Suhr

Armutsbetroffene lesen ihre selbst erlebten Geschichten vor

SRF-3-Moderatorin Tanja Kummer und Akkordeonistin Charlotte Widmer hier bei einer ersten Lesung in Wohlen im letzten November.

SRF-3-Moderatorin Tanja Kummer und Akkordeonistin Charlotte Widmer hier bei einer ersten Lesung in Wohlen im letzten November.

Menschen, die ihn sehr knappen, finanziellen Verhältnissen leben, lesen in der Suhrer Gemeindebibliothek ihre ganz persönlichen Geschichten vor

«Bitte reiben Sie die goldige Fläche mit einer Münze ab, falls Sie eine haben», so titelt das Heft «Wir sind arm». Es ist während einer Schreibwerkstatt mit Tanja Kummer, Literaturexpertin von Radio SRF 3, entstanden. Vier dieser Texte werden am Donnerstag in der Bibliothek Suhr von den Autorinnen und Autoren selbst vorgelesen.

Die Caritas organisiert diese Lesung, um ihr Angebot der Kulturlegi noch bekannter zu machen – einer Karte mit der Armutsbetroffene zu reduzierten Preisen von Kulturangeboten profitieren können. Wichtige Partnerinnen sind dabei die – ohne hin günstigen – Gemeindebibliotheken.

Sie lesen vor für mehr Verständnis

In der Gemeindebibliothek Suhr kommen die Betroffenen nun selbst zu Wort und erzählen, was es heisst, in der Schweiz arm zu sein. Zum Beispiel Handweberin Henriette Kläy. Sie verspricht sich von dieser Lesung, dass mehr Leute die Situation Armutsbetroffener besser verstehen: «Darauf zu sensibilisieren ist das Mindeste, was ich tun kann.»

Wegen Krankheit bezieht Henriette Kläy eine IV-Rente. Ihre Texte schreibt sie möglichst kurz und vermeidet es, zynisch zu werden. Berichten arme Menschen besser über Armut? Kläy antwortet prompt: «Selbst Erlebtes ist wahrer, als was man nur von aussen kennt.» Armut sei von Fall zu Fall verschieden und könne nur bezüglich des Schicksals des einzelnen Menschen angeschaut werden.

Was die Frau in Suhr vorlesen wird, erlebt sie seit Jahren. Dass sie jeweils Schweissausbrüche habe, wenn sie an der Kasse stehe und befürchte, zu wenig Geld dabei zu haben. Ihren Alltag bewältigt Henriette Kläy, indem sie Strategien entwickelt; und es so beispielsweise schafft, ohne Geld auszugeben, ihren Balkon mit Pflanzen zu schmücken. Inzwischen steht sie zu ihrer Armut und verzichtet darauf, Weihnachtsgeschenke zu machen. Ihr Motto ist das Sprichwort: «Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.»

Im Trüben Geschichten gefischt

«Meine reduzierte graue Mäusewelt», so der Titel von Ruth Fathallah-Kobelts Geschichte, beschreibt eine Frau neben Berufstätigen auf dem Weg in die Bäckerei. In der Welt der Tüchtigen, da sei sie verloren gegangen. Hinter der Vitrine im Ladenlokal ruft ihr das duftende Gebäck zu und lacht sie an. Doch bestellt sie weder Vanilleschnecken noch Zopf, sondern ein Ruchbrot. Auch in Ruth Fathallah-Kobelts Alltag fehlen Süsses vom Bäcker und erst recht Reisebüros und Buchhandlungen.

Eine weitere Autorin, Hava Kurti Krasniki, lebt seit vier Jahren in der Schweiz. Ihre Zeit ist damit ausgefüllt, die Armut zu bekämpfen: So ist sie als Kulturvermittlerin tätig, engagiert sich in einer Friedensorganisation und in ihrer Heimat, dem Kosovo, hat sie Kinder- und Erwachsenenbücher herausgegeben. Am liebsten jedoch motiviert sie Kleinkinder für Literatur, indem sie ihnen Spiele und Reime beibringt. Ihr Text schliesst mit «Glücklich wird, wer die Armut bekämpft.»

Lesung am 17. Januar 20 Uhr, Gemeindebibliothek Suhr, Tramstrasse 12. Gastgeberin ist die Kulturkommission Suhrerchopf, Tanja Kummer, Literaturexpertin von Radio SRF 3, moderiert, Charlotte Widmer singt und spielt Akkordeon. Weitere Lesung am 23. Januar, 20 Uhr, Widen, Zentrumsbibliothek Mutschellen.

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