Er steht, er ist fertig, der Erweiterungsbau des Museums Schlössli. Zehn Jahre hat der ganze Prozess gedauert; 2005 bewilligte der Einwohnerrat einen Studienauftrag für die Erweiterung. Gut Ding will in Aarau Weile haben.

«Die Volksabstimmung 2009 war für uns eine Belastung», erinnert sich Architekt Roger Diener von Diener & Diener, Basel. «Die Anspannung war gross, die Erleichterung dann ebenso.»

Überstanden war der Widerstand gegen die Erweiterung noch nicht: Die Abstimmungsbotschaft wurde vor Gericht angefochten, dann folgten diverse Einsprachen gegen das Baugesuch. Auch, weil klar war, dass der Mammutbaum neben dem Schlössli gefällt werden muss.

Ein kluger Platzwechsel

Denn Diener & Diener verpflanzten zusammen mit dem Aarauer Architekten Martin Steinmann den Neubau kurzerhand als Annex auf die westliche Seite des Schlössli, dorthin, wo der Baum stand.

Ein separater Pavillon im Märkli östlich davon kam für sie nicht infrage. «Ein Pavillon hätte die eklatanten Mängel des Stadtmuseums nicht behoben», sagt Roger Diener gestern am Tag vor der Eröffnung. «Das Schlössli wäre weiter labyrinthisch geblieben, nicht rollstuhlgängig und man hätte weiter den Eingang kaum gefunden.»

Da die aktuellen Ausstellungen im neuen Gebäude stattgefunden hätten, wäre der alte Bau noch mehr entwertet worden, ist Diener überzeugt.

Der Platzwechsel habe nicht nur in der Stadt, sondern auch in der Fachwelt zu Diskussionen geführt, sagt Stadtbaumeister Felix Fuchs. Doch durch die Abweichung vom ursprünglichen Standort sei die beste Lösung ermöglicht worden, in architektonischer und städtebaulicher Hinsicht.

Achse des «Grabens» verlängert

Baudenkmäler zu isolieren, findet Roger Diener keine gute Idee, davon war er schon beim Anbau der Schweizer Botschaft in Berlin überzeugt. Zum Annex des Schlössli finden Diener und Steinmann: «Unser Konzept ging frappant gut auf.»

Es sei eigentlich ein Zufall, aber vielleicht auch nicht, sagt Steiner, dass die Wandmalerei «Totentanz» am Oberturm von Felix Hoffmann am einen Ende der Graben-Allee stehe und die lebendigen Menschen an der Fassade des Neubaus am anderen Ende den Graben abschliessen. Steinmann wohnt neben dem Oberturm, deshalb ist ihm das aufgefallen.

Die 137 Menschen auf den 134 Betonplatten des St. Galler Künstlers Josef Felix Müller dominieren die Aussenansicht. Er hat sie mit der Kettensäge aus Holzplatten des Mammutbaums gesägt und der umstrittenen Fällung so ein Denkmal gesetzt.

Doch wo bleibt da die Architektur? Roger Diener kennt die Frage. «Es funktioniert», sagt er, «weil sich Josef Felix Müller der Architektur untergeordnet hat. Er hat sich zwar der ganzen Fassade bemächtigt, aber er hat sie uns als Architektur zurückgegeben. Seine Kunst geht in der Architektur auf.»

Ausserdem hatten sich die Architekten eine figürliche Kunst am Bau gewünscht. «Die nackten Betonplatten alleine hätten zu wenig zur Stadt gesprochen», findet Diener.

Der Künstler selbst sieht es so: «Hätte ich die Platten ornamental verziert, wäre ein Lebkuchenhaus entstanden. Mit den Alltagsmenschen soll der Bau die Bevölkerung ansprechen und sagen: «Das ist euer Museum, ihr seid gemeint», sagt Müller. Er hoffe, dass ihm das gelungen sei, und dankte für das Vertrauen der Architekten.

Wird es ein Museum fürs Volk?

Dass das 16 Millionen teure Museum rege besucht wird, ist tatsächlich das grosse Ziel. Nicht nur die neue Art der Ausstellungen, sondern auch der Bau wird dabei helfen: Man muss einmal vom neuen Teil durch die meterdicke Mauer ins alte Schlössli gegangen sein. Nur schon das, ist ein Erlebnis.

Der glatte Beton, das glänzende Metall, Glas und dann der rohe Stein, die aufgedeckten blätternden Tapeten, der knarrende Holzboden. Man weiss nicht wie, aber der Übergang geht auf, innen noch besser als aussen.

Auf diese Besonderheiten ist beim ersten Besuch ausserdem zu achten: Die Achse des «Grabens» geht durch den Annex hindurch zum Jura. Das grosse, hintere Fenster gibt den Blick frei.

Dass der Schlossplatz sozusagen ins Gebäude hineinfliesst und der Bau eine Verbindung zur Stadt am Jurasüdfuss herstellt, das wollten die Architekten bewusst.

Zweitens: Jeweils eines der drei neuen Geschosse ist so hoch wie zwei Geschosse im alten Schlössli, so liessen sich die Gebäude verbinden – und das Schlössli wurde per Lift in der Mitte rollstuhlgängig.

Drittens: Die Plattenbalken an den Decken im Annex sind die einzigen Strukturelemente, denn Wände müssen in einem Museum genutzt werden können und deshalb glatt sein, und doch darf es darin nicht hallen.

Schandtaten aus den 70ern

Auf etwas Letztes weist der Projektleiter bei Diener & Diener, Christian Severin, hin: Dass das Schlössli auch saniert werden muss, damit hat man zuerst nicht gerechnet.

Die Bausünden vor allem aus den 70er-Jahren kamen erst nach und nach zum Vorschein: Stahlträger, die quer durch den Turm laufen, Teppiche auf schönen Holzböden, wild verlegte Plastikkabelkanäle für die Elektrik. «Allgemein war der Umgang mit dem Altbau damals brutal», bilanziert Severin.

Am heutigen Umbau wird es nicht liegen, falls die Museumsbesucher doch ausbleiben. Sogar olfaktorisch ist er ein Erlebnis: Im Annex dominiert nicht der Geruch der neuen Farbe, sondern der Holzgeruch der Ausstellungswände, im alten Teil riecht es nicht mehr muffig, sondern ... schwierig zu sagen. Man muss selbst hingehen, schauen und riechen.