend von Schwyz nach Dietikon. «Dort lernte ich Oberst Raduner kennen, ein Textilfabrikant vom Bodensee. Er war wie ein Vater zu mir und mein ganzes Leben lang eine Vorbildfigur. Er war ein richtig freundlicher Mensch.» Später war Gschwend im Freiamt stationiert und machte in Bellinzona die Unteroffiziersschule.

1940 kam er im Urlaub wieder nach Aarau zurück. Wenn er nicht im Dienst war, wohnte er auch hier. Denn Viktor Wirz hatte eine weitere Buchhandlung gekauft. «Die Buchhandlung am Graben gehörte damals einem deutschen Nazi. Die Aarauer gingen dann nicht mehr zu ihm ins Geschäft und er ging in Konkurs.» 1943 starb Viktor Wirz. Seine Frau übernahm das Geschäft. Gschwend half an den Wochenenden. Jahre später, als ein grosser Umbau bevorstand, übernahm Otto Gschwend zusammen mit dem späteren Schriftsteller Eugen Faes und einem befreundeten Anwalt das Geschäft und gründete die Buchhandlung Wirz AG. Bis er 75 Jahre alt war, arbeitete er dort. «Als ich aufhörte zu arbeiten, kamen die ersten Computer», sagt er.

Schon 75 Jahre im Alpen-Club

Otto Gschwend ist nun hundert Jahre alt, lebt im Seniorenzentrum an der Walthersburgstrasse. Jeden Tag geht er mit dem Rollator eine halbe Stunde spazieren. «Bis ich 97 Jahre alt war, konnte ich noch ohne Unterstützung gehen. Nun habe ich mir einige Routen zurechtgelegt, die genau eine halbe Stunde dauern», sagt Gschwend. Seine Tochter besucht ihn jede Woche zweimal. «Sie wohnt in der Nähe, ihr gehört ein grosses Dankeschön. Sie und die Heimleitung sorgen gut für mich.» Gschwend mag die Natur, begeisterte sich schon früh fürs Bergsteigen. Am Freitag wurde er vom Schweizer Alpen-Club (SAC) für seine 75-jährige Mitgliedschaft geehrt.

Kriegsende in Lenzburg gefeiert

Gschwend weiss auch noch, wo er war, als der Krieg endete. «Es war schönes Wetter, ich fuhr mit dem Velo nach Lenzburg. Dort lebte ein Buchbinder, mit dem zusammen ich, vor dem Krieg, in Köln die Bibliothek des Schweizer Konsulats wieder auf Vordermann brachte.» Zusammen feierten sie das Kriegsende.