Als der neue Bahnhof Aarau vor einigen Jahren seinen Betrieb aufnahm, begrüssten die Pendler das sehr. Weniger Gedränge zu Stosszeiten, mehr Raum, mehr Licht, einkaufen bis abends nach zehn. Auf kleiner Fläche bietet er alles, was das Um- und Aussteigerherz begehrt. Und doch lud er nie zum Verweilen ein. Der Bau wirkte zwar hell, ästhetisch, modern. Zugleich aber auch clean, technisch und rein funktional. Der Körper war da, die Seele fehlte.

Vergangenen Samstag hat der Schweizer Künstler Roman Signer dem Körper Leben eingehaucht. Das ist ziemlich wörtlich zu verstehen: Bei dem Werk, das nun in der Bahnhofhalle hängt, handelt es sich um vier Ventilatoren-Paare. Jedes Mal, wenn ein Personenzug durch den Bahnhof rauscht, wird über die SBB-Steuerung ein Impuls an die Ventilatoren weitergeleitet. Weil diese sich anblasen, drücken sie sich gegenseitig weg. Die Ventilatoren-Paare beginnen nacheinander, sich in Fahrtrichtung des Zuges zu öffnen. Und schliessen sich dann wieder.

Sechs Jahre arbeitete der international renommierte Künstler an der Installation «Durchzug». Der Name soll nicht zuletzt eine ironische Anspielung auf den «Durchfahrtskanton» Aargau sein. Dennoch, die Tagträumer, die den Blick zur Decke heben, entdecken keine Ironie.

Gekostet hat der Luftzug 130 000 Franken, 20 000 spendete die Stadt, 60 000 der Kanton. Den Rest übernahmen private Sponsoren. Wie die kantonale Kommission Kunst im öffentlichen Raum festhält, war die technische Umsetzung des Projekts anspruchsvoll und bedurfte einer komplexen Programmierung.

Der 78-jährige Ostschweizer Künstler arbeitet gerne mit den Elementen, wie er sagt, das Werk sei in einer «Windphase» entstanden. Für den Bahnhof Aarau sei eine klassische Skulptur von Beginn weg ausgeschlossen gewesen: Der Bahnhofplatz kam wegen der Busse nicht infrage, die Bahnhofhalle sei in Wirklichkeit eine enge Ladenstrasse. Von Anfang an richtete Signer deshalb den Blick nach oben.

Rund 70 000 Pendler nutzen den Bahnhof Aarau täglich, sie steigen aus, steigen um, trinken Kaffee to go, kaufen ein. So ein Bahnhof ist oft laut und hektisch und ein Nicht-Ort, den man passiert, durchläuft, ohne dass er im eigenen Empfinden einen Eindruck hinterlässt. Viele werden weiterhin blind durch den Bahnhof hasten. Sie aber sollten Signers Beispiel folgen und in die Luft gucken.