Wissenschaft
Arbeit in "Problemquartieren": Suhr wird zum internationalen Forschungsobjekt

Am Montag startet ein internationales Forschungsprojekt zur Arbeit in sogenannten «Problemquartieren». Mit dabei: Die Gemeinde Suhr.

Katja Schlegel
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In neun Quartieren in Deutschland, Frankreich und der Schweiz werden Ideen gesammelt – unter anderem im Frohdörfli in Suhr.az-ArchiV

In neun Quartieren in Deutschland, Frankreich und der Schweiz werden Ideen gesammelt – unter anderem im Frohdörfli in Suhr.az-ArchiV

Pascal Meier

Suhr wird zum internationalen Forschungsobjekt. Am Montag startet in Strassburg ein länderübergreifendes Projekt zur Erforschung innovativer Stadtentwicklung in sogenannten «Problemquartieren». Beteiligt sind je drei Quartiere oder Gemeinden in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Das Ziel: Durch den trinationalen Austausch sollen Methoden entwickelt werden, um Quartiere mit hohen Ausländeranteilen und Sozialhilfequoten einfacher voranzubringen.

9 Gemeinden oder Quartiere...

... sind am internationalen Forschungsprojekt beteiligt: In Deutschland sind dies die Stadt Kehl und zwei Quartiere in Freiburg, in Frankreich Strassburg mit zwei Quartieren und die nahegelegene Stadt Saverne. Auf Schweizer Seite sind die Stadt Basel mit dem Quartier Klybeck-Kleinhüningen sowie die Gemeinden Pratteln und Suhr beteiligt. Für die Gemeinden kostet das Projekt – ausser der Arbeitszeit – nichts. Die Kosten tragen nebst der beteiligten Fachhochschulen (Eigenmittel) die Schweizerische Eidgenossenschaft im Rahmen der neuen Regionalpolitik sowie die Kantone Basel-Stadt, Basel-Landschaft und Aargau. Auf französischer und deutscher Seite wird das Projekt durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung unterstützt.

«Die am Projekt beteiligten Quartiere stehen alle vor ähnlichen Herausforderungen, trotzdem findet kaum ein Austausch über die Landesgrenzen hinweg statt», sagt Jutta Guhl von der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), die gemeinsam mit den Partnerhochschulen in Freiburg und Strassburg für das Projekt zuständig ist. «Wir wollen die Ideen und Vorgehensweisen, die die einzelnen Gemeinden in der Quartierentwicklung anwenden, sammeln und untereinander austauschen», so Guhl weiter. Dabei schaue man die Quartiere nicht in erster Linie als benachteiligt an, sondern vielmehr aus der Ressourcenperspektive.

Suhr ist die Kleinste

Konkret heisst das: Die Verantwortlichen aus den Gemeinden besuchen gegenseitig die Quartiere und schauen, wo die Ressourcen liegen und welche innovativen Projekte die Standortgemeinde umsetzt. Angesetzt ist die Laufzeit des Projekts auf drei Jahre. Dann sollen die verschiedenen Projekte und Methoden zur Quartierentwicklung in einem «Werkzeugkoffer» gesammelt und veröffentlicht werden. «Als Handbuch für andere Gemeinden, die vor ähnlichen Problemen stehen», wie Guhl sagt.

Suhr ist mit gut 10'000 Einwohnern die kleinste beteiligte Gemeinde. Eine gute Grösse, sagt Guhl. «Hier kennt man sich, hier spricht man miteinander.» Ausserdem würden der Gemeinderat und die Gemeinde proaktiv die Probleme anpacken, so Guhl. Erst im letzten Sommer hatte die Gemeindeversammlung beschlossen, 750'000 Franken in einen Pilotversuch für die Quartierentwicklung zu investieren und mit Massnahmen zur Integration und Beratungen die explodierenden Soziallasten zu dämpfen. Bei der Ausarbeitung dieses Pilotversuchs war die FHNW beteiligt. «Wir kennen die Situation in Suhr bereits gut und haben die Gemeinde deshalb auch für das Forschungsprojekt angefragt», sagt Guhl.

«Das bringt Suhr weiter»

Gemeinderat Daniel Rüetschi, der die Gemeinde im Forschungsprojekt vertritt, freut sich über diesen Entscheid. Und er glaubt an den Zusatznutzen für Suhr und das bereits angelaufene Pilotprojekt: «Ich bin überzeugt, dass wir bei den Besuchen und im Austausch mit den anderen Quartieren Methoden entdecken, die uns auch in Suhr weiterbringen», sagt Rüetschi. «Man muss nicht immer das Rad neu erfinden, man kann auch einfach voneinander lernen.»

Das beruht auf Gegenseitigkeit: So wird Rüetschi an der heutigen Veranstaltung in Strassburg seinen deutschen und französischen Kollegen beispielsweise über die Erfahrung mit der Gemeindeversammlung erzählen. «Wir haben mit der Gemeindeversammlung die Möglichkeit, die Bevölkerung in die Entscheide mit einzubinden, ihr zuzuhören, ihre Probleme ernst zu nehmen und sie zu unterstützen», so Rüetschi. Etwas, was man in Frankreich beispielsweise nicht kennt. «Für Franzosen ist das ein ganz neuer Aspekt», sagt Rüetschi. «Vielleicht auch einer, der vieles vereinfachen könnte.»

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