Aarau

Asylbewerber packen an und helfen dem Forstamt

Ein Äthiopier schneidet tote Äste von einer Tanne, Rolf Geiser redet mit einer anderen Freiwilligen vom Netzwerk Asyl.  kus

Ein Äthiopier schneidet tote Äste von einer Tanne, Rolf Geiser redet mit einer anderen Freiwilligen vom Netzwerk Asyl. kus

Um 8.30 Uhr wurde Rolf Geiser nervös. Verschiedene Flüchtlinge hatte das Mitglied beim Verein Netzwerk Asyl an diesem Donnerstag zum Arbeiten im Wald eingeladen, aber da standen erst drei beim katholischen Pfarrhaus.

Zehn Minuten später, waren es acht Personen. Doch seine Sorge war umsonst: Um 9 Uhr sassen 15 Personen – mehr als erwartet – in der WSB Richtung Distelberg.

«Es ist eine Pflicht, auf diese Bitte zu antworten und zu helfen», sagt eine kurdische Frau aus Syrien, die seit kurzem als Asylbewerberin in Unterkulm wohnt. «On ne refuse pas le travail», findet auch Gyselle aus dem Kongo. In Gummistiefeln stehen die Flüchtlinge schon mitten im Wald. Die Gruppe von Gyselle hat den Auftrag, die toten Äste von schön gewachsenen Tannen zu sägen, damit sie nicht im Stamm einwachsen und das Holz später wertlos machen.

Forstwart Andreas Oehrli versucht das den Asylbewerbern zu erklären, aber bei den meisten reichen die Deutschkenntnisse noch nicht aus, um es zu verstehen. Dafür stellt sich die Frau aus Syrien spontan vor – so wie sie es im freiwilligen Deutschkurs «Contact» des Vereins Netzwerk Asyl in Aarau gelernt hat.

Wald bisher nur im TV gesehen

Auch wenn nicht alle genau wussten wozu – die Gruppe säuberte motiviert Baumstamm für Baumstamm. Sie wollten der Stadt etwas zurück geben und auch dem «Contact», wo die Deutschkurse gratis angeboten werden. Und noch etwas liess sie zu Gummistiefeln und Säge greifen: die Langweile. «Manger, dormir, manger, dormir», beschrieb ein Jurist aus Mauretanien, der Nordostküste Afrikas, den einförmigen Alltag im Asylzentrum und warum er diese Abwechslung gerne annahm. Den Wald kannte er bisher nur aus dem Fernsehen; in Mauretanien herrscht die Wüste vor und der warme Sommermorgen sei für ihn ein «clima d’hiver», Winter-Klima.

Gyselle kennt den Wald schon, aber im Kongo, so sagt sie, seien die Baumwipfel voller Affen, man sehe Antilopen, Füchse und müsse sich vor Schlangen in Acht nehmen.

Ein junger Äthiopier steht auf einer Leiter, Forstwart Oehrli lobt seine Schneidetechnik, mit der er die Rinde nicht beschädigt und die Äste doch nahe am Stamm abschneidet. Fussballer sei er in Äthiopien gewesen, sagt er, und dass das hier «good work» sei.

«Freiwillig flieht niemand»

Warum organisiert das Netzwerk Asyl Aargau einen solchen Einsatz? Die meisten von ihnen werden die Schweiz ja doch bald wieder verlassen müssen. «Respekt und Zuwendung ist das mindeste, was wir unsererseits bieten können», sagt Rolf Geiser, als wir zwischendurch mit dem Forstauto Wasser holen. «Freiwillig flieht niemand und es ist ein langer und schwieriger Weg in die Schweiz. Dann merken sie, dass es nicht einfach ist, hierbleiben zu können. Für viele zerstört sich damit eine Lebensstrategie, die sie verfolgt haben, seit sie sie Teenager waren.»

Das Auto hält vor dem Werkhof, Geiser bleibt sitzen. «Wir können nicht alle ihre Erwartungen erfüllen. Aber wir dürfen die Opfer nicht zu Tätern machen. Sie kriegen das Gefühl vermittelt, dass sie das Asylproblem verursachen», sagt Geiser, «dabei ist es das wahnsinnige Gefälle von Arm und Reich auf der Welt. So lange es besteht, wird es Migration geben.»

«Arbeit gibt ihnen Würde»

Integration funktioniere am besten über Arbeit. «Ihnen Arbeit zu verweigern, weil sie wieder gehen müssen, ist Mumpitz!», sagt Geiser, für einen Moment wirkt er ärgerlich. «Arbeit gibt Würde und Selbstvertrauen. Diesen Rückgrat brauchen die Menschen, wenn sie zurückgehen. Sie müssen glauben, dass sie etwas tun können.»

Forstwart Ueli Lüscher, der den Einsatz koordiniert, steht schon eine Weile neben dem Auto, die Wasserflaschen im Arm. Geiser bemerkt ihn, entschuldigt sich und lädt sie ein. Bevor er zu den anderen beiden Gruppen fährt, welche Ränder einer Waldstrasse roden, sagt er: «Asylbewerber rumhängen zu lassen, ist verheerend. Der Aargau ist diesbezüglich einer der nachlässigsten Kantone.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1