Aarau
Arbeiten neben 16000 Volt am Aarauer Bahnhof

Das Perrondach muss geflickt werden: Es gibt gemütlichere Arbeitsplätze als dieses Dach am Bahnhof Aarau, auf dem die SBB-Mitarbeiter seit Ende Juni den Belag auswechseln. Unter den Arbeitern fahren die Züge mit bis zu 160 Stundenkilometern durch.

Katja Schlegel
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Nur 60 Zentimeter hinter dem Gitter hängt die Hauptleitung mit 16000 Volt.
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Arbeiten am Perrondach in Aarau
Die Gefahr ist immer da, Sicherheit hat stets oberste Priorität.
An solchen Sicherheitshaken werden die Arbeiter beim Demontieren der Gerüste befestigt.
Bruno Kunz (vorne) schreckt das Wanken des Daches schon längst nicht mehr.
Die beiden Absperrgitter schützen die Arbeiter vor den Hauptleitungen.

Nur 60 Zentimeter hinter dem Gitter hängt die Hauptleitung mit 16000 Volt.

Emanuel Freudiger

Man muss das Ohr nicht wie ein Indianer auf die Schienen legen. «Vorsicht, Zugdurchfahrt», schnarrt es mahnend aus den Lautsprechern, lange bevor der herannahende Koloss den Stahl singen lässt. Ein durchfahrender Zug? Nichts Ungewöhnliches – stünde man denn auch sicher auf dem Perron und nicht sechs Meter höher auf dem Perrondach zwischen Gleis 2 und 3. Hier schreckt einem alleine schon die Nähe zu den Fahrleitungen. 60 Zentimeter liegen zwischen Absperrgitter und den 16 000 Volt. Es gibt durchaus gemütlichere Arbeitsplätze als dieses Dach am Bahnhof Aarau, auf dem die SBB-Mitarbeiter seit Ende Juni den Belag auswechseln.

Ein Flachdach zu flicken sei eine Routinearbeit, die alle 20 Jahre gemacht werden muss, und eigentlich völlig unspektakulär sei, hat Projektleiter Erich Schmied vor dem Aufstieg aufs Dach gesagt. Eigentlich. Wenn man denn die Gleise und das Perron sperren und die Hauptleitung abstellen könnte. «Auf einer Hauptlinie wie Olten–Zürich ist das aber unmöglich», so Schmied.

Alle paar Minuten fährt hier ein Zug durch, mal hält einer, viele kesseln aber ungebremst durch. Und weil Aarau ein übersichtlicher Bahnhof ist, die technischen Voraussetzungen stimmen und bei dem dichten Fahrplan jede Minute zählt, fahren die Züge mit bis zu 160 Stundenkilometern durch. In anderen Bahnhöfen sind es nur 80 bis 100 Stundenkilometer. Abbremsen müssen in Aarau nur die Güterzüge: Weil die nicht so aerodynamisch geformt sind wie die Personenzüge, wäre die Luftverwirbelung bei zu viel Tempo gefährlich für die Passagiere auf dem Perron.

Fahrtwind lässt Dach wanken

Solch ein heikles Unterfangen wie das einer Perrondach-Sanierung muss lange vorbereitet werden: «Wir mussten das Projekt ein halbes Jahr im Voraus anmelden und haben dann Mitte Juni ein Zeitfenster zugeteilt bekommen, während dem wir in sechs Nächten jeweils von morgens um 1 bis um 6 Uhr das Gleis sperren konnten», sagt Schmied. Dann wurde ein Sicherheitsdispositiv erarbeitet mit Bremswegen, Mindestabständen und Notfallnummern und schliesslich das Dach statisch geprüft: Wie viel der insgesamt 180 Tonnen Kies darf man auf einmal zur Seite schaufeln?

180

180 Tonnen Kies wurden bei der Sanierung auf dem Perrondach herumgeschaufelt. Am Mittwochabend dürften die Arbeiten abgeschlossen sein. Das Zeitfenster für das Sperren der Gleise und das Abschalten der Hauptleitung wurde auf Ende September gelegt. Erst dann können die Gerüste wieder während mehrerer Nächte abgebaut werden.

Der Lautsprecher schnarrt wieder. Schmied blickt auf die Uhr, ein Intercity von Olten in Richtung Zürich. «Der wird sicher 160 Stundenkilometer draufhaben, der ist schnell vorbei.» Das erinnert an die Mathe-Stunden: Ein 200 Meter langes Perrondach, ein knapp 400 Meter langer Zug mit Tempo 160 – wie lange dauert es, bis der Zug am Dach vorbei ist? Die Rechnung ist noch nicht ansatzweise gelöst, da ist der Zug auch schon vorbei. Das Gute an einem durchfahrenden Zug in dieser Höhe: Der Fahrtwind zerzaust einem nicht die Frisur. Dafür lässt er das ganze Dach schwanken.

Die Situation auf dem Dach ist selbst für Thomas Wyss, Fachspezialist Arbeitssicherheit, speziell. Obwohl alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden, wäre Nachlässigkeit fatal. «Mit einer Fahrleitung in direkter Nähe ist nicht zu spassen. Man muss darauf vertrauen können, dass jeder einzelne Mitarbeiter seinen Job gut macht.» Einen schreckt zumindest das Wanken nicht mehr: Spengler Bruno Kunz, seit 45 Jahren auf dem Beruf tätig, liegt mit dem Lötkolben direkt am Dachrand, währenddem ein Güterzug durchdonnert. Ist das kein unangenehmes Gefühl? Kunz winkt ab. «Da gewöhnt man sich dran, das Wanken spüre ich nicht mehr.»