Überholspuren sind auf dem schweizerischen Strassennetz eher selten. Wer hin und wieder auf französischen Schwerverkehrsachsen unterwegs ist, wo die zusätzlichen Spuren oftmals alternierend in der einen, dann wieder in der andern Fahrtrichtung zur Verfügung stehen, kennt sie – und die Frage, die sich immer wieder stellt: Reicht es noch, das langsame Vehikel zu überholen und vor der Verengung wieder einzubiegen? Oder gibt der Lenker des auf der Überholspur vorausfahrenden Fahrzeugs zu wenig Gas?

Eine kurze Überholspur dieses Typs gibt es auf der Südrampe der Staffelegg. Ein Überholmanöver auf ihr war der Grund dafür, dass sich ein 36-jähriger Türke aus dem Autogewerbe dieser Tage vor dem Bezirksgericht Aarau zu verantworten hatte. Er hatte seinerzeit am Steuer eines Bentley gesessen – einer Bolide mit über 500 Pferdestärken.

Ohne Rücksicht und mit viel Lärm

Die Strassensituation präsentiert sich wie folgt: Nach einer 90-Grad-Rechtskurve führt die Staffeleggstrasse von Küttigen her stark ansteigend in östlicher Richtung mehr oder weniger geradeaus zur Passhöhe hinauf. Unmittelbar nach der Kurve verdoppelt sich die bergwärts führende Spur.

Auf einem Abschnitt von rund 220 Metern Länge besteht die Möglichkeit, den Langsamverkehr zu überholen. Gleichzeitig gewinnt man 25 Höhenmeter. Dann signalisieren drei aufeinander folgende Pfeile nach rechts, dass die Überholspur demnächst endet. Spätestens die rund 50 Meter lange und in eine Sicherheitslinie auslaufende Sperrfläche zwingt die Fahrzeuglenker, wieder auf die Normalspur zu wechseln.

Im Zeitraffer: eine Fahrt über die Staffeleggstrasse in doppelter Geschwindigkeit

Im Zeitraffer: eine Fahrt über die Staffeleggstrasse in doppelter Geschwindigkeit

Auf diesem Strassenstück, heisst es im Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau, habe es der Autohändler bei einem Überholmanöver unterlassen, auf den Gegenverkehr Rücksicht zu nehmen. Er habe auch den überholten Lenker behindert, die Sperrfläche sowie die Sicherheitslinie überfahren und bei der nachfolgenden Beschleunigung unnötigen Lärm verursacht.

Die Staatsanwaltschaft verurteilte den Lenker zu einer unbedingten Geldstrafe von 1800 Franken und einer Busse von 400 Franken. Inklusive Strafbefehlsgebühr und Polizeikosten hätte der Türke 3300 Franken hinblättern müssen, doch er focht den Strafbefehl an.

Der Anzeigeerstatter als Zeuge 

Zur Hauptverhandlung waren zwei Zeugen geladen worden: Erstens der Lenker eines VW-Kastenwagens, der selber überholt hatte und anschliessend vom Bentley des Beschuldigten passiert worden war. Zweitens ein früherer Geschäftspartner des Beschuldigten, der weiter hinten in der Kolonne in Richtung Staffelegg gefahren war. Der VW-Lenker war es gewesen, der die Polizei eingeschaltet hatte. Mit dem Effekt, dass der Bentley vor Frick von der Polizei zur Seite gewinkt und kontrolliert wurde.

Laut der Staatsanwaltschaft hatte der Bentley den VW über die beginnende Sperrfläche sowie über die folgende Sicherheitslinie überholt. Gleichzeitig habe sich aus der Gegenrichtung ein Personenwagen genähert. Um eine Kollision mit dem Bentley zu vermeiden, so die Staatsanwaltschaft, hätten der Lenker des überholten wie auch jener des entgegenkommenden Personenwagens abbremsen und nach rechts an den Strassenrand ausweichen müssen.

Vollbremsung eingeleitet

Der VW-Fahrer wiederholte im Wesentlichen die in der Voruntersuchung gemachten Aussagen: Er sei an den Rand ausgewichen, habe gehupt und eine Vollbremsung eingeleitet. Er sei der Meinung, auch das entgegenkommende Fahrzeug habe gebremst. Es sei wohl auch zur Seite gefahren.

Neu war, dass der Zeuge nun sagte, auch der Bentley habe voll abgebremst. Einen Moment lang sei er auf der Sperrfläche gestanden und habe dann wieder beschleunigt. Der Entlastungszeuge, von Beruf Automobilfachmann, dagegen sagte, da sei gar nichts gewesen. Was er von hinten gesehen habe, sei «ein ganz normaler Überholvorgang» gewesen. Und ein entgegenkommendes Auto habe es oben in der Verengung auch keines gegeben.

Verteidiger vermutet  auch Neid

Das sagte auch der Beschuldigte, der zudem erklärte, kein Hupen gehört zu haben. Gebremst habe er auch nicht, beziehungsweise erst weiter oben, wo sich die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf 60 km/h verringere. Ob denn die Zeugen (gemeint der VW-Fahrer und seine Frau) die ganze Geschichte frei erfunden hätten, wollte Gerichtspräsidentin Karin von der Weid wissen. Und falls ja, wieso.

Der Beschuldigte und sein Verteidiger – Jürg Krumm aus der Zürcher Anwaltskanzlei von Valentin Landmann – vermuteten, der VW-Fahrer sei erschrocken. «Vielleicht», so Krumm, «hat er vergessen, in den Rückspiegel zu schauen.» Der Bentley sei ein grosser, massiger Wagen – und ein lauter obendrein. Möglicherweise habe auch Neid mitgespielt.

Die Aussagen der Ehefrau, sagte Krumm, hätte man gar nicht verwerten dürfen, denn es sei nie zu einer Konfrontation mit dem Beschuldigten gekommen. Die Aussagen des VW-Lenkers selber zog der Verteidiger dadurch in Zweifel, dass er feststellte, wenn der Überholte tatsächlich bis zum Stillstand hätte abbremsen müssen, hätte er dies zweifellos schon in der ersten Befragung gesagt. Krumm forderte einen Freispruch für seinen Mandanten. «In dubio pro reo.»

Grober Verstoss nicht erwiesen

Konfrontiert mit einander zuwiderlaufenden Zeugenaussagen, fällte Gerichtspräsidentin von der Weid ein differenziertes Urteil. Sie sprach den Bentley-Fahrer frei von der groben Verletzung der Verkehrsregeln. Die Behinderung des überholten Lenkers sowie des Gegenverkehrs sei für sie nicht erwiesen, deshalb komme in diesem Punkt der Grundsatz «in dubio pro reo» zum Tragen, sagte sie in der mündlichen Begründung des Urteils.

Auch in Bezug auf das Verursachen unnötigen Lärms sah sie von einem Schuldspruch ab. Grundsätzlich war sie aber der Ansicht, die Aussagen des VW-Lenkers erschienen als «sehr glaubwürdig».

Die Richterin hielt es daher für erwiesen, dass der Beschuldigte die Sperrfläche und die Sicherheitslinie überfahren hatte. In Bezug auf diese Verletzung der Verkehrsregeln sprach von der Weid den Autohändler schuldig. Sie auferlegte ihm dementsprechend eine Busse von 350 Franken. Eine Geldstrafe, wie von der Staatsanwaltschaft gefordert, bleibt ihm dagegen erspart.

Allerdings muss er, was mehr ins Gewicht fällt, die Verfahrenskosten und seine Parteikosten berappen. Ob der Autohändler, den nicht zuletzt der Führerausweisentzug stört, das Urteil ans Obergericht weiterzieht, wussten er und sein Verteidiger unmittelbar nach der Verhandlung noch nicht.