Aarau
Architekt über Kantonsspital-Hochhaus: «Vor dem Auswandern wollte ich noch etwas Verrücktes machen»

Zum Augenschein im renovierten KSA-Hochhaus war Erbauer Emil Aeschbach geladen. Der 95-Jährige erzählte, wie der Bau vor 60 Jahren vonstatten ging.

Ueli Wild
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Hochhaus-Erbauer Aeschbach

Hochhaus-Erbauer Aeschbach

Ueli Wild

Wäre da nicht der Nebel – die Aussicht vom Dach des ersten Hochhauses, das in Aarau gebaut wurde, wäre grandios. In den letzten zwölf Monaten wurde das ehemalige Schwesternhaus des Kantonsspitals (KSA) fundamental renoviert und in ein Bürogebäude umfunktioniert. Zum Augenschein nach Abschluss der Arbeiten hat das KSA auch den Projektverfasser des 1956 errichteten Gebäudes eingeladen.

Da steht Emil Aeschbach nun auf dem Dach «seines» Hochhauses und schaut hinaus in den Nebel und hinunter auf die grossen Bäume des Parks, der das Kantonsspital umgibt. Der 95-Jährige kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, denn mit der Baubewilligung war das damals so eine Sache: Profilstangen, die der Gebäudehöhe entsprochen hätten, wären zu teuer gewesen. So kam man auf die Idee, an Schnüren befestigte Ballone himmelwärts steigen zu lassen. Dann fuhr Aeschbach mit dem Baukommissionspräsidenten rund ums Kantonsspital. Es windete gehörig. «Die Ballone», erzählt Aeschbach, «hat man deshalb hinter den Bäumen gar nicht gesehen.» Die Baubewilligung wurde erteilt, ohne dass es irgendwelche Probleme gegeben hätte.

Erfolgsmeldung nicht geglaubt

Zu Beginn der Fünfzigerjahre beschloss das KSA, ein Schwesternhaus zu bauen. 1953 wurde der Wettbewerb ausgeschrieben. Aeschbach erinnert sich: Drei Hochhausprojekte, darunter das seine, hatten die Nase vorn. Die andern beiden wiesen einen lang gestreckten Baukörper auf. Ein Kollege teilte Aeschbach mit, sein Projekt habe gewonnen. Der glaubte es nicht, bis er tags darauf Kontakt mit der Jury hatte: «Ich dachte, der Kollege mache das Kalb mit mir.» Der Verfasser des Siegerprojekts muss beim Ortstermin auch erklären, wie er auf die Hochhausidee kam. Er habe nach Südfrankreich auswandern wollen, verrät Aeschbach. «Ich war klimatisch von dort beeinflusst.» Und vor dem Auswandern habe er noch «etwas Verrücktes machen» wollen. «Mit fliegenden Fahnen auswandern».

60 Jahre danach: Emil Aeschbach (mit Stock) auf dem Dach seines Hochhauses mit (v.l.) KSA-CEO Robert Rhiner, Sergio Bauman (Leiter Betrieb), Umbau-Architekt Philipp Kim.

60 Jahre danach: Emil Aeschbach (mit Stock) auf dem Dach seines Hochhauses mit (v.l.) KSA-CEO Robert Rhiner, Sergio Bauman (Leiter Betrieb), Umbau-Architekt Philipp Kim.

Ueli Wild

Doch er blieb hier. Viele Gebäude auch in der Region verraten seine Handschrift, nicht zuletzt öffentliche Bauten wie das Primarschulhaus im Aarauer Schachen von 1967. Das KSA-Haus 27 stammt aus der Anfangszeit seines eigenen Büros. Aeschbach erinnert sich: «Ich hatte einen Stift, einen Techniker – und eine Praktikantin, die eine berühmte Architektin wurde.» Esther Guyer-Andres und ihr Ehemann Rudolf schufen Werke, die als Spiegelbild der Schweizer Architektur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelten. Ihr Sohn Mike Guyer hat, zusammen mit Annette Gigon, das derzeit höchste Glashaus der Schweiz, den 36-stöckigen Primetower in Zürich geplant.

Der Umbau des früheren Schwesternhauses wurde Kim Strebel Architekten, Aarau, anvertraut. Das Ganze sei «gut herausgekommen», findet Emil Aeschbach. Weniger glücklich ist er mit einer früheren Sanierung, bei der das spiralförmige Treppenhaus eingewandet wurde. Aus Sicherheits- respektive feuerpolizeilichen Gründen, wie Sergio Baumann, Leiter Betrieb KSA, sagt.

Jetzt wurde das Gebäude laut Architekt Philipp Kim so umgebaut, «wie wenn die Mode der Fünfzigerjahre noch gelten würde – aber nicht romantisierend.» Die Gebäudehülle wurde auf den aktuellen energetischen Standard gebracht. Die während der Ölkrise in den Siebzigerjahren angebrachten asbesthaltigen Eternitplatten wurden entfernt und durch einen Verputz mit Wärmedämmung ersetzt.

Das Haus 27 des KSA, das ehemalige Schwesternhaus, wurde total renoviert.

Das Haus 27 des KSA, das ehemalige Schwesternhaus, wurde total renoviert.

Ueli Wild

Aus dem Hochhaus wieder ein Schwesternhaus zu machen, wäre, so Sergio Baumann, zu teuer gewesen. Aus den 13 Quadratmeter grossen Zimmern werden nun Büros mit je zwei Arbeitsplätzen. Erste Mitarbeitende haben ihre Plätze bezogen. Die übrigen folgen sukzessive bis März 2018. Dann sollen auch die Umgebungsarbeiten fertiggestellt werden. Das Erdgeschoss, wo es grössere Räume gibt, beherbergt Sitzungszimmer. Auf jeder der neun Etagen darüber wurde ein Zimmer für Pikettdienste am KSA eingerichtet: Schlafgelegenheiten, die bei Bedarf, etwa von Ärzten, genutzt werden können. Das Hochhaus dient auch als Puffer im KSA-Masterplan: Im Bereich des geplanten Hauptgebäude-Neubaus müssen sechs Gebäude abgerissen werden. Die betroffenen Beschäftigten können temporär ins renovierte Haus 27 ausweichen.

Kosten: knapp 9 Mio. Franken

Noch ist nicht alles abgerechnet. Doch, wie KSA-Mediensprecherin Andrea Rüegg auf Anfrage mitteilt, wird damit gerechnet, dass sich die Renovationskosten auf knapp 9 Mio. Franken belaufen werden. «Damit», sagt Rüegg, «liegen wir knapp 5 Prozent unter dem ursprünglichen Budget.»